Die Sammlung der Russischen Avantgarde ist derzeit leider nur eingeschränkt ausgestellt.
Wir zeigen die Präsentation "Propaganda und Kunst unter Stalin. Aspekte der Sammlung Russische Avantgarde".
1927 errichtete Josef Stalin (1878-1953) in der Sowjetunion eine totalitäre Diktatur. Mithilfe seines Fünfjahresplans sollte die Produktion in Industrie und Landwirtschaft massiv gesteigert werden. Dies führte zu brutalen Zwangskollektivierungen in der Landwirtschaft und Massenumsiedlungen der ländlichen Bevölkerung. Ernteerträge wurden ausgeführt, um die Industrialisierung der Sowjetunion zu finanzieren. Dies führte zu enormen Hungersnöten. Das ehrgeizige Programm, vor allem auch im Bereich Bergbau und Schwerindustrie, verhalf der bislang industriell rückständigen UdSSR zum Aufstieg zur Industrie- und Militärmacht.
In Zeitungen und Magazinen veröffentlichte Fotoreportagen vermittelten die „Erfolge" dieser kompromisslosen Maßnahmen. Eine der ersten Bildreportagen 24 Stunden im Leben der Moskauer Arbeiterfamilie Filipow zeigt den vermeintlich „hohen" Lebensstandard für sowjetische Arbeiterfamilien: genug zu essen, eine nette Wohnung und gemeinsame Ruhezeiten. Sie preist das sozialistische Ideal der Gemeinschaft, das den Einzelnen vollends unterordnet und das auch in Paraden und Sportveranstaltungen beschworen wird. Mithilfe von Fotomontagen glorifizierte der Fotograf Gustav Kluzis in seinen Plakatentwürfen Propagandaaufmärsche, fleißige Arbeiter und Stalin selbst. Josef Stalins gewaltiger Kult um seine Person festigte seine Diktatur. Zahlreiche Porträts verherrlichen den erbarmungslosen Diktator und stellen ihn in der Rolle des „gutherzigen Vaters" dar.
Michail Larionow, Rayonismus Rot und Blau (Strand), 1911, Öl auf Leinwand, 52 x 68 cm Bildbeschreibung
Die russische Avantgarde ist eine der großen schöpferischen Bewegungen in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Die Bezeichnung umfasst die Kunstentwicklung im Russland der vor- und nachrevolutionären Zeit von etwa 1905 bis zum Ende der 1920er Jahre, in der das Land einen beispiellosen Aufschwung intellektueller und kreativer Energie erlebte.
Getragen wurde der Aufbruch der russischen Kunst durch das inspirierende vorrevolutionäre Klima. Kraft und Vitalität schöpften die jungen Künstlerinnen und Künstler aus der zukunftsorientierten Utopie einer Kunst, die im Dienst einer neuen klassenlosen Gesellschaft stehen sollte. Bereits kurz nach der Jahrhundertwende setzte ein reger Austausch mit den westlichen Avantgardebewegungen ein, wobei die Künstler ihren eigenen kulturellen Wurzeln verhaftet blieben. Schon vor 1910 waren ihnen in Moskauer Privatsammlungen richtungsweisende Werke von Paul Cézanne, Paul Gauguin, Henri Matisse oder Pablo Picasso zugänglich. Viele Künstler unternahmen Studienreisen in die europäischen Kunstzentren. In Paris konnten sie die neuesten Werke der Kubisten sehen, in München knüpften sie Kontakte zu den expressionistischen Künstlern des „Blauen Reiter“ um Wassily Kandinsky und in Italien zu den Futuristen um den Dichter F. T. Marinetti. An dem gewaltigen kulturellen und sozialen Erneuerungsprozess in Russland waren zudem ungewöhnlich viele Künstlerinnen an vorderster Stelle beteiligt. Die erste russische Avantgarde hat verschiedene, parallel zueinander laufende Kunstrichtungen hervorgebracht: Neoprimitivismus, Kubo- Futurismus, Rayonismus, Suprematismus und Konstruktivismus.
Die Bezeichnung Neoprimitivismus verweist auf eine die eigenen Traditionen berücksichtigende Art der Auseinandersetzung mit nichtakademischer, „primitiver“ Volks- oder Stammeskunst. Er wird als Erneuerungsbewegung um 1907 formuliert und verbindet die individuellen Bestrebungen und aktuellen Erfahrungen mit der französischen Moderne, hier vor allem der wilden Malerei der Fauves, mit den archaischen, religiösen oder profanen Motiven der russischen Volkskunst und der traditionellen lkonenmalerei. Die Erneuerung des eigenen kulturellen Erbes bildete dabei einen programmatischen Schwerpunkt. Natalia Gontscharowa war gemeinsam mit den Brüdern Burliuk, Michail Larionow und Kasimir Malewitsch eine entschiedene Ver fechterin dieser Richtung. Der Kubo-Futurismus wiederum ist die wesensgemäße Synthese aus dem französischen Arkadij S.Kubismus mit seiner Facettierung des Gegenstandes und seinen geometrischen Grundformen sowie dem italienischen Futurismus, der den technischen Fortschritt zum obersten Prinzip einer Dynamisierung von Kunst und Leben erklärte. Als eine 1908 in Italien begründete literarische, künstlerische und politische Bewegung, die gegen alles Überlieferte antrat, hatte letzterer einen bedeutenden Einfluss auf die künstlerische Intelligenz Russlands.
Der Kubo-Futurismus steht an der Übergangsphase zur reinen Abstraktion, die unter anderen Natalia Gontscharowa, Alexandra Exter, Ljubow Popowa und auch Kasimir Malewitsch verfolgten. Der Rayonismus war eine sehr kurzlebige Kunstrichtung. Er wurde 1910/11 von Michail Larionow aus Elementen des Kubismus, des Futurismus und des Orphismus (einer Malerei, die Gegenstände als Reflexionen farbigen Lichts auffasst und darstellt) entwickelt und führte über die Auflösung des Bildgegenstandes in konzentrier te Licht- und Strahlenbündel (frz. rayons) zur gegenstandslosen Malerei. Neu ist hierbei die Einbeziehung wissenschaftlicher Forschungen über die Materialität des Lichtes. Im Jahr 1915 verkündete Malewitsch seine revolutionäre suprematistische Theorie der „reinen Gegenstandslosigkeit“ in der Kunst. Unter Suprematismus (Supremus = das Höchste) verstand er die „Suprematie der reinen Empfindung in der bildenden Kunst“. Das Formenrepertoire in Malewitschs suprematistischer Malerei zeigt abstrakte Flächenformen in unendlicher Kompositionsvielfalt.
Der Konstruktivismus ist eine aus dem Suprematismus hervorgegangene, 1921 von Alexander Rodtschenko proklamierte Kunstrichtung in der Folge der politischen und ökonomischen Revolution. Er verstand sich als adäquater Ausdruck einer neuen von Naturwissenschaften und Technik beherrschten Welt. Die Betonung der technischen Entwicklung, der Produktion des Zweckmäßigen in der Kunst bekam den absoluten Vorrang. Die Konstruktivisten forderten zur Abkehr von der Staffeleimalerei auf. Als „Lebenserbauer“ arbeiteten sie an dem gesamtgesellschaftlichen Ziel, Politik und Kunst zu verschmelzen. Viele ehemalige Anhänger des Suprematismus, unter ihnen Ljubow Popowa, Warwara Stepanowa oder Iwan Kliun, wandten sich der Produktionskunst zu.
Der revolutionäre Elan der Avantgarde verlor bereits nach wenigen Jahren seine Kraft. Viele Künstler (Gontscharowa und Larionow, Marc Chagall oder Kandinsky) verließen während der Revolutionswirren das Land, um in Frankreich oder Deutschland zu arbeiten.
Spätestens mit dem Tod Lenins, 1924, war der Niedergang der Avantgardebewegung besiegelt. Im August 1934 wurde in der Sowjetunion unter der Diktatur Stalins die Doktrin des Sozialistischen Realismus verkündet. Die Künstler, die sich nicht gleichschalten ließen, wurden verfolgt, verhaftet oder deportiert. Die Situation änderte sich erst nach Stalins Tod 1953. Im Zuge von Chruschtschows sogenannter „Tauwetterperiode“ konnte sich seit Ende der 1950er Jahre im Verborgenen eine zweite russische Avantgarde entwickeln. 1972 wurde von dem Moskauer Künstlerduo Komar & Melamid der Begriff Soz-Art geprägt, eine ironische Anspielung auf die Begriffe Pop Art und Soz-Realismus (die populäre Kurzform für den Sozialistischen Realismus). Soz-Art übte auf subtile Weise Kritik an dem Propaganda- Apparat der Sowjetunion. Ironisch wie provokativ verglichen sie den „Überfluss an Ideologie“ in der Sowjetunion mit dem „Überfluss an Konsumgütern“ im Westen. Erik Bulatov und Ilya Kabakov gehören zur ersten Generation der Soz-Art- Bewegung. Erst unter Gorbatschows Politik von Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Rekonstruierung) gelangten die Künstler und ihre Werke in das Blickfeld der westlichen Kunstszene.