Ausgrabung - Freilegung eines vom Erdboden verdeckten Befundes
Archäologie bedeutet immer auch Zerstörung, da der Zusammenhang der abgelagerten Objekte und Schichten durch die Ausgrabungen zerstört wird. Zugleich wird aber dieser Prozess eingehend dokumentiert und damit der Kontext festgehalten. Neben der leider in der Archäologie üblichen Rettungsgrabung, bei der die Befunde durch eine unmittelbar bevorstehende Baumaßnahme akut gefährdet sind, gibt es Forschungsgrabungen, bei denen große Teile erhalten und ganze Bereiche für die Zukunft konserviert werden können. Die Grabung auf dem Rathausplatz ist eine solche Forschungsgrabung. Hier kann mit wesentlich mehr Zeit ein erheblicher Forschungsaufwand betrieben werden, damit alle Informationen, die die Fundstelle enthält ausgeschöpft werden können. Sie hat das Ziel, in einem bestimmten Zeitraum auf einer begrenzten Fläche eine ganz bestimmte Fragestellung zu einem archäologischen Objekt und dessen Umfeld zu klären.
Zwei der wichtigsten Begriffe bei der Dokumentation einer archäologischen Ausgrabung sind Funde und Befunde.
Befund
Unbewegliche Strukturen, wie z.B. Mauerreste, Abfallgruben, Fussböden, Erdschichtenverfärbungen und alle anderen Strukturen, die sichtbar oder sogar unsichtbar im Boden enthalten sind.
Fund
Bewegliche Artefakte, wie z.B. Münzen, Keramikscherben, Knochenreste, die in einem bestimmten Kontext (Befund) gefunden werden.
Archäologie an einem Beispiel
Der Rathausvorplatz war bis zum 2. Weltkrieg bebaut. Es existierte nur ein kleiner Platz vor der historischen Rathauslaube. 1888-90 wurden Gebäude und das alte Schreinshaus (Archiv) südlich der Portalgasse abgerissen und durch einen neuen Verwaltungsbau (Armenverwaltung) ersetzt. Nach dem Krieg wurden noch stehende Gebäudereste abgetragen und im Jahr 1956 wurden erste archäologische Ausgrabungen des Platzes vorgenommen, da bekannt war, dass unter den Resten der ehemaligen Ratskapelle St. Maria in Jerusalem die Reste der mittelalterlichen Synagoge zu erwarten waren. Bis 1959 wurden die wichtigsten Befunde durch Doppelfeld, den damaligen Direktor des Römisch Germanischen Museums veröffentlicht.
Seit 2007 wird wieder auf dem Rathausvorplatz gegraben. Der Schutt des Zweiten Weltkriegs wurde in unserem Beispiel aus dem Keller der Armenverwaltung entfernt. Der zutage getretene Fussboden wurde massstabsgetreu gezeichnet und einnivelliert, d.h. durch moderne Vermessungstechnik in seiner Lage zu Normalnull (NN) vermessen. Die anschliessende Digitalisierung der Zeichnung ermöglicht die Einbindung der Zeichnung in einen digitalen Gesamtplan und rundet die Dokumentation des Fussboden-Befundes mit der schriftlichen Befund-Dokumentation ab.
Nach der vollständigen Dokumentation des Befundes wurde schrittweise der Fussboden entfernt, um Aufschluss über die ältere Vorgängerbebauung zu erhalten. Die jüngeren Mauern des 19. Jahrhunderts waren in die älteren und tiefer liegenden Schichten eingebettet. Wie in einem rückwärts laufenden Film wurde jede Erdschicht in der Reihenfolge der Ablagerung sorgfältig abgetragen und dokumentiert. Man nennt diese Methode „Graben in natürlichen Schichten" - sie wird international weltweit angewandt. In unserem Beispiel konnten so unter den neuzeitlichen Befunden ältere aufgedeckt werden, die von der Karolingerzeit (achtes/neuntes Jahrhundert) bis in die römische Epoche (erstes Jahrhundert) zurückreichen.
Interpretation des ausgewählten Befundes
Klicken Sie auf ein Bild, um die Bildstrecke zu starten.
Der Befund zeigt die unterschiedlichen Phasen der Nutzung des Bereiches, den wir wie folgt interpretieren: zunächst bestand ein Gebäude in der Mitte des ersten Jahrhunderts für längere Zeit, dass im 3./4. Jahrhundert umgebaut wurde. Man teilte den älteren Bau durch Längsmauern, die auf einen neuen Estrich aufgesetzt wurden. Darauf wurde eine Warmluftheizung (Hypokaustheizung) auf dünnen Ziegelpfeilern errichtet und mit einem oberen Boden abgedeckt. In dem Zwischenraum zirkulierte die Heißluft. Dieses Bauwerk stürzte nach langer Nutzung (man erneuerte den oberen Fußboden dreimal) bei einem Erdbeben um 780/790 ein. Unmittelbar nach dem Beben füllte man den eingestürzten Raum auf und legte einen neuen Boden kurz vor 800 an, der dann wiederum durch eine neue Bauphase um 950 aufgefüllt wurde. Der reparierte Bau ist mit großer Sicherheit als Synagoge anzusprechen, der antike Bau wurde zumindest für eine unbestimmte Zeit schon als Synagoge benutzt. Die Daten sind mithilfe der AMS. Methode (Radiokohlenstoffdatierung) gewonnen worden. Die Zeichnungen zeigen die exakte Dokumentation des Befundes.
Von oben nach unten:
- karolingischer Fussboden (Ende 8. Jahrhundert)
- Verfüllung nach einem Erdbeben (780/90)
- drei übereinanderliegende (römische und frühmittelalterliche) Fussböden (Ende 3./Anfang 4. Jahrhundert bis vor 780/90) mit römischer Fussbodenheizung (Hypokaust) in Sturzlage nach dem Erdbeben
- spätantiker Fussboden (3. / 4. Jahrhundert)
- Nutzungschicht
- antiker Fussboden des 1. Jahrhundert
- Planierschicht aus Lehm und Sand
Die sorgfältige fotografische und zeichnerische Dokumentation des Befundes wird durch Bodenproben der Schichten ergänzt. Die Funde aus jeder Schicht werden sorgfältig geborgen und einzeln beschriftet ebenfalls bildlich und textlich dokumentiert. Die Dokumentation wird schließlich interpretiert: In diesem Fall handelt es sich um einen Teil der Synagoge, bei der die Nutzung im achten Jahrhundert klar erwiesen ist und die offenbar einen älteren Bau darunter schon vorher benutzt hat. Diese Aussage ist von hoher Bedeutung für die Geschichte des Judentums nördlich der Alpen. Sie wird ergänzt durch die Schriftquellenforschung.




