1973 bis heute

Begonnen hat alles als Experiment.

Es war eine Zeit kultureller Aufbruchstimmung, man sprach von Demokratisierung der Kunst, die nicht länger einer kleinen Gruppe Eingeweihter vorbehalten bleiben sollte. Aufbruchstimmung herrschte auch in Köln. Immer mehr Künstler zogen in die Stadt, um hier zu arbeiten, aber auch, um sich mit anderen auszutauschen. Ebenso entschieden sich immer mehr Galeristen für Köln. Was wohl das Faszinierende an dieser Stadt war, haben manche Künstler etwa so formuliert, dass sie hinter eher unscheinbaren Fassaden genau die Atmosphäre fanden, Ideen zu entwickeln und Außergewöhnliches zu realisieren. Gerade das Unprätentiöse dieser Stadt schien Raum für Kreativität zu ermöglichen, verbunden mit einem Klima der Toleranz.

Damals war es die Idee des Kunsthistorikers und Direktors der Stadtbücherei Horst-Johannes Tümmers, den Versuch zu wagen, auch in Köln zeitgenössische Kunst, ähnlich wie Bücher, auszuleihen. In einem spätgotischen Bürgerhaus aus dem 15. Jahrhundert im Zentrum der Stadt fand er den idealen Ort für die artothek. Er konnte auf Vorbilder in London und Berlin zurückgreifen und setzte von Anfang an auf die Zusammenarbeit mit dem Kölnischen Kunstverein und dem Museum Ludwig. Ebenso wichtig war die Kommunikation mit den Galerien und den Künstlern in ihren Ateliers. Denn gerade in Köln war es möglich und notwendig, nicht an der Kunstszene vorbeizuarbeiten, sondern ihre Anregungen kontinuierlich in das Projekt einfließen zu lassen. Internationale Kunst durfte im Bestand der artothek nicht fehlen, denn es ging auch darum, mit dieser Sammlung einen möglichst breiten Überblick über die Gegenwartskunst zu geben. Gleichzeitig sollte die artothek einen Beitrag leisten zur Förderung junger Kunst.

Doch wozu eigentlich soll man sich ein Bild zu Hause an die Wand hängen und nach einigen Wochen wieder zurückgeben? Es ist das Angebot, eine gewisse Zeit lang mit einem Kunstwerk zu leben, seine Qualität zu erleben oder auch zu verwerfen, ohne es kaufen zu müssen. Diese eher unverbindliche Annäherung ist eine Einladung zum Experimentieren und kann auch Menschen ansprechen, die nicht ohne weiteres in Galerien gehen würden. Für viele ist Kunst auf diese Weise zu einem selbstverständlichen Bestandteil ihres Lebens geworden, einige sind inzwischen selbst Sammler zeitgenössischer Kunst.

Selbstverständlich informiert die artothek über die Künstler der Sammlung und, unabhängig davon, über die Kölner Kunstszene. Sie informiert über Künstler, Galerien, Museen und andere Kunstplätze, sie vermittelt Kaufmöglichkeiten und schafft Kontakte. Täglich wird die Kölner Tagespresse ausgewertet, werden Rezensionen und Einladungen zu einem Archiv zusammengetragen.  Auf dieser Grundlage wurden in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen fünf Auflagen eines Nachschlagewerks Kölner Künstler erarbeitet, das inzwischen vom Berufsverband Bildender Künstler aktualisiert wurde.

Schon bald nach ihrer Gründung begann die artothek mit ihrem Ausstellungsprogramm. Zunächst handelte es sich um kleinere Präsentationen im Zwischengeschoss, während im unteren Bereich der ausleihbare Kunstbestand zu sehen war. Es war die Künstlerin Marlini Wickramasinha, die 1977 die Anregung dazu gab, den gesamten Raum für Ausstellungen zu nutzen. Sie wollte, dass ihre großformatigen beklemmenden wie eindrucksvollen Bilder, die sie in ihrer Küche gemalt hatte, mit ausreichendem Abstand gesehen werden konnten, zunächst einmal auch von ihr selbst. Die Wirkung war überzeugend. Der hohe Raum mit seiner geschwungenen Empore war für Ausstellungen wie geschaffen.

Die Ausstellungen folgen keinem festen Konzept. Das Spektrum reicht von Malerei, Zeichnung, Skulptur und Photographie bis zu Videoinstallation, raumbezogener Arbeit und Performance. Waren es zunächst fast ausschließlich Kölner Künstler, so präsentierten später auch regelmäßig internationale Gäste ihre Arbeit in der artothek. Für Kontinuität und Qualität bürgt eine Jury, der auch Kuratoren von Museum Ludwig, Kölnischem Kunstvereins und KOLUMBA angehören. Damit hat das Ausstellungsprogramm ein eigenes, neutrales Profil gewonnen, so dass auch renommierte Künstler gern die Gelegenheit wahrgenommen haben, eine Auswahl ihres Schaffens hier zu zeigen. Dazu gehören, neben vielen anderen, bekannte Namen wie Mechtild Frisch, Jürgen Klauke, Horst Münch, Norbert Prangenberg, Ulrike Rosenbach, Alf Schuler, Hann Trier, Elisabeth Vary, Dorothee von Windheim. In solchem Zusammenhang finden die Ausstellungen jüngerer, noch weniger bekannter Künstler ebenfalls Beachtung. Für viele war es der Beginn ihrer Karriere, einige erhielten inzwischen Lehraufträge an Kunsthochschulen oder Kunstakademien.

Meist werden die Ausstellungen von den Künstlern selbst installiert, oft mit hohem Aufwand an Kosten und Zeit. Die artothek nimmt auf Auswahl und Präsentation möglichst keinen Einfluss. Sie sorgt für Einladungen, Pressekontakte, Versicherung und vermittelt Verkäufe in Abstimmung mit den jeweiligen Galerien. Aus jeder Ausstellung wird zur Ergänzung der Sammlung eine kleinere Arbeit angekauft. Anders als im Kunsthandel üblich haben die Künstler hier die Möglichkeit, Projekte ohne Rücksicht auf kommerzielle Gesichtspunkte realisieren zu können. So sind im Lauf der Zeit viele außergewöhnliche, mutige Präsentationen entstanden.

Eine der frühen und im Rückblick besonders beeindruckenden Ausstellungen war 1977 das ‚environment' von C. O. Paeffgen. Schon die Einladung bezauberte mit der Zeichnung einer kleinen Blume. Merkwürdige, zum Teil gefundenen Objekte, ein riesiges graues Herz mit Pflasterstein auf grauem Boden, eine Träne aus Metall an einem Ständer für Straßenschilder, rosafarbene drahtumwickelte Strohkörper an der Wand und einige für ihn typische stark konturierte Bilder nach photographischen Vorlagen gaben dem Raum eine poetisch-melancholische Atmosphäre.

Anfang 1981 bemalten Kölns Neue Wilde, die Mülheimer Freiheit, Decken und Wände der artothek zu einem Gesamtkunstwerk. Zu der Gruppe, die damals im Kölner Stadtteil Mülheim ein gemeinsames Atelier hatte, gehörten Hans-Peter Adamski, Peter Bömmels, Walter Dahn, Jiri Georg Dokoupil, Gerard Kever und Gerhard Naschberger. Als Gast der Gruppe schlug Karel Rösel einen überlebensgroßen Elefanten in den Putz. Es entstand ein verschlüsseltes Geflecht aus bissigen, kritischen, respektlosen Zitaten der neueren Kunstgeschichte. ‚Schlechte Malerei', schrieben die Kritiker, doch die Ausstellung wurde ein Erfolg. Heftige Malerei prägte die Szene der folgenden Jahre.

Mit einer sieben Meter breiten, diagonal im Raum installierten Photoarbeit sprengte Astrid Klein 1982 alle architektonischen Vorgaben. Sie zeigte schwarze Schatten springender Hunde vor einer Mauer - auf der Jagd oder vielleicht auf der Flucht. Die Figuration eines Hundes wurde an einer Wand wieder aufgenommen, sehr zurückhaltend am linken und rechten Ende. Raum- und Photoarbeit zugleich, war diese Ausstellung von unvergesslicher suggestiver Kraft.

Zum zehnjährigen Bestehen der artothek zeigte 1983 mit dem Titel ‚gIeich/ungleich' der amerikanische Bildhauer James Reineking zwei massive Bodenstücke aus Schiffbaustahl und zart aquarellierte geschnittene und gedrehte Zeichnungen, die bei aller Gegensätzlichkeit auf subtile Weise miteinander korrespondierten.

1985 präsentierte Klaus vom Bruch seine Videoinstallation ‚Wir laufen nicht davon', die schon im Jahr zuvor im zentralen Kuppelbau der Biennale di Venezia zu sehen war. Zwei simple lebensgroße menschliche Figuren hielten sich, durch eine Säule voneinander getrennt, an den Händen. Zwei hoch auf der Empore installierte, durch Antennen gespeiste Monitore lieferten sich wechselseitig ablösende und überschneidende Bilder und Töne: Charlie Chaplins Rede als ‚Der große Diktator', den Kopf des Künstlers hinter einer als Maske erscheinenden Antenne und umgeschnittene Tangosequenzen von enervierender und doch faszinierender Sogwirkung.

Diese Beispiele sollen das Besondere und zugleich die Vielfalt der Ausstellungen in der artothek verdeutlichen. Fast immer haben die Künstler sich in besonderer Weise mit dem Raum auseinandergesetzt. Die eigenwillige geschwungene Architektur war für viele eine besondere Herausforderung. Die Empore erlaubt die Möglichkeit, die Dinge von oben zu betrachten, daher eignet sich der Raum besonders gut für Performances und andere raumbezogene Arbeiten.

Eine Ausstellung, von Jakob Altmeyer, blieb völlig auf akustische Wahrnehmung beschränkt. Es gab also wirklich nichts zu sehen. Videoinstallationen faszinierten mit Vogelstimmen, von Maria Vedder, oder Walgesängen, von Annebarbe Kau. Die artothek wurde mit Sand gefüllt, von Jochen Heufelder, oder mit einem riesigen Wasserbecken, von Heinz Kleine-Klopries, aber gerade auch das weniger Spektakuläre fand Raum in der artothek. Dazu gehört die Malerei von Stephan Baumkötter, Frances Scholz, Claudia Desgranges, Raimund Girke, Rosa M Hessling, Dorothee Joachim, Ingo Meller, Peter Tollens, Günter Umberg, Ulrich Wellmann und vielen anderen, die den Besuchern ein subtiles Erlebnis von Farbe vermittelte.

Die wunderbare Ausstellung von Farbmalerei des Amerikaners Phil Sims zum zwanzigjährigen Bestehen der artothek 1993 war allerdings überschattet von Diskussionen um Sparzwänge und Schließungsabsichten. Wie in der Vergangenheit kam es wieder zu einer überwältigenden Welle der Unterstützung. Schon elf Jahre zuvor hatten Mitglieder des Berufsverbands Bildender Künstler mit dem Bau einer Mauer am Eingang der artothek gegen die drohende Schließung demonstriert. Wieder setzten sich Künstler und Bürger, Kuratoren und Galeristen, Journalisten und Sammler, aber auch Menschen aus Politik und Verwaltung für die Erhaltung der artothek ein. Die couragierte Bürgerin Ruthilde Bürgers mobilisierte ihre Freunde unter dem Motto ‚Rettet die artothek' und gründete mit ihnen den Verein ‚Freunde der artothek Köln' e.V., der die Aufgaben und Ziele der artothek seitdem engagiert unterstützt.

Mit der Videoinstallation ‚To call unto those who prey and beg' - ‚Gewidmet denen, die fassen und betteln' - des englischen Künstlers Rick Buckley feierte die artothek 1995 ihre neue organisatorische Anbindung an das Kölnische Stadtmuseum, die ihren Fortbestand endgültig garantieren sollte. Der nach einer gründlichen Renovierung von Birgit Hansen und Stefan Ohlow behutsam neu gestaltete Raum wurde von drei aufeinander abgestimmten Projektionen völlig beherrscht. In einer Raumecke erschien ein bettelnder Bär, an einer Wand ein lockender Finger und an der Decke ein Mund, der ein Märchen erzählte. ‚Ein Festtag für die Kunst und ihre Freunde', schrieb Amine Haase im Kölner Stadt-Anzeiger vom 26.10.1995.

Viele außergewöhnliche Präsentationen sind seitdem in der artothek entstanden - Malerei von Marcia Hafif, Markus Weggenmann, Winston Roeth, Jerry Zeniuk, Rudolf de Crignis, David Simpson, Erik Saxon, Alfonso Fratteggiani Bianchi, leise, die Sinne schärfende, Auftritte von Andreas Karl Schulze, Christiane Löhr, In Ho Baik, Takakazu Takeuchi, Ewa Kulasek, atemberaubende Installationen von Regine Schumann, Tazro Niscino, Ulli Böhmelmann, Shiro Matsui, Ivan Bazak, das WM-Studio zur FIFA-Weltmeisterschaft in Korea und Japan des in Köln lebenden Künstlers Kalaman, wo sich die Kunstszene zum gemeinsamen Fussball-Erlebnis traf, und vieles mehr. Dem Engagement der ‚Freunde der artothek Koln' e.V. ist es zu verdanken, dass diese Ausstellungen inzwischen in Jahreskatalogen dokumentiert werden können. Ebenso wichtig ist ihre Präsenz im Rahmen der vorliegenden home page.

Von besonderer Bedeutung für die Realisierung der Ausstellungen ist die Zusammenarbeit mit den entsprechenden Galerien, mit Museen, Kunstvereinen, Kulturinstituten und Sponsoren. 2005 stiftete die Koelnmesse zum 25-jährigen Bestehen ihres Förderprogramms ‚New Talents' einen neuen Kunstpreis, um aus den bereits sorgfältig ausgewählten ‚New Talents', inzwischen ‚New Positions', eine Position als ‚Best of the Best' auszuzeichnen. Der Preis ist verbunden mit einer Präsentation in der artothek. Damit bereichert er das Programm der Institution und lenkt gleichzeitig die Aufmerksamkeit auf Kreativität und Initiative der Galeristen, junge Talente zu erkennen und neben etablierten Künstlern vorzustellen.

Andererseits stand die Existenz der artothek seit 2003 erneut, nun schon zum wiederholten Mal, zur Disposition - und stärker noch als in der Vergangenheit protestierten Künstler und alle an der Kunst Interessierten mit Unterschriften, Briefen und einer Demonstration vor dem Rathaus für die Erhaltung der artothek als ‚Raum für junge Kunst' im Zentrum der Stadt. Nach fünf schweren Jahren steht die neue direkte Anbindung der artothek an das Kulturamt der Stadt Köln schließlich für das Fortbestehen der Institution. Dass es nun für die artothek um eine neue Perspektive geht, dazu haben viele Menschen beigetragen. Ihnen allen gilt mein Dank!