ES, DU UND DIE ANDEREN

 

Seit unserer Kindheit ist klar, dass von Spiegeln eine besondere Faszination ausgeht. Wieso sonst sollten sie immer wieder thematisiert werden? Sei es in Märchen, wie Schneewittchen, in dem sich die böse Königin durch einen allwissenden Spiegel ihrer Schönheit vergewissern will, oder bereits in der antiken Mythologie. So war es der Jüngling Narziss, der sein Spiegelbild in einer Wasserquelle erkannte und sich in sich selbst verliebte. Als dann ein Blatt in die Quelle fiel, verzerrte es sein Aussehen, woraufhin sich Narziss als hässlich empfand. Schockiert, starb er sofort. Spiegel sind demnach einerseits Symbole der Eitelkeit und Selbsterkenntnis, doch stehen sie auch für Wahrheit und Klugheit.

So wurde der Spiegel ein Motiv, das aus der bildenden Kunst nicht mehr wegzudenken ist. Gleichzeitig machen Spiegel es möglich nicht mehr nur in einen vordefinierten Bildraum zu gucken, sondern auch den Blick in unseren Hintergrund zu öffnen, der sonst verborgen bliebe. Diese Strategien greift der Künstler Victor Bonato auf.

Zugegeben, er treibt die zugrunde liegenden Ideen auf die Spitze, indem er einen echten Spiegel einsetzt. Hier zeigt sich ein Quadrat im dazugehörigen Aluminiumrahmen, der das Bild zwar sicher fasst, sich gleichzeitig aber völlig zurücknimmt, sodass dem Spiegel die gesamte Aufmerksamkeit zukommt. Bald bemerkt man, dass dieser Spiegel eine markante Besonderheit aufweist: er ist verformt. Das, was Narziss in den Tod trieb, wird hier werkimmanent. Tritt man näher an das Objekt heran, kann man sich selbst nur noch als Karikatur wahrnehmen. Aber liegt nicht genau in diesem Kniff der spannende Moment der Arbeit? Der Betrachter und seine Umgebung werden Teil der Kunst. Es wirkt, als würde die Spiegelverformung alles in sich aufsaugen und ein ungewöhnliches Bild zurückwerfen. Niemals könnte es zweimal in exakt der gleichen Form erscheinen. Das Werk zieht uns magisch an. Die Arbeit ist ständig in Bewegung und im Diskurs mit ihrem Betrachter: So spielt der Künstler mit unserer Wahrnehmung. Was sehe ich? Und was ist wirklich da?


Victor Bonato, CD-KK-70, 1972