Ganz im Sinne eines Gesamtkunstwerkes bietet die interdisziplinäre Künstlerin Catherine Lorent mit ihrer audiovisuellen Installation „Kölner DOOM Relegation“ eine einmalige Ausstellungs-Erfahrung, die der Besucher nicht nur mit dem Auge, sondern auch mit dem Ohr erleben darf und dabei selbst zum Teil der Performance wird. Ihr interaktives Kunstwerk, das aus E-Gitarren, Verstärkern, Lautsprechern, einem Flügel und verschiedenen Zeichnungen besteht, lässt den Betrachter, im wahrsten Sinne des Wortes, keine Ruhe.

Möchte ich mich also durch den Raum bewegen und die Bilder, auf welchen die Gitarren angebracht sind, betrachten, so zeigt das Kunstwerk der luxemburgischen Künstlerin eine Reaktion auf meine Bewegungen, als ob es die Absicht hätte, mit mir in einen Dialog zu treten. Tief brummende und dröhnende Töne entstehen in einer, anscheinend wahllosen Kombination zueinander, was fast den Anschein aufkommen lässt, die geräuschvolle Installation würde ihren aktuellen Gemütszustand äuβern.

Der Dirigent, in diesem Fall, ist der Betrachter selbst. Und obwohl er durch seine spontanen Bewegungen kaum Einfluss auf die Komposition hat, kann man trotzdem eines beobachten: es steckt ein Prinzip dahinter und dieses scheint die Intensität und das Tempo der Töne zu beeinflussen - je nach Art und Weise der Bewegungen des Besuchers. Ist es nur ein Betrachter oder sind es mehrere, die sich gleichzeitig durch den Raum bewegen; bewegen sie sich schnell oder langsam; bleiben sie stehen oder bewegen sie sich permanent auf und ab; alles flieβt in das musikalische disharmonische Stück mit ein. So bekommt man mit der Zeit den Eindruck, als hätte das raumfüllende Kunstwerk eine Seele oder besser ausgedrückt, eine Persönlichkeit, die den Betrachter zu einem Gespräch auffordern will.

Die Tusche-und Aquarellzeichnungen, auf denen die Gibson-Gitarren angebracht sind, verraten uns etwas über seine Charakterzüge. Unser Kandidat ist eindeutig ein Anhänger der neobarocken Kultur, welche in letzter Zeit immer öfter als das Markenzeichen unserer heutigen Gesellschaft betrachtet wird. Widersprüchlich, pathetisch, verschwenderisch, absurd, theatralisch und grotesk sind nur ein paar von den vielen Eigenschaften, die das Barocke als Konzept und nicht nur als geschichtliche Stilrichtung charakterisieren. Ähnlich ist der Stil der Künstlerin, den man in den Zeichnungen beobachten kann: aus dem spontanen und flüchtigen Gestus entstehen geschwungene Formen, die Farben sind theatralisch angebracht und in Wahrheit handelt es sich nicht nur um einen Stil sondern um einen bunt durchgemischten Stilmix. Das trifft in dem Fall Lorents auch besser zu. Anstatt einem einzigen Stil treu zu bleiben, experimentiert sie mit vielen verschiedenen Stilen, wertet alte historische Stile auf und erweitert gleichzeitig bereits definierte Gattungen der zeitgenössischen Kunst wie zum Beispiel die Performance oder die Installation. Auch deshalb sind weder Pop-Art noch Barrock als Kategorien für eine korrekte Beschreibung des Werkes der Künstlerin ausreichend, da es sich um eine hybride Form von bereits vorhanden und sich neu angeeigneten Stilen und Gattungen handelt.

Möchte ich das Kunstwerk als Spiegelbild der aktuellen Gesellschaft betrachten, so habe ich den Eindruck, dass das Catharine Lorent auf sehr authentische Art und Weise gelungen ist. Die gewöhnungsbedürftige Ästhetik der Künstlerin, welche sich im disharmonischen Zusammenspiel der verschiedenen Elemente äuβert, findet sich auch auβerhalb der Ausstellung an sämtlichen Straβenecken. In Wirklichkeit ist das ganze Spektakel ein gut durchdachtes Spiel. Das, was den Betrachter auf den ersten Blick provoziert, ist nichts anderes als Gesellschaftskritik und gleichzeitig die Kernaussage des Kunstwerkes. Das Publikum sieht sich mit dem Abbild der aktuellen Gesellschaft konfrontiert. Die intellektuell anspruchslose Schicht, die sogenannte lowbrow culture, welche in der Ausstellung vor allem durch die Gitarren, Symbol der Pop-und Rockmusik, charakterisiert ist, ist der Gegenspieler des elitär Intellektuellen (highbrow culture), das sich zum zeitlos Klassischen bekennt. Der Flügel und die Elemente aus den Tuschezeichnungen, wie zum Beispiel die Rollornamente, die Engel, Putten und vor allem die Figuren aus der griechischen Mythologie kontrastieren die Elemente der Popkultur. Nicht nur die E-Gitarren, sondern auch die Crevetten in den bunten Zeichnungen der Künstlerin verkörpern die Gesellschaftskultur der breiten Masse und das Phänomen des Mainstreams.

Und was ist nun die Antwort des Betrachters auf das Kunstwerk? Vielleicht fällt ihm auf so viel Lärm gar nichts mehr ein, vielleicht aber auch fühlt er sich inspiriert und setzt sich gedanklich nicht nur mit der schrillen und schwerfälligen Atmosphäre des Kunstwerkes, sondern auch mit unserem heutigen Gesellschaftsbild auseinander. In so einer Installation, in der das Abstrakte neben dem Gegenständlichen und die Zeichnung neben dem industriell angefertigten Gegenstand ihren legitimen Platz einnehmen, scheint es keine klaren Grenzen mehr zu geben, alles wird integriert, alles ist brauchbar, alles verschmilzt miteinander. Was uns bleibt ist der Eindruck einer düsteren Vision auf unsere Zukunft, auf die uns die Künstlerin, nicht nur mit einem Selbstportrait in einer der Tuschezeichnungen, sondern auch mit dem Titel der Ausstellung einen Hinweis gibt. „DOOM Relegation“ könnte dann so viel bedeuten, wie der düstere Untergang einer inszenierten Kultur.

Franziska Müller