Den Wald fegen – als ob ein Deutscher nichts Besseres zu tun hätte, als auch noch auf dem Waldboden Ordnung zu schaffen! Das ist mal wieder typisch deutsch: Ordnung und Sauberkeit! Das, oder so etwas Ähnliches könnte der Betrachter, der Ivo Webers Bilder sieht, sich denken. Auf den ersten Blick wirkt es so, als ob Webers Performance des Blätterfegens eine satirische Nachahmung des deutschen Ordnungswahns wäre. Dieser wird auf die Spitze getrieben, bis es an Sinnlosigkeit grenzt. Denn wo steckt der Sinn einen Waldboden zu fegen?

Das ist eine Möglichkeit das Werk zu interpretieren: als Parodie des deutschen Klischees. Doch der Grundgedanke des Künstlers war nicht genau dieser. Es geht ihm darum, einen Dialog aufzubauen und eine Beziehung zum Wald herzustellen. Ivo Weber hat diese Beziehung bereits gefunden, denn er sucht sich nicht jedes Jahr ein neues, fremdes Stück Wald aus, sondern bleibt dem gleichen Stück Wald Jahr für Jahr treu. Dabei ist dieses Stück Wald nichts Besonderes, sondern ein ganz normales wie jedes andere. Aber das ist nicht ganz richtig so, denn dieses eine Stück Wald hat doch ein bestimmtes Merkmal, das es von anderen unterscheiden lässt: es wird von der Stadtverwaltung als öffentliche Grünfläche gepflegt. So bekommt die Performance noch eine sehr ironische Note. Da, wo schon Ordnung herrscht, wird noch mehr Ordnung hineingebracht, jedoch nur für einen flüchtigen Moment. Nach der Aktion wird der Boden wieder in seinen natürlichen Zustand gebracht, alle Spuren werden beseitigt und dann sieht er wieder genauso aus, wie davor.

Warum dann also das Waldfegen? Ist es nicht sinnlos? Antworten auf die Fragen kann man einige finden und sie sind weniger absurd, als man denken könnte. Es geht um das Zusammenkommen, es geht um den Gestus, es geht darum, sich einmal im Jahr zu treffen und unter Regieanweisungen des Künstlers ein Happening, das bereits Traditionscharakter angenommen hat, zu verwirklichen. So hat sich die Performance schon längst verselbstständigt und so schnell wird sie auch kein Ende nehmen, denn jährlich wird vom Künstler eine Person auserkoren, die die Ehre hat, die Teilnehmer der neuen Gruppe für das nächste zeremonielle Waldfegen zu bestimmen. Das ist der Zufallseffekt, den der Künstler dem Werk beimischt. Er selbst tritt jedes Mal mehr in den Hintergrund, ist nicht einmal Fotograf, sondern Initiator und Regisseur der Veranstaltung.

Somit wird auch die Vorstellung eines schaffenden und kreierenden Künstlers, die die Kunstwelt über hunderte von Jahren bestimmte, wieder zunichte gemacht. Der Künstler ist der, der dirigiert, aber nicht der, der ausführt. Die Realisierung des Kunstwerkes ist in den Händen der Teilnehmenden. Aber auch das Kunstwerk an sich kann nicht im Sinne eines klassischen Kunstwerkes – einmal verwirklicht, bleibt es für seine restliche Lebensdauer unverändert – betrachtet werden, sondern vielmehr nur als Teil eines Werkes, das noch lange nicht fertig ist. Vielleicht wird es nie fertig sein, denn schließlich kann es Jahr für Jahr wiederholt werden. Die Fotografien dienen lediglich als inszenierte Dokumentation von dem, was stattgefunden hat, sind also nur Teil des gesamten Werkes. Und genau da findet sich auch der Kern des Kunstwerkes, welcher nicht nur in der Ästhetik oder dem künstlerischen Können des Künstlers wieder zu finden ist, sondern vor allem in der Kontinuität, die sich noch im Laufe der Jahre verstärken wird.

Zugleich erinnert Ivo Weber mit seiner Performance an das, was der Ursprung aller Kunst war: Denn ganz am Anfang stand der Mensch im engen Kontakt mit der Natur und um sie besser zu verstehen, schuf er Rituale die ihm halfen, mit ihr in Einklang zu leben. So geht es in Ivo Webers „Waldfegen“ weder um Gesellschaftskritik, noch um eine Aktion mit Dada-Charakter, sondern um den Anspruch des Rituals: Eine Beziehung zur Natur wird aufgebaut und im wahrsten Sinne des Wortes durch das jährliche Fegen "gepflegt".