Die erste Annäherung

Mein erster Weg zu Beginn meines Praktikums führt mich ins Depot. Ab in den Keller und Kunstwerke, verpackt in Kartons, anschauen. Mensch, so viele Schätze, die von mir noch entdeckt werden wollen. Schade, dass die Kunstwerke durch ihre Verpackung mir erstmal verborgen bleiben. Dabei schaue ich doch so gerne Kunstwerke direkt an – ja, ich weiß, es gibt einen Online-Katalog, in dem ich alle auszuleihenden Werke finden (über den Künstlernamen) und betrachten kann. Aber in echt und in Originalgröße etwas in den Händen zu halten, ist doch ganz was anderes.

Die Ausleiher der artothek kommen in unsere Räumlichkeiten und schauen entweder in den Regalen, in denen einige Werke zum Betrachten bereit stehen, oder sie wissen schon welches Werk sie ausleihen wollen, da sie es sich zuhause über den Online-Katalog „ausgeguckt“ haben. Doch wer würde auf die Idee kommen blind ein Werk auszuleihen und es erst zuhause zu sehen? In Zeiten von Tinder & Co. kennen wir die fast schon altmodischen Binddates gar nicht mehr. Wir sind eine sehgesteuerte Gesellschaft. Überraschungen erleben wir nur noch selten. Wieso sich also nicht mal überraschen lassen? Ohne das Werk gesehen zu haben, ohne vorher zu wissen, auf was ich mich einlasse und ohne zu wissen, ob es meinem Geschmack entspricht. Das Praktikum in der artothek ermöglicht es mir dieses Experiment zu wagen.

In diesem Projekt lasse ich mich überraschen; entdecke mich und auch Kunst neu.

Das erste Blinddate:

Mittelgroßes Hochformat. Der Hintergrund ist blaugrau und an den oberen und unteren Rändern sind graue Pinselstriche zusehen. In der Mitte des Bildes ist von orange-beigen feinen Linien ein Kreis umrissen. Dieser Kreis ist unregelmäßig und unterschiedlich stark mit weiteren feinen orange-beigen Linien unterteilt. Es entstehen Parzellen in verschiedenen Farben. So entsteht eine Oberfläche im Kreis, die Räumlichkeit durch die unterschiedliche Farbigkeit entstehen lässt. Wird es auch in mein Zimmer passen? Skepsis. Vielleicht geht es aufgrund der zurückhaltenden Farbigkeit an meiner großen weißen Wand unter?


Lynn Russell Chadwick, Moon in Alabama, 1963

 

Ich hänge das Werk über meine Couch an die Wand. Meine erste Befürchtung war wohl doch unbegründet. Das Werk passt ganz gut dorthin und ich bin gespannt wie sich unsere Beziehung in den nächsten Tagen weiterentwickeln wird.

Nach der ersten Nacht mit meinem Blinddate bin ich richtiggehend davon begeistert, dass nun endlich ein feines Werk über meiner Couch hängt. Jetzt möchte ich mehr über mein Blinddate erfahren. Wer hat dich geschaffen? Wie alt bist du und was stellst du dar? Das Werk heißt „Moon in Alabama“ und wurde 1963 von Lynn Russell Chadwick angefertigt. Es ist 65,4 x 50,4 cm groß und eine Lithographie.

Was ist denn eine Lithographie? Auch dieser Frage bin ich nachgegangen. Dabei handelt es sich um eine Flachdrucktechnik. Hier liegen die druckenden und nichtdruckenden Partien auf einer Ebene. Die Zeichnung wird mit fetthaltiger Lithokreide oder Lithotusche auf eine Kalksteinplatte aufgetragen. Danach wird die Platte mit einer Ätzflüssigkeit überzogen, die nur die nicht bezeichneten Stellen abätzt. Dadurch bleibt nur noch die Zeichnung als Fettgrund in der Platte zurück. Danach werden die fetthaltigen Partien mit fettiger Druckfarbe eingefärbt. Dieses Verfahren ermöglicht es dem Künstler auch mit Pinsel oder Feder zu arbeiten.

Lynn Russell Chadwick wurde 1914 in London geboren und ist vor allem für seine Mobiles und Skulpturen bekannt. Chadwick besuchte nie eine Kunstschule, sondern fand durch seine Arbeit als Architekturzeichner und Ausstellungsdesigner zur Bildhauerei. Chadwick gehörte zu den führenden Bildhauern der Nachkriegszeit, da er mit den Konventionen brach und nicht die traditionellen Materialen wie Holz, Stein oder Ton verwendete, sondern Gips, Eisen und industrielle Werkstoffe. Mit der Zeit veränderten sich seine rauen, manchmal aggressiv wirkenden Tierwesen zu weicheren Kompositionen mit menschlichen Zügen. Hinzu kommen außerdem liegende oder sitzende Figurenpaare. Doch „Moon in Alabama“ ist ganz anders, es handelt sich hierbei weder um ein Mobile, noch um eine Skulptur. Diese Arbeit nimmt das Thema der 1957 entstandenen Bronzeskulpturen „Moon of Alabama“ in einem anderen Medium wieder auf. Die zerklüftete Oberfläche von Chadwicks Skulpturen drückt das Bemühen um eine Dematerialisierung der Masse und Lebendigkeit der Linien aus. Dies finde ich in seinen verschiedenen Versionen von Lithographien zu „Moon in Alabama“ wieder. Die Lithographie mit seinen feinen Linien, die zusammen den Mond umreisen, seine Erhebungen und Vertiefungen darstellen, sind Chadwicks Skulpturen „Moon of Alabama“ sehr nahe. Fotos der Skulpturen kann man unter der Galerie Blain|Southern sehen.

Nach einigen Tagen mit meinem Blinddate „Moon in Alabama“ kommen ganz neue Empfindungen. Eine Unzufriedenheit macht sich breit, die durch einen Platzwechsel des Werkes behoben wird. Jetzt steht es auf der Couch an die Wand gelehnt und ist stärker in den Raum eingebunden. So macht es sich doch gleich viel besser!

In ein paar Tagen verlässt mich „Moon in Alabama“ wieder. Dabei habe ich mich doch gerade erst an es gewöhnt. Zurückblickend kann ich sagen, dass unser Kennenlernen am Anfang etwas holprig verlaufen ist, wir aber noch gut zueinander gefunden. Die große Liebe ist es nicht geworden, aber ich kann sehr gut verstehen, dass Ausleiher ihren Abgabetermin verschwitzen.

Andererseits freue ich mich schon auf mein zweites Blinddate, das am 14.2 - sehr passend am Valentinstag – seinen Anfang nimmt. Fortsetzung folgt...