Das zweite Blinddate:

14.2 – Valentinstag. Mein zweites Blinddate steht an. Ich gehe ins Depot und suche mir blind ein neues, mir noch unbekanntes Werk aus. Dabei ist die Versuchung ein Werk vorher schon anzuschauen sehr groß! Doch ich bleibe den ganzen Weg bis in meine Wohnung stark.

Natürlich mache ich mir Gedanken, was darauf zu sehen sein könnte. Was Abstraktes, was Figürliches, monochrom oder farbig. Die Spekulationen beginnen. Dieses Mal macht sich eine ungewohnte Spannung und Vorfreude breit. Die Skepsis und die Befürchtungen des ersten Blinddates sind hier nicht mehr zu spüren.

Beim ersten Blick auf mein Blinddate muss ich lachen. Erleichterung! Es ist ein Porträt einer Frau, die in einer Landschaft, flankiert von zwei Bäumen, in einem Hochlehner sitzt. Die Arme hat sie hinter dem Kopf verschränkt und schaut nach rechts in die Ferne. Sie trägt ihre braunen, lockigen Haare offen und dazu ein blau-weiß gestreiftes Sommerkleid, das ihren weiblichen Körper umspielt.

Es ist vollkommen anders als mein erstes Blinddate und ich erfreue mich an diesem Porträt, an ihrer lockeren, entspannten Haltung und ihrem in die Ferne gerichteten Blick.


Monika von Starck, Porträt, 1974

 

Dieses Mal lehne ich das Werk auf meiner Couch direkt an die Wand. So schaut sie auf meine Zimmertür und ich bekomme das Gefühl, sie würde jemanden erwarten. Als würde jeden Moment jemand das Zimmer betreten. Da fühle ich mich am Valentinsabend nicht mehr so alleine.

Kaum entspannen mein Blinddate und ich auf der Couch, bekomme ich Nachrichten von Freunden und auch meine Mutter ruft an. Alle wollen wissen wie mein neues Blinddate so ist. Wollen Fotos und Beschreibungen. Dabei muss ich schmunzeln, denn an einem menschlichen Blinddate hätten sie alle niemals ein so großes Interesse und so eine Vorfreude entwickelt.

Also erzähle ich allen von meinem Blinddate mit dem „Porträt“ von Monika von Starck aus dem Jahr 1974.

Einige Tage später beginne ich auch meine Recherche zu diesem Porträt. Es ist 65 x 50 cm groß, mit Wachskreide und Bleistift auf Papier gemalt. Monika von Starck wurde am 3. Februar 1939 in Köln geboren. Sie absolvierte in den 1960er Jahren ein Kunststudium an der Akademie in Düsseldorf und seitdem beschäftigt sie sich mit Menschenbildern in einem bildnerischen Realismus und der expressiven Steigerung. Je nach Tagesform des Betrachters erzählen die Werke eine heitere oder eine ernste Geschichte. Die bei der Recherche entdeckten Ölgemälde von Monika von Starck hatten für mich etwas Surreales, Kurioses, gar Schreckliches. Das „Porträt“ hingegen wirkt auf mich bisher sehr fröhlich und heiter. Dabei handelt es sich vielleicht um eine von unzähligen Arbeiten, die sie von Menschen im Restaurant, auf der Straße oder bei anderen flüchtigen Begegnungen anfertigte. Diese skizzierten Personen der Zeichnungen tauchen dann in ihren Ölgemälden wieder auf. Für mich war die Recherche zu diesem Werk besonders interessant, da ich sehr auf meine persönlichen Eindrücke angewiesen war ohne auf Sekundärliteratur zurückgreifen zu können.

Monika von Starck hat zwei internationale Preise in Bergamo, Italien erhalten. Einen 1990 für Malerei und ein Jahr später für Aquarellmalerei. Ihre letzte Einzelausstellung „LINIENLUST“ zeigte sie 2014 in der Kunst- und Museumsbibliothek der Stadt Köln.

Ich fühle mich auch nach einer Woche mit meinem Werk sehr wohl, als würde es schon immer zu meinem Inventar gehören. Vielleicht liegt das auch an der Farbigkeit – in blau-grün Tönen – die auch mit der Einrichtung meines Zimmers harmonisiert.

Die Zeit mit meinem zweiten Blinddate neigt sich dem Ende zu. Es ist Zeit, ein Resümee zu ziehen. Durch die beiden Blinddates habe ich meine eigenen Vorurteile gegenüber Techniken, bestimmten Farben oder auch Stilrichtungen abgebaut. Durch meinen Selbstversuch ist mir klar geworden, dass ich auch zu Kunstwerken eine Beziehung aufbauen kann, die ich bisher nicht beachtet hätte. Die Werke entwickeln sich zu Hause nochmal anders. Man tritt in einen Dialog mit dem Kunstwerk, manchmal ist es ein harmonischer und manchmal eben auch nicht. Es ist eine Entwicklung des Geschmacks und auch des veränderten Ausleihverhaltens spürbar.

Diese Entwicklung durchlaufe nicht nur ich in meinem Experiment, sondern es erleben alle Nutzer der artothek. Durch die Blinddates habe ich mich und auch die Kunst neu entdeckt. Eine neue Sehgewohnheit entsteht. Man muss sich trauen, aber den Versuch ist es wert!