Gottfried Böhm - Felsen aus Beton und Glas
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Felsen aus Beton und Glas

Rathaus Bensberg, Foto: Arved van der Ropp, Kirchanschöring

Gottfried Böhm hat Architekturgeschichte geschrieben. Mit dem kristallinen Betonmassiv der Wallfahrtskirche in Neviges (1963–73), der kongenialen Synthese aus historischer Burgruine und modernem Rathaus in Bensberg (1962–71) und der gläsernen Halle im Stuttgarter Züblin-Haus (1981–85) schuf er bekannte Architektur- Ikonen des 20. Jahrhunderts. Als erster und einziger Deutscher erhielt er 1986 den internationalen Pritzker-Preis für Architektur.

Hineingeboren in eine Familie von Baumeistern, übernahm der 1920 geborene Architekt in den fünfziger Jahren das Kölner Büro seines legendären Vaters Dominikus Böhm (1880– 1955), der sich als Pionier des katholischen Kirchenbaus der Moderne einen Namen gemacht hatte.

Auch der Sohn baute viele Kirchen. Die utopischen Ideen der expressionistischen Architekten um 1920, die von Gemeinschaft stiftenden Großbauten geträumt hatten, fanden hier auf überraschende Weise eine späte Ausformung, nun allerdings im Schoße der katholischen Kirche. Seine häufig in Sichtbeton, später auch in Stahl und Glas errichteten Bauten zeichnen sich durch ein hohes Maß an Skulpturalität, Bildhaftigkeit und Raumqualität aus. Böhms Siedlungen und Platzanlagen und sein in Passagen und Hallen „eingehauster“ Stadtraum zielen auf die behutsame Neuschaffung sozialen Raumes und auf die Bildung von „Zusammenhängen“ mit der Umgebung. Wie wenige andere hat dieses Büro eine charakteristische Linie entwickelt, die viele „Böhms“ als solche erkennbar macht.

Heute führt Gottfried Böhm sein Büro in lockerer Allianz mit drei Söhnen. Seit vielen Jahrzehnten gehört er in die erste Reihe der deutschen Architekten. Noch immer ist er an der Arbeit: sein aus schwebenden Schalen komponiertes Theater in Potsdam wurde als vorläufig letzter Bau im September 2006 eröffnet.

Die Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst basiert auf der 2006 im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt konzipierten Präsentation, erweitert um den ausführlichen Blick auf die in Köln realisierten oder für Köln projektierten Arbeiten. Die Werkschau dokumentiert das umfangreiche Bauschaffen des Architekten anhand von eindrucksvollen, suggestiven Zeichnungen und Skizzen aus dem Bestand des DAM. Diese werden ergänzt durch Architekturfotografien und eine Vielzahl von Modellen, die zum Teil aus dem Büro Böhm selbst stammen, zum Teil speziell für die Frankfurter Ausstellung an der Universität Stuttgart unter der Leitung von Arno Lederer gebaut wurden. In Köln erstmals zu sehen ist eine Auswahl an Skulpturen Gottfried Böhms, der neben Architektur auch Bildhauerei studiert hat.

Vor Ort in Köln bestand die einmalige Chance, Gottfried Böhm selbst in die Ausstellungsplanung einzubeziehen. Aus dem Büro Böhm stammt der Entwurf für die Ausstellungsarchitektur; gemeinsam mit Gottfried Böhm konnte auf der Grundlage der Frankfurter Konzeption die Hängung der Exponate vorgenommen werden. Die Kölner Schau vermittelt so einen sehr persönlichen Blick auf das Werk dieses großen Architekten. Sie zeigt, wie Gottfried Böhm selbst seine Architektur sieht, welche Bezüge er herstellt und wie er sein Werk verstanden wissen möchte.

Der Titel der Ausstellung lautet „Felsen aus Beton und Glas“, nach dem Motiv des „Betonfelsens“, wie die Bewohner von Neviges Böhms Wallfahrtskirche tauften. Das Massive in Böhms Architektur entmaterialisierte sich im Laufe der Zeit. Das Jahrzehnte später entstandene Züblin-Haus bietet wie Neviges aus der Entfernung die Skulptur eines Berges, aber der gläserne Kern des Gebäudes ist wie ein durchsichtiger Kristall. In diesem Sinne ist der Titel als Metapher zu verstehen, die dem Besucher ein einprägsames Bild von den Bauten Gottfried Böhms vermitteln will, die ihn international bekannt machten.