Königin Victoria (1819-1901)

von Alexander Bassano, 1887
National Portrait Gallery, London

Im Jahr 1837, dem ersten von Königin Victorias Regierungszeit, war die Erfindung der Fotografie noch nicht verkündet worden. Als sie 1901 starb, war der Fotoapparat aus Großbritannien und dem britischen Empire nicht mehr wegzudenken. Die Königin posierte bei Hunderten von Gelegenheiten für die Kamera und wurde die meistfotografierte Frau ihrer Zeit. Die Fotografie spielte eine entscheidende Rolle bei der Definition ihrer Herrschaft, nicht zuletzt in Zeiten eines virulenten Republikanismus. Nach dem Tod ihres Mannes Prinz Albert im Jahr 1861 führte die jahrzehntelange Unsichtbarkeit der Königin zu einer Unzufriedenheit innerhalb der Bevölkerung, die sie mit einer Reihe von Einblicken in ihr Leben — wohlüberlegte Versuche, sich ungezwungen und zurückhaltend zu präsentieren — sich zu beschwichtigen bemühte. Als sie allmählich wieder in der Öffentlichkeit erschien, war die Kamera zur Stelle, um sie in einem zunehmend formellen Stil festzuhalten, wie es ihrem hohen Amt entsprach. Auf diese Weise trug die Fotografie dazu bei, die Vormachtstellung der Monarchie erneut zu etablieren.

picasso


Eine Ausstellung der National Portrait Gallery London  

Sie regierte mehr als sechs Jahrzehnte, und ihr öffentliches Bild zeigte sie nach Möglichkeit so, wie sie von ihrem Volk gesehen werden wollte: als liebende Gattin und Mutter, als treue Witwe, als Herrscherin und — würdevoll bis ans Ende — als Großmutter der Nation. Die Fotografie hatte das Gesicht der Monarchin Millionen von Einwohnern des britischen Empires — ein Viertel der Weltbevölkerung, hieß es — zur Verfügung gestellt. Das letzte Foto der Königin zeigt sie feierlich aufgebahrt, wie im Leben von Portraits ihres Mannes umgeben. Die Fotografie war für das Königspaar wichtig gewesen. Die frühesten Fotos, die in Großbritannien zu sehen waren — aus Frankreich importierte Daguerreotypien —, wurden der Königin am 15. Oktober 1839 gezeigt, an jenem Vormittag, an dem sie (wie es das Protokoll vorschrieb) dem Mann, den sie liebte, einen Heiratsantrag machte.