Joseph Beuys und das Mittelalter – 2 von 6
Joseph Beuys, "Straßenbahnhaltestelle" in der Cäcilienkirche, © VG Bild-Kunst, Bonn 1998 Josepf Beuys, Straßenbahnhaltestelle
Blick nach Südosten in das Schnütgen-Museum, Cäcilienkirche, 1997
© VG Bild-Kunst, Bonn 1998
Plakat
Joseph Beuys – "Straßenbahnhaltestelle"

Das zentrale Werk der Ausstellung im Schnütgen-Museum hat Joseph Beuys 1976 für den deutschen Pavillon der Biennale in Venedig geschaffen. Die Arbeit enthält Elemente aus seiner Lebensgeschichte. Der volle Titel lautet:

"Straßenbahnhaltestelle / Tramstop / Fermata del Tram, 1961-1976, A Monument to the Future"

Im Mittelschiff der Cäcilienkirche liegt eine 8,60 m lange, rostige, leicht nach oben gebogene Straßenbahnschiene auf ihrer ehemals blanken Lauffläche. Nichts kann sich mehr auf ihr bewegen. Daneben liegen hintereinander vier grobe, eimerartige Formen, parallel dazu ein langes Kanonenrohr. In seinem unteren Teil ragen seitlich kurze stummelartige Fortsätze hervor. Damit wurde die Kanone in ihrem Laufgestell, der Lafette, gehalten. Das Ende des Kanonenrohrs scheint aus dem Maul eines Ungeheuers mit riesigen gebleckten Zähnen herauszuwachsen. Im Ende der Röhre steckt ein Menschenkopf. Der Gesichtsausdruck mit dem geöffneten Mund ist leidend und starr. Das Kanonenrohr und der Kopf zeigen die gleichen Gußnähte wie die vier Eimer. Sie sind Abformungen von anderen Gegenständen, in Eisen nachgegossen. Ein Winkeleisen liegt vor dem Kopf, und daneben eine größere Zahl von Stangen, die sich mit Nieten zu einem langen Stab verbinden lassen.

Erinnerung an ein Denkmal für den Frieden aus einer fernen Zeit
Beuys hat als Kind oft an einer Straßenbahnhaltestelle in Kleve gewartet, neben der ein seltsames, halb verfallenes Denkmal stand. Es hatte den Namen "Zum eisernen Mann". Erst als Erwachsener wußte der Künstler, daß der klevische Statthalter Prinz Johann Mauritz von Nassau um 1660 am Ende eines achtzigjährigen Krieges an wichtigen Straßenkreuzungen seiner Residenzstadt Kleve "Denkmäler des süßen Friedens" errichten ließ. Sie bestanden aus Waffen, Munitionstöpfen und Kanonenkugeln.

Auf dem Kanonenrohr vom "Eisernen Mann" stand ursprünglich eine Figur des Gottes Amor. Er trug eine Rüstung und Pfeil und Bogen, um zu zeigen, daß Liebe den Krieg überwinden kann, und daß Frieden verteidigt werden muß.

Erinnerung an eine wesentliche Kindheitserfahrung

Als Kind wußte Beuys wenig über die Geschichte dieses Ortes. Aber er war beeindruckt von den riesigen blanken Straßenbahnschienen, auf denen funkensprühend die schweren Wagen fuhren, und dem 'alten Eisen' des verfallenen Denkmals mit dem rätselhaften Namen. Er sah die Unbeweglichkeit des rostenden Materials hier und die Bewegungsmöglichkeit auf den Schienen mit Hilfe der Technik da.

Straßenbahnhaltestelle in Kleve
Straßenbahnhaltestelle in Kleve
Beuys hat selbst über die "Straßenbahnhaltestelle" gesagt:

"lch habe erlebt, an dieser Stelle, als ganz kleines Kind, daß man mit Material etwas Ungeheures ausdrücken kann, was für die Welt ganz entscheidend ist, so hab ich's erlebt. Oder sagen wir, daß die ganze Welt abhängt von der Konstellation des Wo-eine-Sache-steht, des Ortes, geographisch, und des Wie-die-Sachen-zueinanderstehen, ganz einfach.."

Joseph Beuys, Straßenbahnhaltestelle, © VG Bild-Kunst, Bonn 1998

Joseph Beuys
"Straßenbahnhaltestelle / Tramstop / fermata del Tram, 1961-1976, A Monument to the Future" im deutschen Pavillon in Venedig, Biennale 1976
© VG Bild-Kunst, Bonn 1998

Erinnerung an ein künstlerisches Ereignis
an einem fernen Ort

In Venedig hat Beuys 1976 seiner eigenen Erinnerung ein Denkmal gesetzt. Neben dem Abguß der Kanone und den Munitionstöpfen aus Kleve lag die blanke, gebogene Straßenbahnschiene. Ihre Enden waren in den Boden eingelassen, als käme sie aus der Tiefe und setzte sich unterirdisch fort, wie eine Verbindung zwischen dem Ort der Ausstellung und dem Ort der Erinnerung. Dazu kam die Verbindung zum Wasserspiegel der Lagune durch ein 25 m tiefes Bohrloch, aus dem das Gestänge stammt. Daneben lag der Erdaushub für das Loch und für die Fundamentierung der Munitionseimer und der Kanone. Er enthielt die an dieser Stelle abgelagerten Trümmer des 1902 eingestürzten Campanile von San Marco. Der geheimnisvolle Kopf auf der Kanone war zur Türe des Raumes gerichtet. In Eisen, Erde und Wasser wurde die Verbindung von räumlich und zeitlich entfernten Gegenständen und Gedanken gegenwärtig.

Material und Form - Erinnerung, die zur Kunst wird
Ohne die damals gedachten Verbindungen liegen die Elemente nun nebeneinander. Sie erinnern an die Installation von 1976, so wie Reliquien durch ihre greifbare Gegenwart an bestimmte Personen oder Ereignisse erinnern. Die Schiene und die Munitionskessel können in dieser Lage nicht mehr benutzt werden. Das Bohrgestänge ist auseinandergenommen, das niedergelegte Kanonenrohr hat seinen Denkmalcharakter eingebüßt. Die Aufmerksamkeit konzentriert sich auf die Verbindung der Menschengestalt mit der Waffe, die zugleich ein Ungeheuer ist. Bilder von aufgebahrten Toten, vom Ausgeliefertsein an Vergänglichkeit und Gewalt werden wach.

Starßenbahnhaltestelle (Detail)
Joseph Beuys' Installation "Sraßenbahnhaltestelle" (Detail) im Schnütgen-Museum,
Cäcilienkirche, Blick nach Nordosten, 1997

"Die Arbeit wurde nur einmal aufgerichtet", hat Beuys gesagt, als er selbst bestimmte, wie ihre Bestandteile im Museum angeordnet werden sollten. Sein Werk macht sensibel für das Bewußtsein von Stoff und Substanz, von Passivität, Leiden und Aktion, für das Wesen von Raum und Zeit. Nach rückwärts und nach vorn gerichtete Erinnerungen und Gedanken bleiben im Material und in der Form dieses Kunstwerkes ständig real und gegenwärtig.

Hiltrud Westermann-Angerhausen

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