zur Vergößerung

Alexej von Jawlensky
(Tver, Russland, 1864 - 1941 Wiesbaden)
Maria II, 1901
Öl auf Leinwand.
74,8 x 62,8 cm.
Bezeichnet oben links: A. Jawlensky; rückseitige Aufschrift: A. Jawlensky / "Maria" II. 1901.
GR 1.39

Alexej von Jawlensky besuchte von 1874-1882 in Moskau die Sekundarschule. Er verzichtete auf eine militärische Laufbahn und wurde 1889 zunächst an der Kunstakademie in Sankt Petersburg ausgebildet und anschließend, ab 1896, in München, wo er bis 1899 Schüler von Anton Azbé war und auch Kandinsky kennenlernte. 1903 unternahm er eine Reise nach Paris und in die Normandie und lernte 1905 Henri Matisse kennen. Gemeinsam mit Kandinsky gründete er 1909 die Neue Künstlervereinigung München und dann 1911 den Blauen Reiter. Er traf sich ab 1912 mit Emil Nolde und Paul Klee und bildete 1924 gemeinsam mit letzterem, Feininger und Kandinsky die Blauen Vier. 1934 begann er seine Meditationen zu malen.

Während seiner Ausbildung in Sankt Petersburg und in München bei Anton Azbé erhielt Jawlensky eine solide maltechnische Ausbildung. In seiner Anfangszeit ist ihm der Realismus sehr wichtig, später beeinflussten ihn van Gogh und der Neo-Impressionismus.
Jawlensky malte dieses Portrait, einer rückseitigen Aufschrift des Sohnes zufolge, 1901. Der Maler portraitiert das nach links gewandte Modell in halber Länge und mit blumengeschmücktem Hut. Maria war die Schwester Helenes, der Gattin von Jawlensky. Er hatte sie bereits zuvor schon einmal portraitiert (Maria I, Privatsammlung; Catalogue raisonné, 1991, Nr. 22, mit Abb.). Die ebenfalls frontal, jedoch weniger expressiv dargestellte junge Frau trägt einen ähnlichen blumengeschmückten Hut. Vor allem die Maltechnik lässt darauf schließen, dass beide Portraits etwa gleichzeitig entstanden sind.
Die Verwunderung, die das Gemälde der Sammlung Rau hervorruft - es ist in einem für Jawlensky eher ungewöhnlichen Stil gemalt -, rührt von der skizzenhaften Malerei, die mit großen, das Licht einfangenden Pinselstrichen ausgeführt wurde. Die Darstellung des Gesichtes ist, um dessen Züge feiner erscheinen zu lassen, detaillierter gehalten. Trotzdem sucht der Maler nicht nach einem spezifischen Ausdruck, was dem Gemälde einen impressionistischen Charakter verleiht.
Jawlensky beschäftigte sich sein ganzes Leben lang mit der Darstellung von Frauen, die den größten Teil seines Œuvres ausmacht. Zwischen 1908 und 1913 malte er die Serie Expressive Köpfe - abstrakte, breite, fast quadratische Köpfe - in kräftigen Farben; ab 1917 folgten die abstrakten, mystischen Köpfe, bei denen die Kontur hervorgehoben und die Farben noch immer sehr lebendig sind. Die Serie Meditationen von 1934 bis 1937 schließlich zeigt kleinformatige Figuren. 1906 malte Jawlensky noch andere, auf einem Stuhl sitzende Frauen in halber Länge: Junge Frau mit weißer Schürze und Junge Frau mit rosa Kleid, beide in Privatbesitz (Alexej Jawlensky, Vom Abbild zum Urbild, 1979, Nr. 13 und 14). Diese Bilder dienten ihm als Vorwand für seine Raumkonstruktionen und Kompositionsstudien, in denen die Figur als solche keine besondere Bedeutung hat. Die Expressivität des Künstlers wird zunehmend abstrakter, seine Malerei beschäftigt sich bereits mehr mit den Formstrukturen als mit Inhalten. In diesen Gemälden markiert die harte Konturlinie deutlich die Struktur des Gesichtes.
Ph. L.


Provenienz:
München, Galerie Gunzenhauser, Dezember 1971, Nr. 1.


Ausstellung:
Dortmund, Museum am Ostwall, Alexej von Jawlensky, Reisen - Freunde - Wandlungen 1893-1937, 1998.


Bibliographie:
C. Weiler, Alexej Jawlensky: Köpfe, Gesichte, Meditationen, Hanau 1970, S. 149; "Jawlensky bei Gunzenhauser", in: Artis, 12. Dezember 1971, S. 40, mit Abb.; "Jawlensky zum Gedächtnis", in: Die Kunst, 12. Dezember 1971, S. 722, mit Abb.; J.- J. Lévêque, Les années de la Belle Epoque, 1890-1914, Paris 1991, S. 417, mit Abb.; Catalogue raisonné de l´œuvre peint de Jawlensky, London 1991, S. 48, Nr. 23, mit Abb.