Korrekturen und Alternativen
Jean-Auguste-Dominique Ingres (1780 - 1867) bereitete seine Gemälde meist mit einem immensen zeichnerischen Aufwand vor. So auch das Historeinbild "Das Martyrium des Hl. Symphorianus" (Ingres: Martyrium des Hl. Symphorianus). Unser Bildbeispiel zeigt die Studie zu einer der Hauptiguren dieses großformatigen Bildes. Hier wird deutlich, daß Ingres sich noch nicht entschieden hatte, wie die endgültige Pose der Figur angelegt sein sollte. Er probierte Alternativen und erhielt eine Gestalt mit mehreren Arm- und Beinstellungen. Dieses Spiel mit möglichen Varianten ließ zu dem Zeitpunkt, an dem die Studie angelegt wurde, die endgültige Lösung ganz bewußt offen. Als Laie mag man denken, eine solche "Berichtigung eines Fehlers" sei etwas, das man tunlichst verbergen sollte. Dem entgegen lassen jedoch gerade die Meister der Zeichenkunst oftmals die einmal getroffene Formulierung so stehen, wie sie ist, und setzen, wenn sie eine neue treffen, diese einfach hinzu.
Diese Entscheidung zeigt eine gewisse Sorglosigkeit im Hinblick auf die äußerlich "perfekte" Wirkung. Kein Wunder: wird doch das Zeichnen in vielen Fällen als ein Schritt in einer Reihe von kreativen Arbeitsvorgängen betrachtet und nicht primär als eine in sich vollendete und losgelöst existierende Kunstform. Die Zeichnung hat oft in diesem Sinn einen "dienenden" Charakter. Sie ist schlicht ein Arbeitsmittel, wenn auch eines, das entscheidende Funktionen hat und besondere ästhetische Ansprüche stellt!
Darüber hinaus wird ein Zeichenblatt, das unterschiedliche Formansätze oder gleich mehrere Gestaltungslösungen aufweist, zu einem Dokument für den Entwicklungsgang einer Vorstellung. Das Entstehen und Wachsen einer Idee wird nachvollziehbar, erlaubt einen unersetzbarer Blick auf das Wesen der Kreativität. Ähnlich ist es, wenn mehrere Varianten derselben Planung nebeneinander gestellt werden.

