Was ist ein "Abklatsch"?
"In einem Contre-épreuve ist nicht die Blume der Zeichnung vorhanden,
aber, wenn man so sagen darf, etwas von (der) Seele."
Edmond de Goncourt über den "Abklatsch"
Das deutsche Wort mit seiner lautmalerischen Anmutung mag etwas seltsam klingen, wenn man es mit den entsprechenden Bezeichnungen aus Frankreich (Contre-épreuve) und England (Counterproof) vergleicht, vermittelt aber dennoch eine anschauliche Vorstellung davon, wie ein solches Blatt zu Stande kommt: Eine Zeichnung, meist in Kreide oder Rötel, wird so kräftig angelegt, dass die einzelnen Striche viel lockeres Pigment-Pulver aufweisen. Dann nimmt man ein zweites Blatt, das meist leicht angefeuchtet wird, und presst es mit starkem Druck - z. B. mit einer Gummiwalze - auf die Farbschicht. Das Ergebnis: Einiges von der pulvrigen Oberfläche des Striches überträgt sich auf das zweite Papier, und wenn man nun beide Blätter wieder auseinanderzieht, sieht man auf diesem zweiten seitenverkehrt das Muster der ursprünglichen Zeichnung - einen "Gegendruck". Als Bildbeispiel zeigen wir Ihnen einen Abklatsch von L. Lesueur, tätig in Frankreich im 18. Jahrhundert. Seine "Landschaft mit knorrigem Baum und Hirten" stammt aus dem Jahr 1771. Name und Datierung sind seitenverkehrt am unteren rechten Rand zu erkennen.
Für solche Verdoppelungen gab es verschiedene Gründe. So konnte man eine weitere Ausfertigung verschenken, verkaufen oder als Muster weitergeben. Außerdem wird die Seitenverkehrung, die die Komposition umdeutet und in vielen Fällen sogar erheblich schwächt, ein erwünschter Effekt gewesen sein, nämlich dann, wenn das Motiv in eine Druckgraphik umgesetzt werden sollte. Für dieses Verfahren braucht man ja das geplante Motiv in einer spiegelbildlichen Fassung zur Übertragung auf die Druckplatte. Dafür konnte ein Abklatsch gute Dienste leisten. Man hatte es dann leichter, den späteren Abzug vom Kupfer, in diesem Fall also das eigentliche Endprodukt der Bearbeitung, so zu gestalten, dass er mit der ursprünglichen Zeichnung wieder übereinstimmte.

