Unterstützt von:

Ausnahmezustand im Bild


Bild der 09. Woche - 3. März bis 9. März 2014

Wilhelm Schreuer, Kölner Karneval, 1906, Leinwand, 81 x 59 cm, Wallraf-Richartz-Museum - Fondation Corboud, WRM 1616, als Leihgabe im Kölnischen Stadtmuseum

Ausnahmezustand in Köln!!! - hier links auf dem Gemälde von Wilhelm Schreuer aus dem Jahr 1906 und auch heute - Rosenmontag - an topographisch gleicher Stelle. Durch die noch von den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs unberührte Altstadtbebauung schlängelt sich der Rosenmontagszug.


Dichte Menschenreihen säumen den Zugweg. Im rechten Vordergrund scheint eine der beim Umzug immer wieder auftretenden Lücken zwischen den teilnehmenden Gruppen entstanden zu sein - vielleicht ausgelöst durch das ausgelassene Tanzen der Roten Funken mit ihrer rot-weißen Uniform, dem schwarzen Helm und ihren schwarzen Stiefeln. Ein passender Bierbauch (rechts im Bild) rundet das Bild der Persiflage auf die Kölner Stadtsoldaten ab (www.rote-funken.de). Hinter den Roten Funken erkennt man eine blau-weiß gekleidete Gruppe zu Pferde; dahinter schließlich ein rot-goldener Prunkwagen. Die sich in den schmalen Zwischenraum der Gasse auftürmenden Gruppen des Karnevalszuges sind nicht nur vom Maler in bewußter Komposition so angeordnet. Dieser für das Gemälde wichtige Effekt hat auch seine Ursache in der vorgegebenen und im Bild detailgetreu wiedergegebenen Topographie. Der Betrachter scheint so nicht weit vom Ende der Straße Obermarspforten entfernt zu stehen, die sich abschüssig in Richtung Rhein erstreckt. Der Blick geht, den Rhein im Rücken, den Verlauf der Gasse hinauf. Die Aufnahme rechts zeigt den Straßenverlauf wie er sich heute - bzw. zeitlich genauer: wie er sich am Tag vor Weiberfastnacht, also kurz vor Beginn des Kölner Straßenkarnevals zeigt. Heute - Rosenmontag - sieht es dort anders aus, nämlich unserem Gemälde vergleichbar, denn auch in diesem Jahr nimmt der Rosenmontagszug einen ähnlichen wie den vom Maler 1906 festgehaltenen Weg.


Ein Vergleich der Topographie des Gemäldes mit der Photographie zeigt deutlich Übereinstimmungen, aber auch Veränderungen der Umgebung. Der auf dem Gemälde rechts sichtbare Pfeiler ist Teil eines Brunnens. Im Photo rechts ist er bis auf seine Bekrönung hinter Holzplatten verborgen - ein Schutz, dem man vielfach am Zugweg des Rosenmontagszuges aus gegebenem Anlaß begegnet.


Wilhelm Schreuer, der Maler unseres Bildes, wurde 1866 in Wesel geboren. Seine künstlerische Ausbildung erhielt er an der Düsseldorfer Akademie. Hauptthemen seiner Bilder sind Szenen des alltäglichen Lebens, Straßen- und Wirtshausszenen, Militärdarstellungen und Szenen der Zeitgeschichte. Er erhielt auch den Beinamen "rheinischer Menzel". Schreuer starb 1933 in Düsseldorf.

T. Nagel