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Wiederentdeckter Karfreitag


Bild der 15. Woche - 14. April bis 20. April 2014

Maerten van Heemskerck, Grablegung, Ende der 30er Jahre des 16. Jhs., Eichenholz, 140,5 x 132 cm, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, WRM. 0586.

Dass Kunst nicht immer „schön“ ist, lehrt schon ein Blick auf die Malerei des 20. Jhs. Dieses Phänomen ergibt sich aber auch aus der Überlegung, dass Kunst nicht an einen Zweck gebunden ist. Sie ist schöpferische Äußerung des Menschen und erhält ihren Wesen nicht durch ein Ziel dieses Handelns.


Es gibt aber auch Kunst, die auf einen bestimmten Zweck hin geschaffen ist, und auch in diesem Zusammenhang nicht „schön“ ist. Auf dieses Gemälde der Grablegung Christi des Maerten van Heemskerck passt zumindest in einzelnen Partien diese Charakterisierung. Sehen Sie sich z. B. das Gesicht des in der Bildmitte liegenden Leichnams Christi an. Der Kopf ist nach hinten weggekippt, die Augen gebrochen, die obere Zahnreihe ist zu sehen, fahle Gesichtsfarbe. Das Gesicht eines Toten. Auch die begleitenden Personen sind nicht wirklich schön. Der schwarze Himmel im Hintergrund tut sein Übriges, um die Szene triste erscheinen zu lassen.


Genau diesen Ausdruck des Bildes hat der Maler beabsichtigt. Es ist kein künstlerisches Unvermögen, welches dem Gemälde seinen Ausdruck verleiht, vielmehr gibt die Bildstimmung die Situation des dargestellten Themas und der beabsichtigten theologischen Botschaft wieder: Christus ist am Kreuz gestorben und damit ist die Hoffnung seiner Jünger, er werde das Königreich Israel wiederherstellen (Mt 21,5) bzw. die Herrschaft an sich ziehen, zerstört. Aller Jubel des Palmsonntag ist zerstoben, ein Verräter aus den eigenen Reihen hat dieses Desaster provoziert. Wichtig für die christliche Botschaft der österlichen Auferstehung ist aber ebenso, dass Christus wirklich tot ist.


Es gab bereits vor längerer Zeit einen Besitzer des Bildes, der dieses Gemälde ebenfalls als nicht „schön“ betrachtete und diesem Zustand beenden wollte. Er gab den Auftrag, die schlimmsten Partien des Bilds zu übermalen. Sehen Sie sich die rechts abgebildete schwarz/weiß-Aufnahme des Zustandes vor der Restaurierung in den 1990er Jahren an: Hier zeigt sich ein anderer Christus, auch die Landschaft ist hell und licht. Vor dem Sarkophag steht ein gläsernes Gefäß, aufrecht und mit klarer, leicht grünlicher Flüssigkeit gefüllt (Salböl?).


Dass das Gemälde übermalt wurde, war für Fachleute schon beim ersten Blick offensichtlich. Was man jedoch beim ersten Entfernen der Übermalungen entdeckte, war überraschend (s. rechts Aufnahme vom Zustand zu Beginn der Restaurierung, besonders beim Kopf Christi).


Dass die Übermalung des Bildes nicht nur dem Bild das „Grauen“ nahm, es vielmehr auch in seiner theologischen Aussage „entschärfte“, mach ein Blick auf das gläserne Gefäß vor dem Sarkophag deutlich. Die übermalte Version zeigt es als ein Salbgefäß zu Füßen einer weiblichen Figur stehend. In diesem Zusammenhang wird das Gefäß zum Attribut der hl. Maria Magdalena. Unter der Übermalung kam jedoch ein Gefäß zum Vorschein, dass im Begriff ist umzukippen. Im nächsten Augenblick wird die rote Flüssigkeit (das Blut Christi) sich über die Mensa des Altares ergießen, auf dem das Bild stand: Dies ist die Theologie des Karfreitag: Christus hat mit seinem Blut die Menschen erlöst. Und dies ist zugleich auch die Theologie des Messopfers, in welcher sich dieser Opfertot Christi immer wieder neu vollzieht.

T. Nagel