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Im Tal der Tränen


Bild der 30. Woche - 28. Juli bis 3. August 2014

Umkreis des Hans Wydiz (belegt 1497-1510, Freiburg i. Br.), Hiob im Elend, um 1500, Linde, H: 26, 5 cm, Museum Schnütgen, Inv.-Nr. A 1066

Schwer wie sein wieder und wieder von Katastrophen heimgesuchtes Leben wiegt der auf den linken Arm gestützte Kopf des ausgemergelten Mannes. Sein ausdrucksstarker, verzweifelter Blick ist gen Boden gerichtet, seine Gedanken jedoch gelten stets dem Herrn im Himmel über ihm. All seinen Besitz, seine Frau und seine Kinder hat der Teufel ihm genommen, um ihn an der Existenz und Güte Gottes zweifeln zu lassen und ihn zur Abkehr von diesem zu bewegen. Doch auch jetzt noch, mit einer großen Scherbe in der rechten Hand zum Kratzen des juckenden Aussatzes, der ihn zusätzlich plagt, verliert Hiob sein Gottvertrauen nicht. So spricht er zu seiner Frau: „Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen?“ (Hiob 2,10).


Zwar zeugen die geschilderten Merkmale von dem Elend, in dem der fromme Mann sich befindet; jedoch verstand es der unbekannte Künstler vortrefflich, dennoch eine höchst ästhetische Gestalt zu schaffen. Neben einem Lendentuch, das den größten Teil des mageren Körpers unbedeckt lässt, trägt Hiob auf langem, schön gelocktem Haar ein kostbares, pelzbesetztes Barett. Die Gesichtszüge sind bei all dem Kummer und der Verzweiflung im Ausdruck doch edel und filigran, Lippen und Augen durch eine leichte farbliche Tönung akzentuiert. Die mit feinen Oberflächendetails ausgearbeitete Haut bietet keinen Hinweis auf die Geschwüre des Aussatzes. Trotz raumgreifender Elemente wirkt die gesamte Komposition ausgewogen und harmonisch.


Durch geschickt gewählten künstlerischen Gestaltungsmittel fällt es dem Betrachter leicht, nicht mit abstoßender Geste zu reagieren, sondern sich im Gegenteil vielmehr in die Situation des Gezeigten hineinzuversetzen und Mitleid zu empfinden. Trotz der ungeklärten Funktion und des unbekannten Zusammenhangs, aus dem dieses Kunstwerk stammt, liegt die Vermutung nahe, dass es als Spiegelbild des elenden menschlichen Lebens sowie ideale Verkörperung der christlichen Tugenden Geduld und Demut zur privaten Andacht und individuellen Frömmigkeitsausübung diente. Ebenso verhält es sich mit dem motivisch und thematisch verwandten Andachtsbild des Christus im Elend, als dessen Präfiguration der leidende Hiob gilt.

S. Trübenbach