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Bild der 32. Woche - 5. bis 12. August 2002

"Die Chemie muss stimmen." 

Pierre Bonnard (1867 - 1947): Die Boulevards, 1900, Farb-Lithographie, 26.9 x 33.4 cm, Inv.-Nr. 1942/470, Graphische Sammlung, Wallraf-Richartz-Museums - Fondation Corboud

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Abb. 1: Kalksteinbruch bei Solnhofen; Abb. 2: Auswaschen des Steins; Abb. 3: Auftragen der Farbe

Geschichte Der 1771 in Prag geborene Aloys Senefelder entwickelte um 1796 den sogenannten Steindruck, bekannter als Lithographie (aus dem Griechischen: lithos = Stein, graphein = schreiben). Anders als die bislang bekannten Hoch- und Tiefdruckverfahren, die auf einem mechanischen Abdruckverfahren basieren, beruht die Lithographie auf dem natürlichen Phänomen der gegenseitigen Abstoßung von Fett und Wasser.

Technik Bei der Lithographie handelt es sich um einen sogenannten Flachdruck. Einer Technik, bei der von einer ebenen, chemisch präparierten Oberfläche gedruckt wird. Senefelder nutzte hierbei die besonderen chemischen Eigenschaften einer bestimmten Sorte kohlensauren Kalkschiefers, der im bayerischen Solnhofen im Altmühltal gebrochen (Abb.1) und in ca. 6 -15 cm starke rechteckige Platten geschnitten wird. Die feinen Poren dieses Steins können sowohl Wasser als auch Fett aufnehmen und in einem chemischen Prozeß binden. Die Vorarbeiten für die künstlerische Bearbeitung, die Druckvorbereitung und -durchführung gliedern sich in folgende Schritte:

1. Die Steinoberfläche, die das Druckbild aufnehmen soll, wird absolut glatt geschliffen.
2. Der Stein wird mit Alaun (ein in Wasser gelöstes, stark saures Salz) oder essigsaurem Aluminium entsäuert, d.h., die in stickstoffhaltiger Luft an der Steinoberfläche entstandene Ca (NO3)2-Schicht wird entfernt: die Steinfläche wird erst jetzt besonders aufnahmebereit.
3. Es folgt die eigentliche künstlerische Arbeit: das Aufbringen der Zeichnung (seitenverkehrt) mittels einer fetthaltigen Substanz (Lithokreide, Fett-Tusche, Druckfarbe). In einem komplizierten chemischen Prozeß verbindet sich die fetthaltige Substanz jetzt mit dem kohlensauren Kalk. Die Folge ist, daß der Stein an diesen kontaminierten Stellen jetzt Fett anzieht und Wasser abstößt. Anschließend wird der Stein für den Druck vorbereitet, wird geätzt. Hierfür wird die Druckplatte mit einer Lösung aus Gummiarabikum und verdünnter Salpetersäure bestrichen. Dadurch verseift das Fett im Stein und die mit fetthaltiger Tusche bezeichneten Stellen werden wasseranziehend und können die Druckfarbe aufnehmen. Nachdem diese schwache Ätze, die eine dicke Schicht bildet, eingetrocknet ist, wird sie mit Wasser abgewaschen.
4. Dann wird der Stein mit einer dünnen Schicht reinen Gummiarabikums überzogen. Die nicht von der Zeichnung bedeckten Partien der Platte werden hierbei befeuchtet und mit einer fettabstoßenden Schutzschicht überzogen.
5. Nach dem Trocknen wird die Zeichnung mit Terpentin ausgewaschen, um die Rückstände des Zeichen-/Malmittels, die nicht in den Stein eingedrungen sind, zu entfernen. Die Zeichnung ist nach der Auswaschung lediglich noch als hellbrauner Fettgrund sichtbar (Abb.2).
6. Erst jetzt wird Druckfarbe mittels einer Walze aufgebracht, wobei die fetthaltige Druckfarbe nur von den Stellen aufgenommen wird, an denen die ebenfalls fettige Zeichnung aufgetragen worden war. Die Übrigen feuchten Stellen bleiben frei von Farbe (Abb.3).
Mittels einer lithographischen Handpresse – für den künstlerischen Druck immer noch unentbehrlich – wird jetzt gedruckt. Der auf einem Schlitten – dem sogenannten Wagen – liegende Stein wird mit Hilfe eines Triebrades mitsamt dem aufgelegten Papier unter dem starken Druck des sogenannten Reibers hindurchgezogen.

Bei farbigen Lithographien muß für jede Farbe ein neuer Stein bezeichnet und abgedruckt werden. Kleine Markierungen auf den Steinen und auf dem Bogen erleichtern das Neben- und Übereinanderdrucken der einzelnen Farben in programmierter Reihenfolge. So wurde die Toulouse-Lautrec-Lithogaphie der Marcelle Lender, die wir Ihnen in der letzten Folge unserer Serie vorgestellt haben, entsprechend acht Mal durch die Presse gezogen.

*ugs. für Montmartre, bezogen auf die Lage Montmartres oberhalb der Stadt (franz.: butte = Hügel)

Vorlageservice der Graphischen Sammlung:
Vorlage von Originalen der Graphischen Sammlung des Wallraf-Richartz-Museums - Fondation Corboud: Dienstags und Mittwochs zwischen 10.00 und 16.00 Uhr. Um eventuelle Wartezeiten zu vermeiden, ist eine telefonische Voranmeldung unter der Rufnummer 221-23492 ratsam.

O. Mextorf

Literaturauswahl:
Irena du Bois-Reymond: Die graphischen Künste - Techniken, Gattungen, Geschichte, Hauptmeister, Düsseldorf 1983
Felix Brunner: Handbuch der Druckgraphik - Ein technischer Leitfaden, Stuttgart, New York, Niederteufen (Schweiz) 19846 Walter Dohmen: Die Lithographie - Geschichte, Kunst, Technik; Köln 1983
Heijo Klein: Sachwörterbuch der Drucktechnik und grafischen Kunst, Köln1977 3
Walter Koschatzky: Die Kunst der Graphik - Technik, Geschichte, Meisterwerke; München 1988 10
Aleš Krejca: Die Techniken der Graphischen Kunst - Handbuch der Arbeitsvorgänge und der Geschichte der Original-Druckgraphik, Prag 1991 3
Lothar Lang: Der Graphiksammler - Ein Buch für Sammler und alle, die es werden wollen, Berlin (Ost) 1979
Catharina Marcus: Das Handwerk der graphischen Kunst - Eine Reise durch 500 Jahre Geschichte der Drucktechnik; Düsseldorf 1997
Rudolf Mayer: Gedruckte Kunst - Wesen, Wirkung, Wandel; Dresden 1984
Günther W. Schwarz: Graphik - Eine Dokumentation der Techniken mit Originalen, München 1994
Markus Stegmann/ René Zey: Lexikon der graphischen Künste - Techniken und Stile, Reinbek 1992

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