Mußebeschäftigungen in einer Villa
(teinai yûraku zu)
Anonymer Meister, Sechsteiliger Stellschirm, Tusche und Farbe auf Papier, Blattgoldauflage, Japan, Edo-Periode, um 1660, 66 x 210 cm (montiert)
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Anonymer Meister, Sechsteiliger Stellschirm, Tusche und Farbe auf Papier, Blattgoldauflage, Japan, Edo-Periode, um 1660, 66 x 210 cm (montiert)
Die Figurenszenen spielen sich zum Teil in den Innenräumen, zum Teil auf der umlaufenden Veranda oder im Innengarten einer Villa ab, die sich über den gesamten Bildraum erstreckt (das Gesamtbild 222 KB können Sie sich durch Klicken auf das kleine Übersichtsbild ansehen). Rechts nähert sich eine Gruppe barfüßiger Männer mit Schwertern, die aus dem Pferdestall oder von einem Sumô-Ringkampf kommen. Ein Mädchen läuft ihnen entgegen, sie überbringt einen Liebesbrief in Form einer Schriftrolle. Im Innern des Hauses trainieren sich drei Samurai im Bogenschießen (s. Ausschnitt oben), sie zielen auf eine Zielscheibe am Ende des langen Korridors. Weitere Samurai sind mit dem Kartenspiel bzw. dem Würfelspiel Sugoroku beschäftigt, während andere Sake trinken und einer eine Pfeife raucht. Vor der Veranda läuft ein Samurai mit einem europäischen Hund einem Knaben mit einem Singvogel entgegen. Im Hausinnern spielt ein Samurai das Saiteninstrument Shamisen. Weiter links beobachtet ein alter Samurai Knaben beim Fußballspiel Kemari, während in der Szene darüber ein Samurai die Wölbbrettzither Koto spielt. Die Übrigen lauschen der Musik; einer sitzt auf der Veranda und studiert einen Brief.
Bei den dargestellten Personen handelt es sich abgesehen von drei Dienerinnen um junge Männer und Knaben. Dagegen hebt sich der an die Balustrade der Veranda gelehnte alte Samurai, der auf einem roten Teppich sitzt, deutlich ab. Sein Gesicht trägt porträthafte Züge. Offenbar ist er der Auftraggeber des Stellschirms, der seine Erinnerungen an vergangene homoerotische Abenteuer in dem Werk festhalten ließ. Diesen Schluss legen zumindest einige der Frisuren und Gewandmuster wie auch die Tabaksgarnitur nahe, die dem ersten Viertel des 17. Jahrhunderts zugeordnet werden können und stilistisch nicht der Entstehungszeit des Stellschirms um 1660 entsprechen.
Der Stellschirm war ursprünglich Teil eines Paars und stellt neben verschiedenen eleganten Mußebeschäftigungen die Künste des Friedens (bun) und die kriegerischen Künste (bu) dar. In der durch Wohlstand und Frieden gekennzeichneten Edo-Periode nahm die Ausübung der Kriegskünste allerdings zunehmend den Charakter eines geselligen „Fitnesstrainings“ an, was die sitzenden Bogenschützen eindrucksvoll belegen. Weiterhin sind drei der insgesamt vier konfuzianischen zivilen Künste (bun) dargestellt, nämlich Musik, Schach (hier sugoroku) und Literatur oder Schreibkunst (hier symbolisiert durch den Brief). Auf dem anderen Teil des Schirmpaars war vermutlich die Malerei als vierte Kunst neben Jagdszenen und anderen im 17. Jahrhundert populären Mußebeschäftigungen dargestellt. Das Werk ist unsigniert und stammt von einem städtischen Maleratelier in Kyôto; eine Zuweisung an einen bestimmten Künstler ist daher nicht möglich.
Der überaus seltene und kostbare Stellschirm gelangte im Frühjahr 2002 als Dauerleihgabe aus Privatbesitz in die Sammlung des Museums für Ostasiatische Kunst. Der Besitzer, der dem Museum nach der Tôdaiji-Ausstellung 1999 u.a. schon eine sensationelle Gigaku-Maske des 8. Jhs als Dauerleihgabe zur Verfügung stellte, ließ den Schirm zuvor in einer der besten Restaurierungswerkstätten Japans, nämlich dem im Kyôto Nationalmuseum angesiedelten Atelier Usami für 35.000 Euro restaurieren und neu montieren.
A. Schlombs
Der Stellschirm „Mußebeschäftigungen in einer Villa“ wird im Zusammenhang mit der Wechselausstellung „Asobi – Die Kunst des Spiels in Japan“ erstmalig der Öffentlichkeit präsentiert und stellt eines der zentralen Exponate dieser Themenausstellung dar. „Asobi – Die Kunst des Spiels in Japan“ läuft noch bis zum 6. Oktober 2002.
Index
Kalender: 2002
Institut: Museum für Ostasiatische Kunst
Künstler: Japan
Gattung: Malerei
Motivik: Asien
Epoche: 17. Jh.
Autor: A. Schlombs
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