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Bild der 9. Woche - 3. bis 9. März 2008

Mumien-Selbstporträt 

Paula Modersohn-Becker. Selbstbildnis vor blaugrauem Hintergrund, Öl auf Malpappe, 45,7 x 29,7 cm Köln, Museum Ludwig, ML 76/2730

Das Selbstbildnis vor blauem Hintergrund von 1906 zeigt die Künstlerin Paula Modersohn-Becker als Brustbild im Dreiviertelprofil. Das braune, lange Haar ist sorgsam gescheitelt und zu einem Knoten hochgesteckt. Um den Hals trägt sie eine schlichte Kette mit bernsteinfarbenen Kugeln. Die Schultern werden von einem rot-gepunkteten Kleid umfasst. Der ruhige und ernste Blick, der aus den Augenwinkeln auf den Betrachter gerichtet ist und gleichzeitig durch ihn hindurch zu schauen scheint, steht im Gegensatz zum bewegten und lebendigen Farbauftrag im Bild. Vor dem lebhaften blauen Hintergrund verwandelt sich die zarte Rosafärbung des Gesichtes zur Maske, die ebenfalls die innere Unbewegtheit der Figur betont. Die Strenge der Komposition, die Einfachheit der Formen und die Zurückgenommenheit der Farben verleihen dem Bildnis eine große Würde.

Kurz vor ihrem Tod entdeckte Paula Modersohn-Becker bei ihren Frankreichbesuchen 1903-1905 im Louvre antike Mumienbildnisse. Fasziniert von der einfachen und zeitlosen Darstellung, von der Präsenz und Ruhe, die diese Bildnisse ausstrahlen, malte sie eine Reihe von Porträts und Selbstbildnissen, die eine Verschmelzung dieser antiken Tradition mit modernen Porträtvorstellungen darstellen. In ihrem Atelier brachte sie sogar einen Fries mit Reproduktionen dieser antiken Mumienbildnisse an und ließ sich von deren Ambivalenz zwischen realistischem Porträt und maskenhaftem Erinnerungsbild inspirieren. Die Frontalität der Darstellung, die großen, mandelförmigen Augen, die Modellierung der Gesichter durch Lichtreflexe und eine reiche Ausstattung mit Gold- und Perlenschmuck kennzeichnen die antiken Bildnisse. Als Abbilder vergangener Leben lassen die Mumienporträts ein Spannungsfeld zwischen unmittelbarer Präsenz und distanzierter Abwesenheit entstehen. Der herausfordernde, aber dennoch ruhige Blick sowie der freie, dynamische Pinselstrich brechen jedoch bei diesem Selbstporträt Modersohn-Beckers die Starre des Erinnerungsbildes auf.

Paula Modersohn-Becker (1876–1907) gilt heute als eine der bedeutendsten Vertreterinnen des frühen Expressionismus. 1897 besuchte sie erstmals die Künstlerkolonie Worpswede, wo ihr späterer Mann Otto Modersohn als Künstler lebte und arbeitete. Seit 1898 lebte sie selbst bis zu ihrem frühen Tod 1907 in dem kleinen Ort bei Bremen, um dort als freie Künstlerin zu arbeiten.

Modersohn-Beckers Malerei ist geprägt von der Suche nach der eigenen Identität und der Erforschung des Selbst. Auch in diesem Bild stellte sich Paula Modersohn-Becker nicht in ihrer Rolle als Künstlerin dar, denn weder Pinsel noch Staffelei, die klassischen Attribute einer Malerin finden sich auf diesem Gemälde, sondern konzentriert sich auf das innere Seelenleben.

P. Malavassi / S. Maupeu

Zum ersten Mal werden ab dem 15. März 2008 im Museum Ludwig Paula Modersohn-Beckers späte Porträts den ägyptischen Mumienporträts in einer Ausstellung gegenüberstehen. Kostbare Leihgaben aus dem Louvre, dem British Museum und dem Ägyptischen Museum in Berlin werden die viel gerühmten Porträts und Selbstporträts der Modersohn-Becker in einem ganz neuen Licht erscheinen lassen.

Index

Kalender: 2008

Institut: Museum Ludwig

Künstler: Paula Modersohn-Becker

Gattung: Malerei

Motivik: Porträt / Selbstporträt

Epoche: 20. Jh.

Autor: P. Malavassi

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