Harun Farocki, Immersion, 2009, Videoinstallation, 2-Kanal, Farbe, 43 min, Courtesy Galerie Barbara Weiss, Berlin, © Harun Farocki
Mit der Überblicksausstellung zu Harun Farocki (geb. 1944) setzt das Museum die Reihe bedeutender Filmemacher fort, deren Werke zwischen Ausstellungsraum und Kino angesiedelt sind. Ausgewählte Videoinstallationen sowie eine Werkschau im Kino des Museum Ludwig geben einen Einblick in das Schaffen des Filmemachers und Künstlers. Seine filmischen Untersuchungen gesellschaftspolitischer Symptome sind gepaart mit der Frage nach den Produktions- und Rezeptionsbedingungen des Filmbildes.
Harun Farocki
Ausstellung und Filmprogramm
31.10.2009 bis 07.03.2010
Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag:
10 – 18 Uhr
jeden ersten Donnerstag im Monat: 10 – 22 Uhr
Seit 1995 stellt Farocki auch Arbeiten für Kunsträume her. Vergleichbar seiner besonderen Verwendung der Montage im Film arbeitet Farocki im Ausstellungsraum mit Mehrfachprojektionen, die die Betrachter durch ihre eigene Leistung der Kombination und Imagination aktivieren und in eine reflektorische Distanz bringen. Teil der Ausstellung wird neben der großen für die documenta XII entwickelten Arbeit Deep Play auch seine jüngste Arbeit Immersion sein. Hatte bereits Farockis Trilogie Auge/Maschine, die zwischen 2001 und 2003 entstanden ist, die Frage nach dem Einfluss militärischer Bildtechnologie auf das Realitätsverständnis verfolgt, so wird in dem jüngsten Projekt das Augenmerk auf die Verschränkung der Computerspielästhetik mit dem neuen Computerprogramm „Virtual Iraq" gelenkt, das das US Department of Defense zur Ausbildung und zur posttraumatischen Behandlung von Soldaten finanziert hat.
Freitag, 6. November 2009, 19.00 Uhr
ARBEITER VERLASSEN DIE FABRIK
Deutschland 1995, 36 Min, Digibeta, OF
Buch & Regie: Harun Farocki
Der erste Film der Gebrüder Lumière, der Arbeiter beim Verlassen einer Fabrik zeigt, und das hundertjährige Bestehen des Mediums waren Anlass für diese Zusammenstellung des Motivs quer durch die Filmgeschichte. Die Ausschnitte aus Spielfilmen, Dokumentationen, Industrie- und Propagandafilmen zeigen die unterschiedlichen Ausdeutungen der „rhetorischen Figur" (Farocki), die sich in das Bildgedächtnis eingeschrieben haben. Im Kino wird eine kommentierte Kompilation gezeigt, in der Ausstellung eine Installation auf 12 Monitoren; ein Vergleich der beiden Verfahren bietet sich an.
ZUM VERGLEICH
Deutschland/ Österreich 2009, 62 Min, 16mm, OF
Buch: Harun Farocki und Matthias Rajmann
Regie: Harun Farocki
Nicht die Repräsentation des Arbeiters, sondern die Dokumentation der verschiedenen, internationalen Arbeitsbedingungen nimmt dieser Film zum Ausgangspunkt. Zum Vergleich stehen die unterschiedlichen Produktionsverfahren von Ziegelsteinen in Afrika, Indien und Europa. „Der Titel des Films teilt etwas Entscheidendes mit: Farocki bietet lediglich Material an, der Akt des Vergleichens zwischen traditioneller, früh- und hochindustrieller Gesellschaft liegt beim Zuschauer. Die kleinste Einheit, auf die sich der Film ausschließlich konzentriert, ist der Ziegelstein." (Stefanie Schulte Strathaus)
Freitag, 13. November 2009, 19.00 Uhr
NICHT LÖSCHBARES FEUER
Deutschland 1968, 25 Min, 16mm, OF
Buch & Regie: Harun Farocki
Der Film eröffnet mit dem Autor, der zunächst die Zeugenaussage eines Vietnamesen zur Wirkung von Napalm vorträgt, um dann an den Zuschauer gewandt, die Vorstellbarkeit des Ereignisses eines solchen Gewaltaktes zu bezweifeln und zum Vergleich sich selbst eine Zigarette auf dem Arm auszudrücken. Gegenüber dieser Betonung der Referenzebene des Films wird im weiteren Verlauf die diskursive Ebene stark gemacht: In Brechtscher Manier rückt Farocki die Entwicklung und Produktion des nicht löschbaren Feuers Napalm als Voraussetzung für die US-amerikanische Kriegsführung in Vietnam in den Mittelpunkt.
BILDER DER WELT UND INSCHRIFT DES KRIEGES
Deutschland 1988, 75 Min, 16mm, OF
Buch & Regie: Harun Farocki
Wie werden Bilder hergestellt, wie sind die Technologien mit dem Krieg verwoben? Was können Bilder zeigen, wie ist der Betrachter in der Lage, sie zu deuten? In seinem Filmessay spannt Farocki den Bogen von der Zentralperspektive der Renaissance bis zur Computersimulation und macht deutlich, dass alles Bildmaterial nie bloße Abbildung ist, sondern gelesen werden muss.
Freitag, 4. Dezember 2009, 19.00 Uhr
DER AUFTRITT
Deutschland 1996, 40 Min, Digibeta, OF
Buch & Regie: Harun Farocki
AUFTRITT stellt eine Werbeagentur vor, die sich um den Auftrag eines neuen Optikkonzerns bemüht und ihre Werbekampagne vorstellt: „In der Werbebranche wird ein sprachlicher Ausdruck ausführlicher erörtert als in einem poetologischen Seminar und ein Bildmotiv tiefer ausgelegt als in einer ikonographischen Studie. Bei der Inszenierung der Präsentation werden nicht nur die Mittel erörtert, sondern auch die Mittel zu Darstellung der Werbemittel. Ruft die gläubige Konzentration auf das Allerkleinste schon einen metaphysischen Schwindel hervor, so wird hier der doppelte Boden schwankend." (Harun Farocki)
WIE MAN SIEHT
Deutschland 1986, 72 Min, 16mm, OF
Buch & Regie: Harun Farocki
Der Filmessay umkreist mit einer assoziativen Montage von Betrachtungen zu Kriegsmitteln und Arbeitsmitteln „ein imaginäres Zentrum, das Klaus Kreimeier ‚Stabilität des Kapitalismus' genannt hat. [...] WIE MAN SIEHT ist nicht thematisch eingefasst und geschlossen, der Film wirkt vielmehr thesenhaft, aggressiv, seine Argumentation ist springend, schlägt große Bögen. Eine ausgeprägte Rhythmik hat ihn weitergetrieben, als habe sich hier eine musikalische Technik, die der sich entwickelnden Variation, auf die filmische / literarische übertragen." (Jörg Becker)
Freitag, 11. Dezember 2009, 19.00 Uhr
EIN BILD
Deutschland 1983, 25 Min, 16mm, OF m. engl. UT
Buch & Regie: Harun Farocki
Ausgangspunkt des Films sind Aufnahmen in einem Studio, wo die Mittelseite der Zeitschrift Playboy über vier Tage hinweg produziert wird. Das Aktfoto ist Anlass, über die vielseitigen Verflechtungen von „Druck- und Verlagsgebäude, Anzeigengeschäfte, Hotels und Clubs, Milchstraßen aus Dollarmillionen, ein kommerzieller Kosmos" (Harun Farocki) zu reflektieren.
LEBEN - BRD
Deutschland 1990, 83 Min, 16mm, OF
Buch & Regie: Harun Farocki
„Der Autor montiert ein Sittenbild der BRD mit Aufnahmen aus Szenen, in denen Leben geübt, Verhalten / Haltbarkeit getestet wird. Wohin man sieht, treten Menschen als Schauspieler ihrer selbst auf, nehmen Rollen ein. Ein Spiel im Lebenstheater aus Schulungskursen, Tauglichkeitstests von Dingen und Menschen. Sei es im geburtsvorbereitenden Kursus für künftige Eltern oder beim Proben von Verkaufsgesprächen, auf dem militärischen Übungsplatz oder beim Rollenspielen zu Lehrzwecken: überall ist das unentwegte Bemühen zu verspüren, auf den Ernstfall ‚Wirklichkeit' vorbereitet zu sein." (ZeughausKino, Berlin)
Freitag, 18. Dezember 2009, 19.00 Uhr
VIDEOGRAMME EINER REVOLUTION
Deutschland 1991, 107 Min, 16mm, OF
Buch & Regie: Harun Farocki und Andrei Ujica
Die Revolution in Rumänien von der letzten Rede Ceauçescus am 21.12.1989 bis zur ersten Fernsehzusammenfassung seines Prozesses am 26.12.1989 wurde umfassend vom rumänischen Fernsehsender dokumentiert, aber auch von Privatleuten und Studenten mit Videokameras aufgenommen. Gemeinsam mit Andrei Ujica sichtete Farocki 1991 das ganze Material und stellten ein detailliertes, chronologisches Videogramm her. „Wir wissen es, das 20. Jahrhundert ist filmisch. Aber erst die Videokamera und ihre erhöhten Möglichkeiten in Aufzeichnungsdauer und Mobilität kann den Prozess der Filmisierung von Geschichte vollenden." (Andrei Ujica)
Freitag, 15. Januar 2010, 19.00 Uhr
DIE SCHÖPFER DER EINKAUFSWELTEN
Deutschland 2001, 75 Min, Digibeta, OF
Buch & Regie: Harun Farocki
Aus den Perspektiven verschiedener Experten - wie dem Architekten, Kaufhausbetreiber, Zwischenhändler und Verkäufer - untersucht Farocki das Thema von Einkaufszentren, die die Erforschung des Konsumentenverhaltens auf allen Ebenen und in allen Details zur Grundlage ihrer Planungen nehmen. Der Film kommt ohne Kommentar aus, allein die Beobachtung von Schulungen, Verhandlungen oder Jurydiskussionen bei Architektenwettbewerben machen den absurden Widerspruch zwischen umfassender Kontrolle der Konsumenten und Spekulation über ihr Verhalten deutlich.
NICHT OHNE RISIKO
Deutschland 2005, 52 Min, Digibeta, OF
Buch & Regie: Harun Farocki
Der Autor hatte Gelegenheit, die zweitägige Verhandlung über Venture Capital, d.h. Risikokapital für
eine Maschinenbaufirma zu verfolgen. Im Kreis von nur sechs Personen werden wie in einer Pokerrunde die Positionen abgesteckt und über die möglichen Joker des Gegenübers spekuliert. Allein über die Beobachtung der Protagonisten wird herausgearbeitet, dass Venture Capital eine nicht gedeckte Wette auf eine ungesicherte Zukunft bedeutet. „Als ich den Anwalt der Kapital suchenden NCTE sagen hörte: „Wir sind ein bisschen enttäuscht über das Angebot", fühlte ich mich in einen Coen-Brothers-Film versetzt. Die Akteure in unserem Storyfilm sind geistesgegenwärtig und voller Darstellungslust." (Harun Farocki)
Freitag, 29. Januar 2010, 19.00 Uhr
DIE SCHULUNG
Deutschland 1987, 44 Min, Digibeta, OF
Buch & Regie: Harun Farocki
Der Film zeigt, wie in einem Managerseminar mit Rollenspielen der Umgang mit betrieblichen Konflikten geübt wird: „[...] die Manager, die Manager spielten, machten das sehr gut [...]. Zugleich machten sie jede vorstellbare Firma zu einer Scheinfirma, das vorgestellte wirkliche Geld zu Spielgeld. Das Spiel der Manager stellte ihre Arbeit dar und erwies, dass die Managerarbeit Darstellung und Spiel ist. Zu sehen waren Manager, die eine Technik übten, und zu sehen war das eine im anderen." (Harun Farocki)
DIE BEWERBUNG
Deutschland 1996, 59 Min, Digibeta, OF
Buch & Regie: Harun Farocki
Wie DIE SCHULUNG zeigt auch DIE BEWERBUNG Menschen, die Arbeitssituationen simulieren. Schulabgänger, Studierte, Umgeschulte, Langzeitarbeitslose, ehemalige Drogenabhängige und Manager sind in verschiedensten Kursen zu sehen, die der Einübung der besten Selbstdarstellung dienen sollen. In der stetigen Wiederholung der immergleichen Grundsituation des Bewerbungsgespräches werden die Stereotypen, aber auch die individuellen Unterschiede deutlich.
Freitag, 05. Februar 2010, 19.00 Uhr
ERKENNEN UND VERFOLGEN
Deutschland 2003, 58 Min, Digibeta, OF
Buch & Regie: Harun Farocki
„Schon im Deutschland von 1942 gelang es, einer Fernlenkwaffe eine Fernsehkamera einzubauen. Diese Fernsehbombe kam nicht mehr zum Einsatz. Erst 1991, aus dem Krieg der Alliierten gegen den Irak, gab es öffentlich Bilder zu sehen, die von Kameras in der Spitze des Projektils aufgenommen waren. Von filmenden Bomben, von Selbstmord-Kameras, die sich ins Ziel stürzten. [...] Kriegsführung und Kriegsberichterstattung fielen zusammen." (Harun Farocki)
AUFSCHUB
Deutschland 2007, 40 Min, Digibeta, OF
Buch & Regie: Harun Farocki
Als die Deutschen 1940 Holland überfielen, funktionierten sie das jüdische Flüchtlingslager Westerbork zu einem „Judendurchgangslager" um. Jüdische Insassen verwalteten das Lager, es gab Zeitungen, Schule und Krankenhaus. Wöchentlich fuhren Züge nach Bergen- Belsen, Theresienstadt, Auschwitz und zeitweilig Sobibor. 100.000 Menschen wurden aus Westerbork deportiert und ermordet. Der Lagerleiter wollte einen Film über das Leben im Lager machen lassen, 90 Minuten Rohmaterial sind erhalten, aus dem Farocki AUFSCHUB zusammenstellte.
Das Filmprogramm findet statt im:
Filmforum im Museum Ludwig
Eingang: Bischofsgartenstraße 1, 50667 Köln
Eintritt Filmprogramm: 5 Euro, ab 130 Min 6,50 Euro
Kuratorin: Barbara Engelbach
Es erscheint eine Publikation bei StrzeleckiBooks. Bestellen