Pablo Picasso, Nu couché à l’oiseau, 1968, Öl auf Leinwand, 130 x 195 cm, Schenkung Ludwig 2001 Bildbeschreibung
Aufgrund der Aufbauarbeiten für die große Ausstellung von Jo Baer sind einige Räume der ständigen Sammlung im Museum Ludwig momentan nur eingeschränkt zu sehen.
Die Picasso-Sammlung und die Surrealisten-Räume sind ab dem 22.4. für eine Woche geschlossen.
Anschließend sind die Sammlungen wieder eingeschränkt zu sehen. Wir bitten um Ihr Verständnis.
Der Spanier Pablo Picasso hat wie kein anderer die Kunst des 20. Jahrhunderts geprägt. Sein Name wurde zum Synonym für Innovation und Freiheit der Moderne und sein faszinierendes, sich über sieben Jahrzehnte erstreckendes Lebenswerk zeichnet sich durch unvergleichliche Vielseitigkeit aus. Anfangs hatte sich der Hochbegabte zunächst an der Malerei der alten spanischen Meister orientiert. Kurz vor der Jahrhundertwende fand er dann aber in Barcelona den Zugang zur avantgardistischen Künstlerszene, deren offenes inspirierendes Klima seinem progressiven Impuls mehr entsprach. 1900 besuchte er erstmals Paris, wodurch sich in seinen Arbeiten vorübergehend der stilistische Einfluss der damals tonangebenden Kunst des Impressionismus bemerkbar machte. Bis 1904 reiste Picasso noch mehrmals nach Paris, wo er sich dann endgültig niederließ. Mit den Werken der Blauen Periode, die ab 1901 in Barcelona entstanden waren, hatte er über die Auseinandersetzung mit El Greco und dem Manierismus des 16. Jahrhunderts zu seiner ersten eigenständigen Ausdrucksform gefunden. Die psychisch oder physisch bedingte Deformation der stilisierten, oft überlängt wiedergegebenen menschlichen Figur war ihm wichtig, um mit der Harmonie der Darstellung zu brechen. Auch in der nachfolgenden Rosa Periode ab 1905 galt Picassos Interesse noch ganz der psychologischen Durchdringung seiner Figuren.
Georges Braque, Verre, violon et papier à musique, 1912, Öl und Kohle auf Leinwand, 64,5 x 91,5 cm, erworben mit Unterstützung des Kuratoriums WRM/ML und des Landes NRW Bildbeschreibung
1906 brach Picasso mit der am Realismus orientierten Malerei zugunsten formaler Fragestellungen, die sich in einer vereinfachenden schematisierenden Darstellungsweise äußerten. Seine Beschäftigung mit vorgeschichtlichen iberischen (spanisch-vorrömischen) Skulpturen wird spürbar, deren expressive Ursprünglichkeit ihm für seine weitere Entwicklung wesentliche Impulse gab. 1907 entstand Picassos epochales Meisterwerk Les Demoiselles d’Avignon, mit dem er den Kubismus einleitete. Zahlreiche Studien verdeutlichen die Absicht des Künstlers, zu neuen Lösungen für die Darstellung der Figur und ihrer Einbindung in den sie umgebenden Raum zu gelangen. Sie offenbaren eine Nähe zu afrikanischen Masken und Skulpturen, wie sie in dieser Zeit von vielen Künstlern gerade entdeckt wurden. Picasso verzichtete auf die Wiedergabe von runder natürlicher Körperlichkeit zugunsten einer sperrigen disproportionierten Anatomie. In enger Zusammenarbeit mit Georges Braque entwickelte Picasso zwischen 1908 und 1914 seine die akademische Tradition radikal revolutionierende Formensprache weiter: In der ersten, der sog. analytischen Phase des Kubismus, löste er den Umriss auf und zersplitterte die Figur in ein Gefüge bruchstückhafter Zeichen und Formen. Die Figur auf der Leinwand folgt allein den Gesetzen der Malerei und wird gegenüber der Wirklichkeit zu einem autonomen Gegenstand.
Fernand Léger, Le remorqueur rose, 1918, Öl auf Leinwand, 65,5 x 92 cm, Museum Ludwig 1976 Bildbeschreibung
1912 veränderte sich die kubistische Sprache durch die Methode der Collage und der „papiers collés“. Der Kubismus trat in seine synthetische Phase ein. Am Anfang dieser Entwicklung stand auch das ‚Eindrucken‘ von Wortfragmenten oder Namen in die gemalte Komposition. Auf diese Weise gelang es Braque und Picasso, die Flächigkeit der Bildebene gegenüber dem Reliefcharakter der gemalten Gegenstände zu betonen. Zahlreiche Künstler, wie z. B. Juan Gris, Henri Laurens oder Fernand Léger nahmen die Neuerungen des Kubismus auf und modifizierten ihn zu eigenständigen Ausdrucksformen. Das Jahr 1917 leitete Picassos klassizistische Periode ein. Hintergrund war seine Reise nach Rom, um dort mit Léonide Massine die Bühnenausstattung für dessen Ballett Parade zu planen. Inspiriert von den antiken Stätten in Italien führte er nun wieder naturalistisch gemalte und gezeichnete Figurenkompositionen ein, mit teilweise durch Licht und Schattenkontraste volumenreich gestalteten monumentalen Körpern. Ein charakteristisches Element innerhalb Picassos so genannter surrealistischen Phase in den frühen 1930er Jahren ist die extreme Verzerrung der weiblichen Anatomie. So verwandeln sich die weiblichen Körper immer mehr in knochenlose Gebilde mit pflanzenartigen Gliedern.
Der Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs 1936 und die Bombardierung der baskischen Stadt Guernica durch die deutsche Legion Condor im darauf folgenden Jahr brachten einen expressiven und aggressiven Ton in Picassos Werk. Das Wandgemälde Guernica für den spanischen Pavillon der Pariser Weltausstellung 1937 wurde zum Höhepunkt seines politischen Engagements gegen die Barbarei des Krieges. In der surrealistischen Fotografin Dora Maar fand er sein Modell für die deformierten Gestalten der Kriegsjahre. Während dieser Zeit schuf Picasso in Paris mit dem Motiv der Frau im Sessel eine Bildreihe mit anonymen Frauenbildern, die sich intensiv mit den Seelenzuständen der Menschen in schwerer Zeit beschäftigt.
Pablo Picasso, Femme à la poussette, 1950, Gips, gebrannter Ton, Metall, Kuchenformen, Kinderwagen, 203 x 145 x 61 cm, Schenkung Ludwig 1994
Nicht nur als Maler und Zeichner hat Picasso die Kunst des 20. Jahrhunderts revolutioniert, auch als Bildhauer leistete er von Beginn an entscheidende Beiträge zur Erweiterung des traditionellen Begriffs von Skulptur. Hier zeigt sich, wie Picasso in völliger Freiheit die Grenzen zwischen den traditionellen Gattungen und der eigenen Findung aufhob. Die klassische Bronzefigur forderte ihn ebenso heraus wie Konstruktionen aus Papier, Pappe oder aus geschnittenem Blech. Die Objektkunst, die Assemblage und das Environment, Kunstformen, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Kunst bestimmten, verdanken ihm entscheidende innovative Impulse.
Über Jahre hinweg arbeitete Picasso auch als Keramiker. In ihrer überraschenden Vielfalt wurde seine im Jahr 1947 im südfranzösischen Vallauris aufgenommene Keramikproduktion stets als integraler Bestandteil seines plastischen Werkes betrachtet.
Pablo Picasso, Bourrache avec un visage posé sur les mains, 1952, Fayence, gedreht und glasiert, 75 x 28 x 28 cm, Schenkung Ludwig 2001
Nachdem sich Picasso seit den 1930er Jahren wiederholt dem Motiv „Maler und Modell“ gewidmet hat, wird dieses ab 1953 zu einem seiner zentralen Altersthemen. Der Mann und Künstler, selbst unaufhörlich alternd und vergänglich, steht dem ewig jungen Modell, Inbegriff von Jugend, Erotik und Lebensfreude gegenüber. Picassos monumentale Figurenbilder der letzten Lebensjahre sind Malerei schlechthin. In völliger Freiheit gegenüber jeglichem Zwang, lebte er in einer überbordenden expressiven Malweise die Summe der Erfahrungen seines langen Malerdaseins aus. In Picassos letzten Lebensjahren beherrschte ihn das Thema des weiblichen Aktes auf obsessive Weise. In einem unaufhörlichen Schaffensdrang umkreiste der 90jährige malend und vor allem zeichnend das Thema der Sexualität, als wolle er dadurch die Unvermeidbarkeit des nahen Todes ignorieren.