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Sammlung: Dada und Surrealismus

Max Ernst, Dada und der Surrealismus

Max Ernst, Au rendez-vous des amis, 1922, Öl auf Leinwand, 130 x 195 cm, Museum Ludwig 1976

Max Ernst, Au rendez-vous des amis, 1922, Öl auf Leinwand, 130 x 195 cm, Museum Ludwig 1976  Bildbeschreibung

Im Jahre 1915, an den Fronten tobt der erste Weltkrieg, riefen in Zürich die Kriegsflüchtlinge Hans Arp, Hugo Ball, Richard Hülsenbeck, Marcel Janko und Tristan Tzara die Künstlergemeinschaft „Dada” ins Leben. In ihrem „Cabaret Voltaire“ verspotteten die jungen Künstler und Schriftsteller in den Kriegsjahren und danach mit Nonsens und Ironie das hohle Pathos der alten politischen Klasse und machten insbesondere ihre tragenden Säulen Monarchie und Kirche für die Millionen Toten verantwortlich. Hülsenbeck proklamierte sogar, die (akademische) Kunst sei tot, und Marcel Duchamp entweihte eine Reproduktion der Mona Lisa mit einem aufgemalten Schnurrbart. Dada fand gleichzeitig auch in New York um Francis Picabia, Man Ray und Duchamp statt, wo der französische Künstler bereits um 1914 mit seinen Ready-mades einen provokanten Anti-Kunst-Protest eingeleitet hatte; aber auch in Hannover, wo Kurt Schwitters seine Merz-Kunst baute, collagierte und erdichtete. Als Tristan Tzara 1919 nach Paris übersiedelte, versammelten sich um die gerade gegründete dadaistische Zeitschrift Littérature weitere junge Dichter wie Louis Aragon, André Breton und Paul Éluard, die mit ihrer neu erfundenen Écriture automatique, einem spontanen automatischen Schreiben, das Bewußte ausschalten und zu den kreativen Potentialen des Unbewußten vordringen wollten.

Max Ernst, La vierge corrigeant l’enfant Jésus devant trois témoins: André Breton, Paul Eluard et le peintre, 1926, Öl auf Leinwand, 196 x 130 cm, Museum Ludwig 1984

Max Ernst, La vierge corrigeant l’enfant Jésus devant trois témoins: André Breton, Paul Eluard et le peintre, 1926, Öl auf Leinwand, 196 x 130 cm, Museum Ludwig 1984  Bildbeschreibung

1921 veröffentlichten Breton und Philippe Soupault den ersten automatischen Text „Les Champs magnétiques“ (Die magnetischen Felder). Die dadaistische und spätere surrealistische Bewegung war, insbesondere zu ihren Anfängen, eine vorwiegend literarische gewesen und bot in weiteren surrealistischen Zeitschriften, wie dem reich bebilderten Minotaure, auch den bildenden Künstlern und Gastautoren ein breites Forum. Es ist Guillaume Apollinaires Theaterstück von 1917, „Die Brüste des Teresias“, dem die erste poetisch-gestalterische Verwendung des Wortes „surreal“ zugeschrieben wird. 1919 gründete Max Ernst in Köln, gemeinsam mit Alfred Gruenwald, genannt Johannes Theodor Baargeld, und inspiriert von der Pittura metafisica Giorgio de Chiricos, die Dada-Gruppe „Zentrale W/3“. Nur einmal erschien die von Baargeld herausgegebene Zeitschrift „Der Ventilator“. 1920 veröffentlichen Max Ernst, Hans Arp und Baargeld die Collagenserie Fatagaga (Fabrication de Tableaux Garantis Gasométriques). Nach Sommeraufenthalten mit Arp und Tzara in Tirol und einem Besuch von Paul Éluard und dessen Frau Gala in Köln, übersiedelte Max Ernst im Herbst 1922 zu den Éluards nach Paris, wo er sein berühmtes Bild Au rendez-vous des amis (Rendezvous der Freunde) malte. Es zeigt fast vollständig alle zukünftigen Surrealisten in olympischen Gletscherhöhen versammelt. Auch Gala, als einzige Frau der Gruppe, ist abgebildet. Mit ihr verband Ernst, von Éluard anfangs geduldet, bald eine Liebesaffäre. Ab 1929 war sie Dalís Muse. In dieser antibürgerlich orientierten Künstlerschaft, die neue Gestaltungstechniken und Bewusstseinsdimensionen erproben und erobern wollte, waren erotische und psychologische Auslotungen keine Seltenheit. Dada-Max, der bereits in seinen Kölner Tagen Bahnbrechendes auf dem Gebiete der Collage leistete und in ihnen motivisch scheinbar Unvereinbares zusammentreffen ließ, erfand um 1925 auf der Basis der Assoziation die Technik der Frottage, indem er zum Beispiel für seine Mappe Histoire naturelle Holzmaserungen auf ein darüber gelegtes Stück Papier durchrieb und deren charakteristische Strukturen assoziativ zeichnerisch ergänzte. Später fügte Ernst dieser Technik noch die Décalcomanie hinzu, die durch Aufpressen diverser Objekte auf feuchter Farbe halluzinogene Strukturen entstehen läßt. Diese verdanken sich erheblich dem gelenkten Zufall. Der Zufall als ein dem Automatismus immanentes gestalterisches Phänomen wurde ebenso phantastisch wirksam in jenem Cadavre exquis genannten Kinderspiel, das jedem Teilnehmer den Teilabschnitt eines Blatt Papiers zu bemalen erlaubte – ohne Kenntnisnahme der verdeckten Notizen seines Vorgängers. Öffnete man am Ende das vielfach gefaltete Papier, dann „schenkten wir uns die Freude, über jeden Verdacht erhabene Kreaturen erscheinen zu sehen, die doch von uns erschaffen worden waren“, erinnerte sich Simone Breton-Collinet.

Eine weitere Möglichkeit, in das Unbewusste der menschlichen Psyche einzutauchen, entdeckten die Surrealisten im Traum, im Nachtwandlerischen und im Wachtraum. Besonders die Dichter René Crevel und Robert Desnos galten als talentierte Medien und gaben, in Schlafzustände versetzt, verblüffende Antworten aus den Tiefen ihrer Psyche zu Protokoll. „Der Geist, der in den Surrealismus eintaucht, erlebt mit höchster Begeisterung den besten Teil seiner Kindheit wieder“, erkannte André Breton 1924 in seinem „Ersten Surrealistischen Manifest“ und bezog sich dabei auch auf die Schriften des Wiener Psychoanalytikers Sigmund Freud. Doch ist „der Traum (…) eine wahrsprechende Lüge, die Malerei auch“, warnt uns René Passeron und unterscheidet bezüglich der psychoanalytischen Traummalerei zwischen den „klaren“ Bildern des Belgiers René Magritte und den „chaotischen“ des Spaniers Salvador Dalí. Für Magritte, der nur kurz, von 1927 bis 1930, unter den Pariser Surrealisten lebte, war „der Traum weniger Quelle der Poesie, als vielmehr dazu geschaffen, das Geheimnis des Sichtbaren zu erfassen“ (Passeron). Dalí hingegen baute mit seiner paranoisch-kritischen Gestaltungsmethode erheblich auf seinen Zwangsvorstellungen sowie auf der Freudschen Psychoanalyse und der medizinischen Dissertation von Jacques Lacan „Über das Verhältnis der Paranoia zur Gesamtpersönlichkeit“ von 1932 auf. Lacan erkannte in der Paranoia einen andauernden Deutungswahn, bei dem die intellektuellen Fähigkeiten erhalten bleiben. Kurz nach dem Skandalerfolg des surrealistischen Films „Un chien andalou“ (Ein andalusischer Hund), den er zusammen mit Luis Buñuel drehte, und dem ersten Besuch seiner späteren Frau Gala 1929 in Cadaqués, widmete Dalí sich in seinen Werken dem paranoiden Kampf gegen die bedrohliche Vaterfigur des Wilhelm Tell, der Thematisierung seines Oedipus- und Kastrationskomplexes.

1948 von einem langjährigen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten von Amerika ins von Franco regierte Spanien zurückgekehrt, wandelte sich der von spontanen Assoziationen inspirierte paranoisch- kritische Surrealismus Dalís zu einem, vom spanisch-katholischen Mystizismus, konservativen Traditionen und der religiösen Malerei der Renaissance und des Manierismus erleuchteten historisierenden Hyperrealismus. Im Bestreben, eine „dreidimensionale Malerei“ zu schaffen, orientierte er sich seit den 1950er Jahren an der hyperrealistischen Pompier-Malerei des Franzosen Meissonier sowie an der Op Art seiner Zeit und experimentierte mit holographischen und stereoskopischen Effekten.

Salvador Dalí, La gare de Perpignan, 1965, Öl auf Leinwand, 295 x 406 cm, Schenkung Ludwig 1990

Salvador Dalí, La gare de Perpignan, 1965, Öl auf Leinwand, 295 x 406 cm, Schenkung Ludwig 1990  Bildbeschreibung

Um 1930 war die Pariser Surrealistengruppe um ihren Häuptling André Breton, der 1929 das „Zweite Surrealistische Manifest“ veröffentlicht hatte, das unangefochtene internationale Zentrum der Bewegung. Joan Miró war nach Paris gekommen, um die Malerei zu ermorden und hatte 1929 seinen jungen katalanischen Landsmann Dalí in die Gruppe eingeführt. Pablo Picasso stand der Bewegung zeitweise nahe und arbeitete an seiner „surrealistischen Phase“. Neben den bereits erwähnten Künstlern und Dichtern gehörten unter anderem die bildenden Künstler Man Ray, Francis Picabia, Hans Arp, André Masson und Alberto Giacometti sowie die Dichter Louis Aragon, René Crevel, Jacques Prévert und René Char der Pariser Gruppe an. Einige der Mitglieder wurden von den rivalisierenden und teilweise einem idealen Kommunismus anhängenden Mitgliedern aus der Gruppe ausgeschlossen oder verließen diese freiwillig. Die Zahl der Surrealisten, die sich mindestens aus zwei Generationen rekrutiert – selbst Dalí zählte zu den jüngeren – ist bedeutend größer, internationaler und in ihren Stilformen mannigfaltig, von der Abstraktion bis zum Hyperrealismus reichend. Yves Tanguy, der Chilene Roberto Matta, der Belgier Paul Delvaux oder der New Yorker Joseph Cornell sind weitere berühmte Beispiele. Auch der junge deutsche Surrealist Richard Oelze lebte ab 1932, von Max Ernst inspiriert, mehrere Jahre in Paris. Seine Frottagen und Décalcomanien konnten sich aber wegen der herrschenden Nationalsozialisten, die den Surrealismus als „entartete Kunst“ diffamierten und vor dessen militaristischer Aggression und rassistischer Verfolgung viele Künstler nach Amerika emigrierten, erst nach 1945 durchsetzen, als die avantgardistischen Zeiten des Surrealismus bereits vorbei waren. Eine der bahnbrechendsten und bedeutendsten internationalen Surrealistenausstellungen war die 1938 in der Pariser Galerie des Beaux -Arts kuratierte Schau von Breton und Éluard, beraten von Dalí und Ernst. Aufsehen erregten damals Dalís Taxi pluvieux (Regentaxi) mit einer von lebenden Schnecken bekrochenen Schaufensterpuppe im Fond, und Duchamps Straße mit 1200 Kohlesäcken an der Raumdecke und zähem Morast am Boden. Sowohl die dadaistischen und surrealistischen Performances und Installationen als auch die malerischen Aspekte des Surrealismus fanden noch Jahrzehnte später ihre inspirierende Fortsetzung in den Kunstrichtungen des amerikanischen Abstrakten Expressionismus, der Pop Art, des Fluxus und des Nouveau Réalisme.


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