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Sammlung: Abstrakter Expressionismus

Vom Abstrakten Expressionismus
zur Farbfeldmalerei

Barnett Newman, Midnight Blue 1970, Öl, Acryl auf Leinwand, 193 x 239 cm, Museum Ludwig 1978, erworben mit Unterstützung des Kuratoriums WRM/ML und des Landes NRW

Barnett Newman, Midnight Blue 1970, Öl, Acryl auf Leinwand, 193 x 239 cm, Museum Ludwig 1978, erworben mit Unterstützung des Kuratoriums WRM/ML und des Landes NRW  Bildbeschreibung

Wenn einer wissen muss, was Abstrakter Expressionismus ist, dann Clement Greenberg, der geistige Übervater und Mentor dieser Bewegung. In den 40er Jahren hatte Greenberg damit begonnen, amerikanische Bildwerke ganz unterschiedlicher Ausprägung unter dieser Bezeichnung zu versammeln. 1962 formulierte er rückblickend:

„Wenn die Bezeichnung ,Abstrakter Expressionismus’ irgend etwas bedeutet, dann bedeutet sie das Malerische: einen lockeren, raschen Farbauftrag, oder was danach aussieht, verlaufende oder sich vermischende Farbmasse statt distinkt bleibender Formen, große auffällige Rhythmen, gebrochene Farben, ungleichmäßige Dichte oder Sättigung der Farben, sichtbare Pinsel-, Spachtel- oder Fingerspuren – kurz, ein Zusammentreffen von ähnlichen Eigenschaften wie denen, die Wölfflin beschrieb, als er seinen Begriff des ‚Malerischen’ aus der Kunst des Barock ableitete.“

Mark Rothko, Earth and Green, 1955, Öl auf Leinwand, 231,5 x 187 cm, Museum Ludwig 1971, erworben mit Unterstützung des Kuratoriums WRM/ML und des Landes NRW

Mark Rothko, Earth and Green, 1955, Öl auf Leinwand, 231,5 x 187 cm, Museum Ludwig 1971, erworben mit Unterstützung des Kuratoriums WRM/ML und des Landes NRW  Bildbeschreibung

Formale Qualitäten wie „malerisch“ (im Gegensatz zu „linear“) und „abstrakt“ (im Gegensatz zu „figurativ“) sind aus dieser Definition herauszulesen, die Vorherrschaft von Farbe und Rhythmus. Eine Definition, die so vage ist wie die Gruppe der Arbeiten, die sie zu umfassen versucht. Was hat ein Drip Painting von Jackson Pollock mit einem Farbfeld-Bild von Barnett Newman gemein? Was verbindet den wilden Strich eines Willem De Kooning mit den meditativen Flächen eines Mark Rothko? In der Tat der gemeinsame Versuch, die künstlerischen Mittel – also Leinwand und Farbe – selbst zum Ausdruck kommen zu lassen, sie also nicht in den Dienst einer inhaltlichen Aussage zu stellen, die ihnen übergeordnet wäre. Aber sonst: nicht viel.

Und doch gab es ein Bestreben seitens modernistischer Kritiker und Sammler, diese amerikanischen Künstler unter ein Dach zu bringen, sie unter den Begriff des Abstrakten Expressionismus oder gar der New Yorker Schule zu fassen, also ein Markenzeichen zu prägen. Dieses Bestreben war, so Serge Guilbault in seinem 1983 erschienenen Buch „Wie New York die Idee der Modernen Kunst stahl“, auch politisch motiviert. Mittels der abstrakten Kunst gelang es, die Vereinigten Staaten auf kulturellem Gebiet in eine Vorreiterrolle schlüpfen zu lassen und somit Europa, sprich: Paris, den Rang abzulaufen.

Jackson Pollock, Black and White No. 15, 1951, Kunstharzlack auf Leinwand, 142,2 x 167,7 cm, Museum Ludwig 1976, erworben mit Unterstützung des Landes NRW

Jackson Pollock, Black and White No. 15, 1951, Kunstharzlack auf Leinwand, 142,2 x 167,7 cm, Museum Ludwig 1976, erworben mit Unterstützung des Landes NRW  Bildbeschreibung

Dass es gelang, war eine Folge des Zweiten Weltkriegs. Künstler wie Max Ernst, Max Beckmann, Marcel Duchamp oder Hans Hofmann flüchteten vor den Nazis nach Amerika, und im Gepäck führten sie die Ideen und Erfahrungen der europäischen Avantgarde.
Während die europäische Abstraktion der Nachkriegszeit – etwa das Informel in Deutschland und Frankreich – eine bequeme Alternative zur politischen Auseinandersetzung mit dem Vorgefallenen bot, diente der Abstrakte Expressionismus aufgeklärten Amerikanern zur Veranschaulichung ihrer Grundwerte. Der freie abstrakte Strich stand für den freien amerikanischen Menschen, die individuellen Ausprägungen innerhalb der Künstlergruppe für die individuellen Entfaltungsmöglichkeiten, die die amerikanische Gesellschaft ihren Mitgliedern eröffnete. Doch die Geschäftswelt der Rockefellers, Whitneys und Guggenheims sah in dieser Kunst nicht nur den radikalen Gegensatz zum sozialistischen Realismus sowjetischer Prägung, sondern auch eine lohnende Wertanlage. Die mächtigen Kunstmagnaten wünschten sich, so Fred Orton „nach europäischem Vorbild eine amerikanische Kunst auf modernstem Niveau“, und so störten sie sich nur selten an der linksorientierten Gesinnung der von ihnen protegierten Künstler.

Ad Reinhardt, Abstract Painting (A), 1954-59, Öl auf Leinwand, 276 x 102 cm, Museum Ludwig 1978

Ad Reinhardt, Abstract Painting (A), 1954-59, Öl auf Leinwand, 276 x 102 cm, Museum Ludwig 1978

Auch wenn der Abstrakte Expressionismus schwer unter einen Begriff zu bringen ist, soll im Folgenden versucht werden, die am häufigsten mit ihm in Verbindung gebrachten Kategorien und ihre Hauptvertreter vorzustellen.

1952 prägte der amerikanische Kritiker Harold Rosenberg in einem Artikel über Jackson Pollock den Begriff des Action Painting. Damit beschrieb er die Technik des Dripping, mit der Pollock die Farben auf die ausgerollte Leinwand tropfen ließ. Die Leinwand wurde auf dem Boden ausgebreitet, die Farbe ohne direkten Pinselkontakt auf ihr verteilt. Der Künstler bewegte sich mit Pinsel und Farbtopf um die Leinwand herum und ließ die Farbe mit ausladenden Bewegungen ihren Ort finden. Der Akt des Malens, die Bewegung des Künstlers wurde zum wesentlichen Bestandteil des Werkes. Neben Pollock sollten auch Willem De Kooning, Franz Kline und Robert Motherwell in in dieser gestischen Manier zu malen beginnen.

Im Gegensatz zum Action Painting steht die betont ruhige Farbfeldmalerei von Mark Rothko, Barnett Newman, Frank Stella, Ad Reinhardt und Ellsworth Kelly. Mit reinen Farbfeldern trieben diese Künstler die Abstraktion an ihre Grenzen. Allein die Farbe – oder auch ihre Abwesenheit – konstituierte diese oft großformatigen Bilder. Sie sollte zelebriert, ihre Wirkung getestet und gezielt eingesetzt werden. So wollten Rothko und Newman auf ganz unterschiedliche Weise ein emotionales Erlebnis im Betrachter auslösen. In Kellys und Stellas Bildern erlangte die Farbe Macht über die Form, in den Bildern Ad Reinhardts konnte sie ungeahnte Spielarten entfalten.

Clement Greenberg prägte für die Arbeiten dieser Künstler den Begriff der„Malerischen Abstraktion“. Zur „Nachmalerischen Abstraktion“ („Post painterly Abstraction“) rechnete er die Werke der folgenden Generation: Helen Frankenthaler, Kenneth Noland und Morris Louis.

Lee Krasner, Vernal Yellow, 1980, Öl, Collage auf Leinwand, 150 x 178, Sammlung Ludwig

Lee Krasner, Vernal Yellow, 1980, Öl, Collage auf Leinwand, 150 x 178, Sammlung Ludwig  Bildbeschreibung

In Anlehnung an die abstrakten Maler der 50er Jahre entwickelten diese Künstler die Farbstudien weiter, indem sie mit dem Farbauftrag experimentierten: Die Farbe wird so auf die ungrundierte Leinwand aufgetragen, dass Pinsel- oder Fingerspuren unsichtbar werden - der Künstler verschwindet hinter der Leinwand.

Eine Künstlerin, die sich diesen Kategorien zu entziehen scheint, da sie mehreren zugeordnet werden kann, ist Lee Krasner. Als „Mrs. Jackson Pollock“ von der Kunstkritik in den Schatten ihres berühmten Mannes gerückt, fiel es ihr schwer, ihren eigenen Stil zu finden. Sie war bestrebt, in ihren Werken keine weiblich konnotierten Aussagen zu treffen, ihren Kritikern nicht in die Hände zu spielen. Einige ihrer Bilder weisen eine formale Nähe zu den Arbeiten Pollocks auf, andere beziehen sich auf die europäischen Abstraktion oder die Farbfeldmalerei. Zu Pollocks Lebzeiten wurde Krasner kaum ernst genommen. Dennoch sollte sie sich als Frau in der Männerriege der frühen Abstrakten Expressionisten behaupten.


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