Karl Otto Götz, Bild vom 14.09.1954, Öl auf Leinwand, 90 x 120cm, mit Unterstützung des Kölnischen Kunstvereins Bildbeschreibung
Nach dem Zweiten Weltkrieg und zum Teil bis in die 1960er Jahre wurde die bildende Kunst von einer Fülle mehr oder minder expressiver Formen der Abstraktion geprägt. Die in diesem Zusammenhang häufig diskutierte Frage der Urheberschaft tritt dabei hinter der Tatsache zurück, dass es sich um ein vielerorts nahezu zeitgleich aufkeimendes Phänomen handelte. Der Zeitgeist wurde recht zutreffend mit der Formulierung „Abstraktion als Weltsprache“ charakterisiert, die zumindest für den westlichen Kulturkreis Gültigkeit hatte.
Maßgebliche Anstöße gingen zweifellos von Amerika aus, wo Pollocks Leinwände, die während ihres Entstehungsprozesses auf dem Boden liegend zum Ereignisfeld seiner getropften und gegossenen Farbspuren wurden, einer Revolution der Malerei gleichkamen und das Action Painting begründeten. Aber auch in Europa, hier vor allem in Frankreich und mit leichter Zeitverzögerung in Deutschland bildete sich bereits gegen Ende der 1940er und zu Beginn der 1950er Jahre ein fruchtbarer Boden für die Spielarten ausdrucksbetonter Abstraktion. Unter Bezeichnungen wie Tachismus, Lyrische Abstraktion oder Informel boten diese Formen ungegenständlicher Malerei grundlegend verwandte Haltungen, wenn auch der Tenor der bildnerischen Äußerungen betont individualistisch war.
Hans Hartung, T56-21, 1956, Öl auf Leinwand, 180 x 114 cm, Museum Ludwig 1976, erworben mit Unterstützung des Landes NRW Bildbeschreibung
Vor allem zwei Künstler deutschen Ursprungs, Hans Hartung und Wols, die bereits in den 1930er Jahren vor dem faschistischen Terror nach Paris emigriert waren, leisteten mit ihren Bildfindungen richtungsweisende Beiträge für die Entwicklung einer europäischen Abstraktion, die in ihren Ursprüngen maßgeblich dem Existentialismus verpflichtet war. Bezeichnend für die erst in einem künstlerischen Klima der Nachkriegszeit greifende Akzeptanz einer solchen Bildsprache ist die Anerkennung und Öffentlichkeit, die Hans Hartung mit seinen lyrisch-expressiven Werken als einer der führenden Protagonisten der École de Paris in den 1950er Jahren er fuhr. So werden Hartungs Werke der 1920er und 1930er Jahre, die ihn als gestisch-abstrakten Künstler lange vor Geburt dieser Strömung ausweisen, bis heute vielfach als unzeitgemäß und aus einem stilgeschichtlichen Schema fallend übersehen. Im Europa der Nachkriegszeit wurde er hingegen mit seinen ausdrucksstarken wie harmonischen, scheinbar der spontanen schöpferischen Intuition entsprungenen Zeichensetzungen zum Inbegriff des existentialistisch geprägten Künstlers.
Wols, Le fantôme bleu, 1951, Öl auf Leinwand, 73 x 60 cm, Schenkung Ludwig 1979 Bildbeschreibung
Die Suche nach ursprünglichen und unmittelbaren Formen eines bildnerischen Ausdrucks, der jenseits eines zivilisatorisch verkrusteten Kulturverständnisses lag, führte in Paris Jean Dubuffet während der 1940er Jahre zu neuen Quellen der Inspiration. In der Bildnerei Geisteskranker, in Kinderzeichnungen und künstlerischen Zeugnissen der Naturvölker, aber auch in zufällig entstandenen Strukturen wie dem abblätternden Putz einer Häuserfassade, fand er das Potenzial für eine Kunst, die die Wurzeln des menschlichen Seins berührte. Dubuffet erkannte die Chance, zu neuen künstlerischen Bildvorstellungen zu gelangen und den Materialgebrauch zu er weitern. Ihren Niederschlag fanden seine Bestrebungen in der Art Brut, die jenen unverbrauchten gestalterischen Äußerungen ein Forum bot, zumindest insofern sie den Kriterien des selbsternannten Meisters entsprachen. In ihrer Bildsprache strebte diese Kunst radikal nach Erneuerung und nach der Absetzung von einer bürgerlich geprägten Ästhetik, die durch die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs ihre Berechtigung verloren hatte. Jedoch blieb sie dabei noch einer elementaren Gegenständlichkeit verhaftet.
Ähnliche Ziele vertrat auch die Künstlergruppe CoBrA, deren Name sich aus den Anfangsbuchstaben ihrer Zentren Copenhagen, Brüssel und Amsterdam herleitet. In ihrer Bildnerei verbindet sich nicht selten, wie in den Werken von Karel Appel oder Asger Jorn, eine archaisch oder naiv anmutende Figuration mit gestisch-expressiver Formensprache. Mit Malern wie Pierre Soulages, Jean-Paul Riopelle oder Georges Mathieu bestimmten in Paris Anfang der 1950er Jahre zunehmend jene Strömungen das Bild, die nicht zuletzt unter dem Einfluss von Wols und Hartung die bildnerischen Mittel frei von jeglicher Gegenständlichkeit einsetzten. Linien und Farben dienten ausschließlich der Umsetzung innerer Befindlichkeiten. Die spontane Geste, der Schaffensakt wurde allenthalben zum wesentlichen Faktor der Werkbedeutung.
In Italien war es neben Alberto Burri und Piero Manzoni vor allem Lucio Fontana, der mit seinen Concetti spaziali Leinwände in selbstbewusster Geste durchlöcherte und aufschlitzte. Er erneuerte damit radikal das traditionelle Tafelbild und er weiterte es um die Dimensionen von Raum und Zeit.
Ernst Wilhelm Nay, Blauflut, 1960, Öl auf Leinwand, 190 x 340cm, Museum Ludwig 1976, Schenkung Günther und Carola Peill 1976
In Deutschland wurden ähnliche Bestrebungen von Künstlern wie Bernard Schultze und Karl Otto Götz verfolgt. Aufgrund des kulturellen Kahlschlags des Hitler-Regimes richtete sich ihr Blick anfänglich verstärkt nach Frankreich. In seinen mit enorm schneller Pinselführung angelegten Bildern maß Götz dem Faktor Zeit eine gesteigerte Bedeutung bei. Schultze widmet sich hingegen mit seinen aus der Leinwandfläche heraus wuchernden Gebilden maßgeblich der Erschließung des Raumes. Einer surrealistischen „écriture automatique“ verwandt entwickelten sich seine Werke wie ein scheinbarer Spiegel des Unbewussten aus einem Wechselspiel von Zufall und Kontrolle. Vage Gestaltassoziationen durchziehen dabei immer wieder den abstrakten Formenreichtum. Rhythmus und Farbe wurden in zunehmendem Maße die bestimmenden Faktoren in der Malerei von Ernst Wilhelm Nay. Ausgehend von einer expressionistischen Figuration führte seine künstlerische Entwicklung in die Abstraktion, wobei er Anfang der 1950er Jahre die letzten gegenständlichen Bezüge aus seinen Bildern verbannte. Nay spürte in seinen Gemälden den kompositorischen Möglichkeiten bildnerischer Mittel fern von jedem Illusionismus nach. Nachdem ab Mitte der fünfziger Jahre im Osten Deutschlands der Sozialistische Realismus zur künstlerischen Doktrin erhoben wurde, bekam die Abstraktion in West-Deutschland nochmals verstärkt Rückenwind, wie sie überhaupt international zum Ausdruck der „Freien Welt“ avancierte.