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Sammlung: Nouveau Réalisme und Fluxus

Die Realität als Gestalterin

Aufgrund der umfangreichen Ausstellung, David Hockney. A Bigger Picture, sind einige Räume der ständigen Sammlung im Museum Ludwig momentan nicht zugänglich. Die Sammlung der Nouveaux Réalistes ist zur Zeit nur eingeschränkt zu sehen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Jacques Villeglé, Rue des Desprez – Vercingétorix (La femme), 12.3.66, Decollage, 257 x 221 cm, Museum Ludwig 2002, mit Unterstützung privater Förderer

Jacques Villeglé, Rue des Desprez – Vercingétorix (La femme), 12.3.66, Decollage, 257 x 221 cm, Museum Ludwig 2002, mit Unterstützung privater Förderer  Bildbeschreibung

Der Kunst ihren Nimbus von Autonomie und Erhabenheit zu nehmen, sie mit dem Leben und seinen Banalitäten zu verbinden, die Trennung zwischen Produkt und Produktionsprozess, also zwischen dem fertigen Kunstwerk und seiner Entstehungsgeschichte aufzuheben – das sind die gemeinsamen Ziele zweier Kunstbewegungen, die sich Anfang der 60er Jahre in Europa und in den USA gründeten: Nouveau Réalisme und Fluxus.

Yves Klein, Anthropometrie: ANT 130, 1960, Körperabdruck Pigment und Kunstharz auf Papier, auf Leinwand, 194 x 127 cm, Schenkung Ludwig 1976

Yves Klein, Anthropometrie: ANT 130, 1960, Körperabdruck Pigment und Kunstharz auf Papier, auf Leinwand, 194 x 127 cm, Schenkung Ludwig 1976  Bildbeschreibung

Während aber Fluxus, den Bemühungen seines Mitbegründers und Hauptmentors George Maciunas zum Trotz, eher eine Haltung bezeichnet als eine Kunstbewegung, die dogmatisch über die Einhaltung ihrer Vorschriften wacht, griff der Nouveau Réalisme schon in seinen Anfängen die tradierten Spielregeln einer Künstlergruppe auf. 1960 wurde die Gruppe in Paris mit einem Manifest des französischen Kritikers Pierre Restany gegründet, fast alle Unterzeichner – neben Restany unterschrieben Arman, Francois Dufrêne, Raymond Hains, Yves Klein, Martial Raysse, Daniel Spoerri, Jean Tinguely und Jacques Villeglé – sollten bis zur Auflösung 1970 zum Kern der Gruppe gehören, wer sich um die Mitgliedschaft bewarb, musste die Ablehnung fürchten: Wolf Vostell etwa, der sich der Gruppe nahe fühlte und mit seinen Plakatabrissen eine Technik der Nouveau Réalistes übernommen hatte, wurde von Restany abgewiesen. Ähnlich erging es Christo, der, so erinnert sich Jeanne-Claude, „niemals eingeladen wurde, Teil der Gruppe zu sein“. Seine Arbeiten waren „nicht genug ‚objet trouve’ (im Sinne Marcel Duchamps)“, er „nahm zu starken Einfluss auf die Objekte“, um von Restany als Mitglied akzeptiert zu werden.

Dieter Roth, Die Badewanne zu „Ludwig van“, 1969, Zinkbadewanne, Schmelzglasur, Schokolade und Hartfett, 54 x 180 x 65 cm, Sammlung Ludwig

Dieter Roth, Die Badewanne zu „Ludwig van“, 1969, Zinkbadewanne, Schmelzglasur, Schokolade und Hartfett, 54 x 180 x 65 cm, Sammlung Ludwig  Bildbeschreibung

„Neuer Realismus“, das bedeutet für Restany tatsächlich: Die Realität selbst wird zur Schöpferin, jedes Ding ist ein Kunstwerk, auch ohne Intervention des Künstlers. Mit scharfen Worten wendet er sich in seinem Manifest gegen Informel und Abstrakten Expressionismus, die zu dieser Zeit den Kunstbetrieb dominieren: „Die Malerei auf der Staffelei hat […] ihre Zeit gehabt. Heute tut sie die letzten, manchmal immer noch großzügigen Atemzüge einer langen Alleinherrschaft.“ Dagegen setzt er „das Abenteuer des wirklichen Sehens“, ein Abenteuer, das sich nur dem eröffnet, der mit soziologisch geschultem Blick durch die Welt geht und darauf hofft, dass der Zufall ihm zu Hilfe eilt: „sei es bei der Auswahl oder dem Abriss eines Plakates, bei der Beschaffenheit eines Objektes, bei Abfall und Müll, bei der Entfesselung mechanischer Erregbarkeit oder der Verbreitung von Sensibilität jenseits der Grenzen ihrer Wahrnehmung“.

Arman, Accumulation des brocs, 1961, Emailkannen in Plexiglaskasten, 83 x 142 x 42 cm, Schenkung Ludwig 1976

Arman, Accumulation des brocs, 1961, Emailkannen in Plexiglaskasten, 83 x 142 x 42 cm, Schenkung Ludwig 1976  Bildbeschreibung

Neben dem Plakatabriss, wie ihn Hains, Villeglés, Dufrêne und der später zur Gruppe stoßende Mimmo Rotella praktizieren, ist denn auch das Anhäufen von Alltagsgegenständen und Abfällen eine bevorzugte Technik des Nouveau Réalisme. Ihr prominentester Vertreter ist Arman, der schon 1960 den Raum einer Pariser Galerie bis unter die Decke mit Müll vollstopft. Er fertigt Porträts von Zeitgenossen an, indem er Gegenstände aus ihrem Besitz zusammenstellt oder den Inhalt ihrer Papierkörbe und Mülleimer in Glasvitrinen leert. In seinen „Accumulations“ versammelt er zahlreiche Exemplare des immer gleichen Gegenstands in Kästen aus Holz oder Plexiglas. Gerade mit dieser Anhäufung von Konsumgütern verdeutlicht er, dass die achtlos genutzten und schließlich weggeworfenen Dinge Individualität besitzen: Kein Ding gleicht dem anderen.

Auch Daniel Spoerri gewinnt die Kunst dem täglichen Leben ab, indem er Gegenstände des Gebrauchs fixiert und dem Betrachter vor Augen führt. Mit seinem „Fallenbildern“ versucht er, eine erlebte Situation einzufangen und der Nachwelt zu überliefern. Oft handelt es sich dabei um Mahlzeiten mit Freunden. Der Essenstisch mitsamt den mehr oder weniger zufällig darauf arrangierten Geschirr- und Besteckteilen, Essensresten und Aschenbechern wird von Spoerri gleichsam eingefroren: Jeder Gegenstand wird genau an der Stelle festgeleimt, an der er zuletzt zu liegen kam. So entsteht eine Art dreidimensionale Fotografie: Ein unwiederholbarer Augenblick – mitsamt seiner Vorgeschichte – ist festgehalten, in die Falle gegangen.

Niki de Saint Phalle, Black Nana, 1968/69, bemaltes Polyester, 293 x 200 x 120 cm, Schenkung Ludwig 1976

Niki de Saint Phalle, Black Nana, 1968/69, bemaltes Polyester, 293 x 200 x 120 cm, Schenkung Ludwig 1976  Bildbeschreibung

Die 1962 vor allem auf Betreiben von George Maciunas offiziell gegründete Kunstbewegung Fluxus treibt die Vermischung von Kunst und Leben noch weiter. Die aus Europa und den USA stammenden Fluxuskünstler – unter ihnen Emmet Williams, George Brecht, Ben Patterson, Dick Higgins, Nam June Paik und andere – erheben nicht nur das Leben mit seinen täglichen Verrichtungen zum Kunstwerk, sie versuchen umgekehrt auch, ihre Werke zu banalisieren, also in den Alltag überfließen zu lassen, indem sie ihnen die Vergänglichkeit von Alltagssituationen verleihen. So verlieren die Werke den traditionellen Status von Kunst: Sie werden oft kollektiv produziert, sind also nicht mehr einem einzelnen Urheber zuzuordnen, und oft bestehen sie nur flüchtig, etwa während einer Aktion, die vielleicht nur eine einzige Handlung umfasst. Solche Werke schaffen keine bleibenden Werte, sind also kaum zu vermarkten.

Dieses Flüchtige, Fließende klingt im Namen „Fluxus“ an. Doch Maciunas wählte den Namen auch einer weiteren Bedeutung wegen: In der Medizin ist ein Fluxus eine „plötzliche Darmentleerung“. Damit verknüpfte Maciunas die Bewegung mit Dada, denn schon der Dadaist Hans Arp hatte gefordert, die Kunst solle „unmittelbar den Gedärmen oder anderen Organen“ entspringen. Tatsächlich ist Fluxus eine Wiederaufnahme von Dada: Wie die Dadaisten suchen die Fluxuskünstler, den überlieferten Werkbegriff und Formenkanon der Kunst ins Lächerliche zu ziehen und mit Witz und Scharfsinn die Wahrnehmung des Publikums zu erschüttern und zu erweitern.

Nam June Paik, Shigeko’s Buddhas, 1986, Videoinstallation mit Holzfigur, 4 Teile, ca. 200 x 300cm, Museum Ludwig 1986

Nam June Paik, Shigeko’s Buddhas, 1986, Videoinstallation mit Holzfigur, 4 Teile, ca. 200 x 300cm, Museum Ludwig 1986

Typisch für Fluxus ist auch die Vermischung von Kunstgattungen. Elemente von Musik, Theater und Tanztheater fließen in die Aktionen ein – so wird Fluxus zum Wegbereiter der Performancekunst. Die Musik ist vielleicht die wichtigste Komponente in dieser Mischung: Fluxus betrachtet, so Emmet Williams, „das gesamte Leben als musikalischen Prozess“. Der Komponist John Cage war deshalb auch einer der wichtigsten Anreger der Bewegung, bei ihm hatten in den späten 50er Jahren unter anderem George Brecht, Maciunas und Al Hansen studiert. Die frühen Fluxus-Aufführungen – etwa während eines Festivals 1962 in Wiesbaden - firmierten als Konzerte, obwohl in ihnen kaum Musik herkömmlicher Art zu hören war. Berühmt werden sollte etwa Brechts „Motor Vehicle Sundown“: eine Sinfonie für motorisierte Fahrzeuge, die Hupen, aufheulende Motoren und das Zuschlagen von Autotüren zu Gehör brachte, begleitet von hektischem Blinken und dem Auf- und Abblenden der Scheinwerfer. Das erstmals 1960 realisierte Werk wurde 2005, anlässlich der Eröffnung einer George-Brecht-Retrospektive, vom Museum
Ludwig erneut aufgeführt.


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