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Sammlung: Pop Art

Die Ästhetik von Konsum und Medien:
Pop Art

Richard Hamilton, Trafalgar Square, 1965-67, Öl und Fotografie auf Holz, 80 x 120 cm, Schenkung Ludwig 1976

Richard Hamilton, Trafalgar Square, 1965-67, Öl und Fotografie auf Holz, 80 x 120 cm, Schenkung Ludwig 1976  Bildbeschreibung

„Die Wahrheit ist, die Kunstgalerien werden überschwemmt von dem schwachköpfigen und nichtswürdigen Stil von Kaugummikauern, Backfischen und, schlimmer noch, Straftätern.“ Die zugespitzte, zu fragwürdiger Bekanntheit gelangte Einschätzung des amerikanischen Kunstkritikers Max Kozloff spiegelte 1962 eine weit verbreitete, ablehnende Haltung gegenüber der Pop Art wieder, die damals noch in ihren Anfängen stand. Diese Haltung vertraten vor allem Theoretiker und Künstler, die sich den Idealen einer seit Jahren etablierten gestischen Abstraktion verbunden fühlten.

Jasper Johns, Flag on Orange Field, 1957, Enkaustik auf Leinwand, 167 x 124 cm, Schenkung Ludwig 1976

Jasper Johns, Flag on Orange Field, 1957, Enkaustik auf Leinwand, 167 x 124 cm, Schenkung Ludwig 1976  Bildbeschreibung

Wie auch andere Bezeichnungen avantgardistischer Kunstbewegungen kursierte der Begriff Pop Art anfänglich als Schmähwort, stand er doch für einen Verrat an den hehren Werten der künstlerischen Originalität und Genialität. Dennoch ließ sich im Verlauf der 1960er Jahre der Siegeszug dieser neuen und erfrischend direkten, mit visuellen Alltagszitaten spielenden Kunst nicht mehr aufhalten. Zu groß war die Akzeptanz einer breiten und maßgeblich auch finanzkräftigen Schicht, die der lebensnahen Thematik von Konsum und Massenmedien, einer kommunikativen und nicht selten mit Humor und wacher Ironie aufwartenden Kunst aufgeschlossen gegenüberstand. Diese Kunst gab sich nicht länger elitär und hermetisch, sondern sie sprach die Betrachter unvermittelt an und veranlasste sie in manchen Fällen sogar zur aktiven Teilhabe. Längst sind die Bilder und Objekte, die größtenteils vor über vierzig Jahren entstanden, zum festen Bestandteil von Museumssammlungen geworden. Nicht wenige ihrer Motive, etwa Andy Warhols Suppendosen, Roy Lichtensteins Comic- Gemälde oder die Flaggen von Jasper Johns, gehören zu den Ikonen der Moderne. Das diesen trotz der historischen Dimension immer noch der Reiz des Unverbrauchten anzuhaften scheint, liegt wohl maßgeblich in jener unmittelbaren Beziehung von Kunst und Realität begründet, die einige junge Künstler um die Mitte der 1950er Jahre neu definierten.

Andy Warhol, Two Elvis, 1963, Siebdruck auf Leinwand, 206 x 148 cm, Schenkung Ludwig 1976

Andy Warhol, Two Elvis, 1963, Siebdruck auf Leinwand, 206 x 148 cm, Schenkung Ludwig 1976

Unabhängig voneinander formierten sich damals vor allem in England und den USA künstlerische Bestrebungen, die ihr Ziel weniger in der programmatischen Ausbildung eines neuen Stils sahen, als vielmehr im Ausdruck eines veränderten, modernen Lebensgefühls. So haben sich die Protagonisten dieser Strömung mitunter vehement gegen die einengende Klassifizierung unter das Etikett Pop Art verwahrt. Nicht zuletzt ihren amerikanischen Vorreitern, Jasper Johns, der bereits Mitte der 1950er Jahre Nachformungen banaler Alltagsgegenstände wie Glühbirnen oder Taschenlampen zu Kunstwerken erklärte, und Robert Rauschenberg, der in seinen Combine- Paintings von New Yorker Straßen aufgelesene Fundstücke verarbeitete, war dieser Terminus zu sehr an Haltungen der Populärkultur angelehnt und zu wenig auf das Reflektierende ihres Tuns gerichtet. Dennoch erweist sich der Begriff gerade aus historischer Sicht als brauchbar, um die Vielzahl an heterogenen Ansätzen zu fassen, die die moderne Großstadtrealität und Alltagskultur in einer grundsätzlich extrovertierten Kunst Verarbeitung verarbeiteten.

Robert Rauschenberg, Black Market, 1961, Leinwand, Holz, Metall, Ölfarbe, 152 x 127 cm, Schenkung Ludwig 1976

Robert Rauschenberg, Black Market, 1961, Leinwand, Holz, Metall, Ölfarbe, 152 x 127 cm, Schenkung Ludwig 1976

Das Interesse an den Erscheinungsformen eines neuen, technikorientierten Zeitalters und einer alles überflutenden Trivialkultur orientierte sich in dieser Zeit maßgeblich an den USA. Dies gilt auch für einige junge Künstler – unter ihnen Richard Hamilton und Eduardo Paolozzi –, die sich bereits Ende 1952 am Londoner Institute of Contemporary Arts unter dem Namen Independent Group formierten. 1953 veranstalteten sie eine Schau mit dem programmatischen Titel Parallel of Art and Life, 1956 entwarf Hamilton das Plakat zur legendären Ausstellung This is Tomorrow. Als Collage, die bildnerische Versatzstücke aus Konsumwelt, Werbung und Comic, Wissenschaft, Technik und Erotik zusammenfügte, fächerte es bereits in wesentlichen Zügen das Bildvokabular der Pop Art auf. Zudem erstellte Hamilton eine Liste von Schlagwörtern – wie populär, massenproduziert, verbrauchbar, billig, witzig, sexy, spielerisch, auffallend, verführerisch –, die ihm als charkateristische Phänomene der Alltagswelt galten und den Zeitgeist treffend beschrieben. Diese Eigenschaften, waren für ihn sowohl als künstlerischer Untersuchungsgegenstand als auch als Maßstab für sein eigenes künstlerisches Schaffen von hohem Interesse. Mit ihrer Forderung, die aktuellen Zeugnisse der Massengesellschaft zum zentralen Thema einer lebensnahen Kunst zu machen, stand diese heterogene Gruppe von Malern und Bildhauern, Architekten, Kritikern und Historikern trotz ihres kritisch-differenzierten Blicks einer popular culture grundsätzlich positiv gegenüber. Im Unterschied zur Situation in England, wo die informelle Abstraktion nach dem Zweiten Weltkrieg keine derart maßgebende Rolle spielte, war die Hinwendung zur Realität bei den jungen amerikanischen Künstlern wesentlich stärker aus einer Anti-Haltung gegenüber der etablierten Kunst des Abstrakten Expressionismus motiviert. Dieser erhob von New York aus alleinigen Geltungsanspruch als internationale Avantgarde.

Das kreative Interesse an den Gegenständen des modernen Alltags entwickelte sich vor allem bei jungen Kunststudenten, die in einer ungegenständlichen, der persönlichen Gefühlswelt des Künstlers entspringenden Malerei nur noch sinnleere, unzeitgemäße Formeln ohne jeglichen Wirklichkeitsbezug sahen. Dass sich Künstler wie Johns und Rauschenberg bei dieser Rebellion weiterhin des malerischen Duktus einer gestischen Abstraktion bedienten, um reale Gegenstände oder Motive in ihren Bildwerken zu verarbeiten, macht deutlich, dass hier nicht die Tilgung einer künstlerischen Sprache, sondern vielmehr deren Öffnung und Aktualisierung in der Auseinandersetzung mit der Realität angestrebt war.

Edward Kienholz, The Portable War Memorial, 1968, verschiedene Materialien und Objekte, Tonband, Coca-Cola-Automat, 285 x 240 x 950 cm, Schenkung Ludwig 1976 David Hockney, Sunbather, 1966, Acryl auf Leinwand, 183 x 183 cm, Schenkung Ludwig 1976
Claes Oldenburg, Big White Shirt with Blue Tie, 1961, Draht, Stoff, Gips, Emaillelack, 120 x 80 x 30 cm, Schenkung Ludwig 1976
James Rosenquist, Untitled (Joan Crawford says...), 1964, Öl auf Leinwand, 242 x 196 cm, Schenkung Ludwig 1976
George Segal, The Restaurant Window I, 1967, Gips, Holz, Metall, Plexiglas, Neonröhren, 244 x 340 x 206 cm, Schenkung Ludwig 1976
Roy Lichtenstein, M-Maybe (A Girl’s Picture), 1965, Magna auf Leinwand, 152 x 152 cm, Schenkung Ludwig 1976
Tom Wesselmann, Bathtub 3, 1963, Öl auf Leinwand, Kunststoff, verschiedene Objekte, 213 x 270 x 45 cm, Schenkung Ludwig 1976
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Einen historischen Bezugspunkt für die Einbeziehung alltäglich vorgefundener Dinge bildeten zweifelsohne die Ready-mades der Dadaisten. Jedoch ging es in der Pop Art weniger um die provokative Erhebung des Fundstücks zum Kunstwerk, sondern vielmehr um einen unverstellten Blick auf die aktuelle Lebenswirklichkeit, der in einer Verflechtung von Kunst und Alltag seinen Ausdruck finden sollte. So stehen die realen Objekte hier selten für sich, sondern erscheinen vermittelt, sei es durch die Einbindung in einen übergeordneten Bildkontext, die Nachformung in einem anderen Material oder die Veränderung des Maßstabs bzw. die serielle Vervielfachung mittels Siebdruck. Da viele der späteren Pop Künstler vor ihrem Durchbruch bezeichnenderweise als Werbegrafiker, Reklamemaler oder Schaufenstergestalter arbeiteten, wussten sie um die Qualitäten populärer Sujets und die Möglichkeiten ihrer visuellen Aufbereitung. Ohne ein normatives Programm entstand so binnen weniger Jahre eine Kunst, die dem wachsenden und lange vernachlässigten Bedürfnis nach aktuellen, täglich vertrauten Bildwelten in hohem Maße gerecht zu werden vermochte. In ihrer Offenheit ermöglichte sie eine je nach dem eigenen Verhältnis zur Außenwelt persönliche Lesbarkeit, sei diese nun kritisch hinterfragend oder bejahend optimistisch.


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