„Mutlos und der Verzweiflung nahe ..."
Kölner Kinder und Jugendliche als Opfer von Deportation und Völkermord
Zeugnisse und Berichte, zusammengestellt
vom NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln
Röschen Pieperberg war zwölf Jahre alt und wohnte mit ihrer Familie in der Agrippastraße, als sie von heute auf morgen ihre Heimatstadt verlassen musste:
Im Oktober 1938 war unser Leben in Köln zu Ende. Da wir die polnische Staatsangehörigkeit hatten, waren wir von der sogenannten „Polenaktion" betroffen. Ohne Vorbereitung, ohne Warnung gab man uns am 28. Oktober ungefähr um 10 Uhr morgens die Anordnung, innerhalb einer Frist von drei oder vier Stunden - ich glaube, bis zwei Uhr mittags - an eine Sammelstelle zu kommen. Wir Kinder waren in der Schule, und man hat uns aus der Schule nach Hause geschickt.
Wir hatten also ein paar Stunden, um zu packen. Die Ausweisung betraf eigentlich nur meine Mutter. Meine Schwester und ich hätten in Deutschland bleiben können, aber wir wollten uns nicht trennen, wir wollten nicht ohne unsere Mutter sein. Und heute im Rückblick weiß ich, dass es das Richtige war. Denn von Deutschland aus wäre ich - und auch meine Schwester - später nicht mehr weggekommen.
So gingen wir mittags in die Sammelstelle. Das war ein Schulgebäude, ich glaube, in der Lochnerstraße oder in der Görresstraße. Es war dort alles voller Menschen, ein großes Durcheinander. Niemand wusste, was werden würde. Und da warteten wir, bis man uns abführte nach Deutz. Dort waren viele Menschen, und die Polizei mit ihren Hunden ringsum. Es war dunkel, es war kalt. Viele warteten schon Stunden und viele Leute waren schon sehr nervös. Vor allem erinnere ich mich an die Hunde, die ringsherum waren.
Im Deutzer Bahnhof wurden wir schließlich in einen Zug gebracht, in dem wir eingepfercht waren, wirklich eingepfercht. Man fuhr, bis man an die Grenze kam. Es war dann schon nachts, es war schon der 30. Oktober. An der Grenze stieß man uns mit Bajonetten: „Schnell rüber, schnell rüber."
Amalie Banner, geboren 1923, wurde schon im Oktober 1938 nach Polen deportiert und im Warschauer Ghetto ermordet. Eine ihrer letzten Nachrichten ist im Oktober 1941 für eine in die USA emigrierte Freundin bestimmt:
Liebe Fanny,
gestern erhielten wir deinen lieben Brief. Unsere Freude über Dein Schreiben ist unbeschreiblich groß, denn es gibt uns, da wir schon mutlos und der Verzweiflung nahe waren, so viel Hoffnung, so dass wir vielleicht imstande sein werden, unseren schweren Lebenskampf wieder aufzunehmen. Wie unsagbar dankbar wir Dir für jede Hoffnung und Hilfe, die Du uns gibst, sind, kannst Du Dir, wenn Du erfährst, wie elend wir hier leben, unschwer vorstellen. Wir danken Dir vielmals für Deine Mühe, für das Päckchen und für die versprochene Hilfe, denn Du bewahrst uns hiermit vor dem schlimmen Hungertod.
Theresia N. war acht Jahre alt, als sie im Mai 1940 mit rund 1.000 anderen Sinti und Roma aus Köln und dem Rheinland deportiert wurde. Sie berichtet über das Ghetto Siedlce:
Im Ghetto bekam man nur etwas zu essen, wenn man arbeitete. Wenn das Essen ausgeteilt wurde, wurden die Namen aufgerufen, es gab immer lange Schlangen. Ich war damals acht Jahre alt. Und wir Kinder hatten ja Hunger, wir standen immer am Zaun! Die Polen haben uns immer was rüber geschmissen, Brot, Mohrrüben, Holz zum Heizen ... Wir kriegten im Ghetto ja fast nichts zu essen. Wir kriegten ein Viertel Brot, das musste für zwei oder drei Tage ausreichen. Und dann so eine Suppe aus Zuckerrüben. Dafür mussten wir uns anstellen, und wenn man letzte war, war der große Kessel leer, da hat man nichts mehr gekriegt. Für Wasser musste man sich an einem öffentlichen Brunnen anstellen, der nur zu bestimmten Zeiten geöffnet war. Das Leben bestand nur aus Hunger und Angst und Hunger und Angst.
Margot Goldberg, geboren 1924 in Köln, lebte mit ihren Eltern und zwei Schwestern am Mühlenbach 53. Als 14jährige flüchtete sie mit der Familie in die Niederlande. Dort wurden sie 1943 im Sammellager Westerbork inhaftiert, dann nach Theresienstadt und schließlich nach Auschwitz deportiert:
Nachdem wir in Auschwitz angekommen waren, mussten wir in Viererreihen stehen. Wir waren zufällig vier, meine Mutter und wir drei Töchter. Hätten wir nicht zusammengestanden, wäre meine Mutter vielleicht gerettet worden. Sie war ja noch ziemlich jung damals. Aber der Dr. Mengele stand dort, hatte einen Handschuh in der Hand und winkte mit dem Handschuh die ganze Zeit nach links und rechts. Das heiß to be or not to be, aber das wussten wir alles damals nicht. Man kann sich einfach nicht vorstellen, dass ein Massenmord auf so ordentliche, korrekte Art gemacht wird.
Dr. Mengele machte zu meiner Mutter so und zu uns so. Ich stellte mich vor ihn hin und sagte: „Ich möchte aber gerne mit meiner Mutti zusammen sein." Da bückte er sich und sagte: „Du wirst bald mit deiner Mutter zusammen sein." Und ich als deutsches Mädchen dachte: „Wenn der Herr Kommandant das sagt ..."
Ich sehe immer noch, wie meine Mutter sich so langsam entfernt und wie gleich nachher die Mutter einer Freundin von uns auch so ins Nichts geht.
Zwi Ben-Yehuda, 1931 als Hermann Ungar in Köln geboren, wurde am 7. Dezember 1941 mit seinen Eltern und seinen Geschwistern von Köln in das Ghetto Riga deportiert. Er berichtete:
Ein paar Tage, bevor wir ankamen, hatten in Riga die Einsatzgruppen alle lettischen Juden, hauptsächlich Frauen und Kinder, erschossen. Das Erschießen fing schon im Ghetto an, denn als wir ankamen, da sah ich Blutspuren im Schnee.
Das Ghetto in Riga war ein verlauster Stall. Buchstäblich verlaust! Das war ich nicht gewohnt, wir kamen ja aus der Stadt Köln. Ich weiß noch, als wir da ankamen und uns ein Zimmer zugeordnet wurde, da fing ich an zu heulen - ich war damals zehneinhalb Jahre alt - und sagte: „Ich will zurück nach Köln! Ich will zurück nach Köln!"
Die Rationen waren sehr rar. Wie viel das war, kann ich nicht sagen. Aber alles war so karg zugeteilt, man konnte buchstäblich nicht davon leben. Und das kann man sich heute nicht vorstellen! Das ist nicht so wie Kohldampf haben, wenn ich also morgens gefrühstückt habe und jetzt ist, sagen wir mal, fünf Uhr Nachmittag und ich bin hungrig. Das heißt nicht Hungern. „Hungrig sein" und „Hungern" sind zwei verschiedene Welten!
Da gab es so viele Erhängungen! Und warum wurde jemand erhangen? Weil er was mit von draußen ins Ghetto gebracht hat, ein Laib Brot. Dann wurde er erhangen. Oder wenn nicht erhangen, dann was anderes, dann bekam er einen Genickschuss. Die mussten sich hinknien, die Leute, und dann ging das „eins, zwei, drei, vier, fünf", da hat er sie erschossen.
Peter Paul Rubens, geboren 1929, wurde am 22. Oktober 1941 von Köln in das Ghetto Litzmannstadt deportiert. Seine Eltern wurden bereits 1942 ermordet. Auch er überlebte nicht. Das letzte Zeugnis, das wir von ihm haben, ist ein Gesuch, welches er am 6. April 1943 an die Verwaltung des Ghettos richtet:
Sehr geehrter Herr Präses Rumkowski,
der Endesunterfertigte ist 13 Jahre alt und ohne Eltern hier. Mein Vater wurde zur Zeit aus dem Krankenhaus umgesiedelt und meine Mutter zwischen dem 5. September bis 12. September 1942. Da ich nun ganz allein dastehe, hat mich eine bekannte Familie aufgenommen, die aber keine Zuschüsse von Lebensmitteln bekommt. Ich fühle mich sehr schwach und unterernährt. Aus diesen Gründen bitte ich, mich in eine Bäckerei, eine Küche oder in die Kolonialwaren- und Brotabteilung zu versetzen. Ich bitte fernerhin, mein Gesuch schnell und günstig zu erledigen. Ich bin jetzt schon über ein Jahr im Dienste des Ältesten und zwar als Bote in der Zentral-Buchhaltung. Mein Dienst ist sehr anstrengend. Da meine Lage sehr tragisch ist und meine Arbeit sehr schwer, bitte ich, mein Gesuch besonders zu berücksichtigen.
Ich zeichne hochachtungsvoll,
Peter Paul Rubens
Margot Goldberg berichtete über die ersten Stunden nach der Ankunft in Auschwitz:
Nach dem Duschen wurde jedem ein Kleid hingeworfen; Unterhosen, Schlüpfer bekamen wir nicht. Mir gab man zwei linke Schuhe, die hatten so Holzsohlen, ich konnte überhaupt nicht gehen darin. Aber das war nicht möglich, dass man etwas anderes wünschte. Ich hatte auch keinen Namen dort, wir bekamen eine Nummer.
Sofort danach, als man uns die Kleider hingeworfen hatte und wir hinausgingen, trafen wir verschiedene Gefangene, die schon länger dort waren. Sie sagten uns, dass, wer auf die andere Seite gegangen war, vergast wurde. Wir hatten überhaupt keine Zeit zum Weinen. Man trieb uns zum Appellplatz und dort standen wir - vier oder fünf Stunden. Dann mussten wir die Hände zusammenhalten und man gab uns Essen hinein, abgekochte Rüben und irgendetwas. In unseren dünnen Kleidern stand wir so und zitterten. Und auf einmal hörte ich von weitem Musik und sah eine Gruppe von Musikanten vorbeiziehen. Sie war neben den Gaskammern, nicht weit von den Gaskammern. Das ganze hat ausgesehen ... Ich habe geglaubt, ich bin verrückt, ich muss doch irgendwann wach werden von diesem ganzen Traum, das ist doch unmöglich.
Theresia N. musste, wie viele andere Kinder, im Ghetto Zwangsarbeit leisten. Sie berichtete:
Und dann haben sie uns [von Siedlce] nach Gęsi Borek geschleppt, wo wir in einer Glasfabrik arbeiten mussten. Lange mussten wir mitten im Winter durch den Schnee laufen. Da sind unterwegs viele umgefallen. Als wir ankamen, waren bestimmt schon zwanzig von uns tot. Wir hatten ja keine vernünftigen Kleider, keine Schuhe, nur alte Säcke um die Füße gebunden. Die Glasfabrik war neben einer Bahn. Mein Vater arbeitete dort auf dem Gleisbau, und wir Kinder mussten in die Fabrik, Scherben und alles aufkehren. Ich habe heute noch Schnittwunden an den Beinen von den Glasscherben, weil ich immer in die Scherben fiel, wenn der Aufseher mich schlug oder umstieß.
Wir mussten jeden Morgen zum Appell. „Raus!", [brüllten sie]. Dann standen [die Bewacher] da. Dann haben wir doch Angst gehabt, ne? Jeder musste sich vor seinem Haus hinstellen. „Raus!" Wehe, wenn noch einer sich versteckte! Einer hatte sich hinten versteckt, den haben sie direkt abgeknallt. Dann musste man den Namen sagen. Vor Angst wussten wir unseren Namen nicht mehr! Juden hatten ja den Stern, und wir hatten eine weiße Armbinde mit dem „Z". Und dann standen wir da draußen, ob kalt, ob Sommer, und haben gezittert: „Jetzt sind wir dran, jetzt werden wir erschossen, jetzt werden wir erschossen." Manche hatten gar keine Angst mehr, manchen war das egal. Ja, da [haben wir] eine halbe Stunde gestanden, dann wieder rein. Vor uns allen haben sie ein paar abgeschossen oder mit dem Gewehrkolben einfach drüber geschlagen, und wieder rein. Und so ging das jeden Tag und jeden Tag.
Gerda Gottschalk, eine Kölner Überlebende des Ghettos Riga, berichtete über die Verschleppung von Kindern aus dem Ghetto:
Eines Morgens hatte der Unterscharführer die stets am Ende der langen Appellreihe stehenden Kinder durch eine Bewegung seines Armes abgeteilt und mit den Worten: „Kommt mal mit, meine lieben Kinder!" in den Heizraum treten lassen. Die Türen wurden sofort verriegelt und von Posten mit aufgepflanzten Bajonetten besetzt. Die Mütter, die sich der Türe nähern wollten, stießen die SS-Männer mit Kolben zurück. Wir sollten wie gewöhnlich unsere Arbeit aufnehmen, aber die Mütter gaben keine Ruhe. Als man ihnen den Ausgang aus dem Saal des Gewerbebetriebes verwehrte, schlugen sie die Fensterscheiben ein und wollten sich hinunterstürzen. Unten standen bereits mehrere Lastkraftwagen, um die Kinder abzuholen. D. hielt eine große Rede, er versicherte, die Kinder kämen zur Erholung in ein Kinderlager, aber niemand glaubte ihm. Jeder wusste, dieses Lager war unter der Erde. ... Dann haben sie 81 Kinder blitzschnell auf die Autos geworfen, die Planen dichtgemacht und sind weggefahren.
Auch Hilde Zander wurde Zeugin der Ermordung von Kindern aus einem der Außenlager des Rigaer Ghettos:
Alle Kinder, 64 insgesamt, wurden in den Kaiserwald gebracht und dort in einen Viehwaggon gesperrt; dieser Waggon wurde auf ein totes Gleis geschoben und stehen gelassen. Erst hörte man die Kinder schreien, Tag und Nacht. Drei Tage und drei Nächte lang.
Dann wurde es allmählich still.
Am neunten Tag wurde der Waggon geöffnet.
Was man dann gesehen hat, kann man nicht vergessen. Nicht in diesem Leben, und nicht im Jenseits.
Soweit nicht anders ausgewiesen: Fotos: © NS-Dokumentationszentrum Köln
