„Die Stadt Köln soll bis Ende dieses Jahres als judenfrei erklärt werden."
Deportationen aus Köln
Zeugnisse und Berichte, zusammengestellt vom NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln
Ingeborg Izzard, geboren 1921 in Köln, lebte mit ihrer Mutter in der Hochstadenstraße, als die Ghettoisierung der jüdischen Bevölkerung in Köln einsetzte. Sie berichtete:
Im Sommer, im August 1941, mussten wir unsere Wohnung, nur mit dem Notwendigsten versehen, verlassen. Wir bekamen erst ein Zimmer in einem sogenannten Judenhaus am damaligen Horst-Wessel-Platz, dann in der Utrechterstraße, wo früher jüdische Lehrlinge untergebracht waren. Hier mussten mehrere Familien in einem Raum zusammengepfercht leben. Meine Mutter und ich hatten Glück. Wir bekamen ein früheres Badezimmer für uns allein. Es war natürlich sehr eng. Wir konnten nur an einem kleinen Klapptisch frühstücken, wenn mein Klappbett zurückgeschlagen war. Das Schlimmste dort war natürlich, wenn Menschen erfuhren, dass sie am nächsten Morgen abgeholt würden. Dann hörte man das Schreien und Weinen die ganze Nacht. Ich versuchte manchmal, ein bisschen zu trösten, aber was konnte ich sagen?
Wir haben dort auch einen Selbstmord miterlebt. Es war eine Dame, die dort nur sehr kurze Zeit war; ihr Neffe und ihre Nichte, es waren zwei bekannte Musiker, die brachten ihr etwas mit. Meine Mutter sah, wie sie sich eine Spritze setzte, und fragte sie, ob sie Zucker habe. Sie antwortete: „Nein, nein, lassen Sie mich." - „Um Gottes Willen, Sie können hier doch nicht ..." - „Bitte, tun Sie mir den Gefallen." Am nächsten Tag fand man sie - tot.
Ingeborg Izzard berichtete auch darüber, wie die Opfer von den Deportationen erfuhren:
Die Benachrichtigung, dass man zu einem der Transporte gehörte, wurde auf ganz verschiedenen Wegen durchgeführt:
1. Entweder kamen Briefe, die mit einem roten Reichsadler versiegelt waren, in denen stand: „Melden Sie sich bitte dann und dann an der und der Stelle";
2. oder es kamen Briefe von der jüdischen Gemeinde;
3. oder es kam auch vor, dass das Haus umstellt wurde, und;
4. es gab auch noch die Möglichkeit, Leute an einer Stelle zu zentralisieren und dann von dort abzutransportieren.
Lore M., geboren 1917 in Köln, lebte 1941 in einem Ghettohaus im Dau. Sie hat uns eine ausführliche Schilderung über eine Deportation aus Köln überlassen:
Im Herbst 1941 bekamen wir die Aufforderung, uns für einen Transport fertig zu machen. Von unseren Verwandten, die in Mülheim und Deutz gewohnt hatten, waren die meisten schon im ersten Kölner Transport nach Litzmannstadt deportiert worden, und wir wussten, wir würden auch bald weggebracht werden. Wir drei, meine Mutter, meine Tante und ich, setzten uns deshalb zusammen und überlegten. Da es hieß, dass der zweite Transport auch nach Litzmannstadt gehen sollte, dachten wir, es sei für uns besser, wenn wir uns freiwillig dazu melden würden. Denn dann wäre die Familie in Litzmannstadt wieder zusammen. Meine Großmutter dachten wir, in Köln zurücklassen zu können. Sie war schon Ende 70, und wir hofften, dass man sie in Ruhe lassen würde.
Wir entschlossen uns also, uns freiwillig für den nächsten Transport zu melden. Wie wir das gemacht haben, weiß ich nicht mehr, auf jeden Fall bekamen wir dann wirklich eine Aufforderung für den zweiten Transport und sollten dazu in die Messehalle kommen. Ich weiß noch, wie wir mit der Straßenbahn zur Messehalle fuhren, mit Rucksack und Koffern, und die Leute uns zum Teil sehr mitleidig, zum Teil auch freudig angeguckt haben, als würden sie sagen: „Nun ja, Gott sei Dank, wieder ein paar weniger." Die Messehalle ist mir noch sehr gegenwärtig. An den Pfeilern des Gebäudes waren Buchstaben angebracht, und wir mussten uns dort nach dem Alphabet aufstellen. Meine Tante hieß Lützeler, stand also bei L, meine Mutter hieß Schottländer und ich hieß damals Schlesinger, wir standen also zusammen bei SCH. Dann wurden die Namen aufgerufen und die Menschen gingen in die Hallen. Bei S und SCH standen noch ungefähr 15 Leute, deren Namen mit diesen Buchstaben begannen, als auf einmal das Tor zuging. Ich höre diesen Knall heute noch. Das knallte, und wir standen draußen, meine Tante aber war drinnen. Ein SS-Mann kam und sagte: „Sie können wieder nach Hause gehen, Sie kommen mit dem nächsten Transport mit."
Ich habe gedacht: „Um Gottes Willen!" Ich fühlte mich irgendwie schuldbewusst. Ich hatte meine Tante ein bisschen überredet und gesagt: „Komm, mach mit, dann bleiben wir zusammen." Ich flehte den SS-Mann an, er solle zwei andere herausnehmen und meine Mutter und mich dafür hereinlassen. Aber es war nichts zu machen. Er sagte: „Geh nach Hause, der nächste Transport geht auch nach Litzmannstadt." Und so waren wir einigermaßen getröstet - wir hatten ja keine Ahnung! Nach acht oder zehn Tagen bekamen wir wieder den Befehl, uns fertig zu machen. Aber dieser Transport ging nach Riga. Bildlich gesprochen hatte der liebe Gott schon damals entschieden: Meine Bestimmung war, dass ich am Leben blieb, denn von Litzmannstadt ist von den Kölnern außer Dr. Lewin, glaube ich, kein Mensch zurückgekommen. Keiner. Wir haben auch von meiner Tante nie wieder etwas gehört.
Der Schweizer Konsul Franz-Rudolf von Weiss berichtet von Köln aus an die Abteilung für Auswärtiges in Bern am 28. Oktober 1941:
Herr Minister,
was die Verschickung der Juden nach dem Osten betrifft, möchte ich nicht verhehlen, Ihnen noch folgendes zu berichten.
Die Juden, welche für den Transport vom letzten Mittwoch, den 22. Oktober aufgeboten worden waren, konnten nicht alle mitgenommen werden. Viele wurden wieder nach Hause geschickt mit dem Befehl, sich für die nächsten Transporte bereitzuhalten.
Wie ich von zuverlässiger Seite höre, haben sich in den Tagen, die dem Transport vorausgingen, 37 Juden das Leben genommen. So sollen unter anderem in einem einzigen Haus sieben Selbstmorde stattgefunden haben.
Alle abfahrenden Juden mussten vor ihrer Abreise eine Erklärung unterschreiben, wonach sie zugaben, staatsfeindlich gesinnt zu sein, und womit sie auf ihr Gesamtvermögen verzichteten.
Vor der Machtübernahme durch die NSDAP lebten in Köln etwas über 16.500 Juden. Heute befinden sich nur noch ca. 5.000 Juden in dieser Stadt. Im Auftrage der Staatspolizei erhielten diese Juden vorgestern durch die Synagogen-Gemeinde ein Zirkular des Inhalts, dass in Zukunft nicht mehr 50 kg, sondern nur noch 25 kg Gepäck mitgenommen werden dürften. Der von ihnen mitgeführte kleine Rucksack habe nur Reiseproviant zu enthalten. Wie mir ein hoher städtischer Beamter soeben mitteilte, sind heute wiederum 1.000 Juden nach Litzmannstadt abtransportiert worden und werden weitere Transporte nachfolgen. Die Stadt Köln soll bis Ende dieses Jahres als judenfrei erklärt werden können. Dass den Juden vor ihrer Abreise unter Androhung schwerster Strafen verboten worden ist, irgendetwas aus ihrem Besitz, wie Möbel, Schmucksachen, usw., zu verkaufen, ist selbstverständlich.
Erna Schönenberg, geboren 1892, wohnte im Ghettohaus Venloer Str. 23. Sie schreibt am 22. Oktober 1941 an ihr ehemaliges - nichtjüdisches - Hausmädchen:
Gestern verließen also 1000 jüdische Menschen Köln. Es war nicht die freiwillige Auswanderung - immerhin freiwillig - so wie wir sie gerne möchten, sondern die uns aufgezwungene. Im Ganzen müssen, wie Ihnen wohl auch bekannt ist, 20.000 Juden das Deutsche Reich verlassen, um im Osten angesiedelt zu werden. Von Köln müssen im Ganzen 2.000 Juden fort, gestern 1.000 und Ende dieses Monats abermals 1.000. Sie durften 100 Mark und 100 Pfund Gepäck und Bettzeug mitnehmen. Alles Übrige musste in den Wohnungen bleiben und alles sonst an Geld und Geldwert erbt der Staat. Der gestern abgegangene Transport kommt nach Litzmannstadt, dem früheren Lodz. Es gab sehr viele Tränen und sehr viel Aufregung, als die Listen bekannt wurden. Unsere Verwandten Dr. Alsberg und Frau, die kurz vor der Ausreise standen, waren auch auf der Liste. Die letzte große Enttäuschung von den armen Menschen war, dass sie zum Schluss doch nicht das große Gepäck mitnehmen durften. Nun kamen sie buchstäblich mit dem Handköfferchen und einer Wolldecke und dem, was sie auf dem Leib trugen, an. Wer wird jetzt auf der nächsten Liste stehen? Jeder ist beunruhigt, man erwartet Ende der Woche die neuen Listen. Es spricht für den gesunden Lebenswillen, dass sich bisher nur 9 Menschen das Leben nahmen, darunter auch gute Bekannte von uns, um die es einem herzlich leid tun kann.
In der vor der Deportation geforderten Vermögenserklärung schrieb Aron Baum aus Köln-Klettenberg im Oktober 1941:
Ich erkläre, dass ich folgendes besitze:
3 gebrauchte Anzüge
2 Mäntel
2 Röcke
2 Paar gebrauchte Schuhe
1 Paar Pantoffeln
7 gebrauchte Hemden
5 Unterjäckchen, gebrauchte
6 gebrauchte Unterhosen
8 Paar gebrauchte Strümpfchen
1 Dutzend Taschentücher, gebraucht
3 gebrauchte Nachthemden
1 Handkoffer
1 großer Koffer
Ich bin 8o Jahre alt und lebe durch die Unterstützung meines Sohnes.
Erna Schönenberg schrieb am 30. November 1941:
Liebe Gertrud,
bei uns geht die Tragödie weiter. Es ist sogar schon mehr Trauerspiel. Am 8. Dezember geht der 3. Transport weg, dieses Mal nach Riga. Abermals werden 1.000 Menschen mit so viel Habe wie sie tragen können, fortgeschickt. Sie haben es sogar etwas besser als die vorhergehenden, weil sie Matratzen mitnehmen können. Das Sparkassenbuch bleibt aber hier. Wir hatten abermals Glück und gehören nicht dazu. Aber mein Mädchen muss mit, und ihr Weinen und Klagen hilft ihr nicht.
Der Schweizer Konsul Franz-Rudolf von Weiss am 21. November 1941:
Herr Minister,
soeben habe ich eine einstündige Unterredung mit dem hiesigen Polizeipräsidenten gehabt.
Bei dieser Gelegenheit streifte ich auch die neue Praxis der deutschen Amtsstellen Juden gegenüber. Ich berührte die Frage nur nebenbei, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass ich mich für sie besonders einsetzen wollte, sondern, wie dies auch der Fall ist, dass ich ihre Einreisegesuche genauso wie die übrigen vorschriftsgemäß prüfen und erledigen würde.
Anfang Dezember wird wiederum ein Transport von 1.000 Juden nach Riga vor sich gehen, was in den betroffenen jüdischen Kreisen eine wahre Panikstimmung hervorgerufen hat, sind doch alle diese Juden davon überzeugt, dass sie ihrem Ende entgegengehen. Ich gestatte mir, Ihnen hiermit eine Anzahl Druckschriften und Zirkulare der hiesigen jüdischen Kultusvereinigung zugehen zu lassen, aus denen Sie das Nähere betreffend diesem Transport und den bereits erfolgten entnehmen werden. Wie der Einzelne neben seinen Habseligkeiten, Kleidern, Nahrungsmitteln, noch Bettzeug, Öfen, Spaten, Werkzeuge zum Bauen von Baracken mitnehmen soll, ohne die zulässige Gepäckgrenze von 25 kg zu überschreiten, ist schwer zu erraten. Eine Verfügung sagt auch, dass jeder bis zur Grenze von 25 kg nur mitnehmen kann, was ihm auch möglich ist, zu tragen. Ältere Leute, Kinder usw. müssen sich selbstverständlich mit viel weniger Gepäck begnügen. Bezeichnend ist ferner das Verbot, Messer und Gabeln mitzunehmen.
Der Kölner Helmut Lohn, geboren 1914, berichtete über die Deportation vom Bahnhof Deutz-Tief nach Theresienstadt:
Ende Mai, Anfang Juni 1942 ging der erste Transport alter Juden nach Theresienstadt. Es war dies auch wohl das Herzzerbrechendste, was man sich vorstellen konnte. Lauter alte Menschen oder Schwerkriegsbeschädigte. Kaum einer unter 70 Jahren, ein Teil über 80 und mehr. Alle diese Menschen auf ihre alten Tage noch zu verschleppen, das war wohl das Unmenschlichste. So war denn auch die Wirkung, nicht nur, dass diese Leute körperlich selbstverständlich nicht in der Lage waren, ihr Gepäck zu tragen, sondern sie waren auch seelisch völlig gebrochen. Der Bahnsteig Deutz-Tief nahm etwa 1.000 alte, verzweifelte Menschen auf, die fast alle wussten, dass sie in ihrer Heimatstadt nicht mehr ihre letzte Ruhestätte finden sollten. So fuhren sie ihrem Schicksal entgegen.
Helmut Goldschmidt, geb. 1918 in Köln, konnte Ende 1942 aus dem Zug von Köln nach Auschwitz eine Nachricht schreiben:
Meine lieben guten Eltern!
Das wird wohl die letzte Gelegenheit sein, Euch eine Nachricht zukommen zu lassen. Dass das sehr schwierig ist, könnt Ihr Euch ja denken. Ich bin jetzt 10 Tage unterwegs, in 4 Tagen werde ich wohl am Bestimmungsort sein. Je näher ich diesem Ziel komme, desto größer ist die Erkenntnis meiner Lage. Es ist mir nun, nachdem ich Tatsachenberichte gehört habe, vollkommen klar, dass meine Tage nur noch gezählt sind. Es geht um die Vernichtung und dagegen gibt es kein Mittel. Von Auschwitz ist noch niemand zurückgekommen.
Denkt nicht, dass ich den Mut und Willen verloren habe, durchzuhalten. Aber ich kenne nun meine Lage und habe mit allem abgeschlossen. Also, meine geliebten Eltern, zum Abschied noch einmal alles, alles Gute, seht zu, die kommende Zeit zusammenzuhalten. Bleibt gesund und haltet weiter zusammen. Mit der Zeit werdet Ihr Euch ja auch mit meinem Verlust abfinden und trotzdem denkt noch öfters an den Euch zum Abschied küssenden Euch stets liebenden Helmut.
Soweit nicht anders ausgewiesen: Fotos: © NS-Dokumentationszentrum Köln
