„Wo sind die Deserteure? Wo sind die Eltern, sind die Freunde, die Brüder und Schwestern dieser erschossenen Deserteure, deren Leiden man auf die Schwelle des Friedens häufte? (...) Und wo sind die Deserteure, die sich in den zerstörten Städten verbargen, in Dörfern und Wäldern, wartend auf die Alliierten, die für sie damals wirkliche Befreier waren? Haben sie Angst vor den gründlich ihnen eingeimpften Phrasen, die Fahneneid, Vaterland, Kameradschaft heißen?"
Heinrich Böll, 1953
(c): Raimond Spekking/Wikipedia (CC-by-SA-3.0)
Einleitung
Am 1. September 2009 wurde in Köln anlässlich des 70. Jahrestages des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf Polen ein Denkmal für die Opfer der NS-Militärjustiz eingeweiht. Das von dem Schweizer Ruedi Baur in Zusammenarbeit mit Denis Coueignoux, Vera Kockot und Karim Sabano geschaffene Kunstwerk ist das erste Denkmal für diese Opfergruppe, für das eine Stadt einen internationalen Wettbewerb auslobte.
Sie finden hier Informationen zu dem Projekt: von den Anfängen im Jahr 2006, den ersten Rechercheergebnissen, Ortsbesichtigungen, Denkmalsrecherchen bis hin zum Wettbewerb und der Einweihung.
Die Rechercheergebnisse haben Malle Bensch-Humbach, Elvira Högemann, Jochen Kaufmann, Gregor Lawatsch und Anne Schulz zusammengefasst. Den Bericht über die möglichen Kölner Standorte und eine Übersicht über vergleichbare Denkmale in der Bundesrepublik erstellte Karola Fings vom NS-Dokumentationszentrum. Das Logo für die Spendenkampagne entwarf Willi Hölzel.
Köln, im Oktober 2009
Vorgeschichte
Seit 1996 findet regelmäßig am 27. Januar eine Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die Opfer des NS-Regimes statt. Diese Veranstaltung geht auf die Initiative einzelner Bürgerinnen und Bürger zurück und wird heute von einem breiten Bündnis verschiedener Gruppen, Parteien und Organisationen getragen, die sich trotz unterschiedlicher politischer und weltanschaulicher Ansichten einig sind im Gedenken an die NS-Opfer.
Im Jahr 2006 standen die Opfer der NS-Militärjustiz, Kölner Deserteure, im Mittelpunkt des Gedenkens. Im Anschluss an die beeindruckende Veranstaltung entstand der Wunsch, einen Erinnerungsort für die Menschen einzurichten, die sich - in welcher Weise auch immer - dem mörderischen Krieg der Wehrmacht entzogen und dabei oft ihr Leben riskiert oder gar verloren haben. Dies schien besonders vor dem Hintergrund heutiger völkerrechtswidriger weltweiter militärischer Einsätze notwendig.
Bürgerschaftliches Engagement: Gründung einer Projektgruppe
Das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln lud daraufhin alle an der Vorbereitung des Gedenktages zum 27. Januar beteiligten Initiativen, Parteien und Einzelpersonen ein, an der Entwicklung von Vorschlägen für dieses Denkmal teilzunehmen. Aus diesem Kreis bildete sich eine dem Verein EL-DE-Haus e.V. (Förderverein des NS-Dokumentationszentrums) angeschlossene „Projektgruppe ‚Kriegsgegner/innen als Opfer der NS-Militärjustiz in Köln'". Der „harte Kern" dieser Gruppe bestand aus Malle Bensch-Humbach, Dr. Elvira Högemann, Willi Hölzel, Jochen Kaufmann und Anne Schulz. Die Projektgruppe begleitete über drei Jahre den Denkmalfindungsprozess. Sie recherchierte, organisierte Veranstaltungen und sammelte Spenden.
Beschlüsse des Rates der Stadt Köln
Ein am 28. September 2006 von der PDS-Fraktion im Kölner Stadtrat eingereichter Antrag fand die Unterstützung und SPD und Bundnis 90/Die Grünen, und so beschloss der Rat, für „Deserteure, ‚Wehrkraftzersetzer' und Kriegsdienstverweigerer der Nazi-Herrschaft" ein Denkmal zu errichten.
- - - Der Standort, so heißt es in dem Beschluss, soll sich in die bisherigen Gedenkstätten für die Opfer der Naziherrschaft eingliedern.
- - - Die Art des Denkmals soll laut Ratsbeschluss mit betroffenen Organisationen und Personen besprochen werden, wobei sowohl eine einfache Gedenktafel als auch eine anspruchsvollere künstlerische Umsetzung als möglich angesehen werden.
- - - Der Rat stellt für das Denkmal einen Betrag von 50.000 Euro zur Verfügung, appelliert aber auch dafür, zusätzlich Spenden einzuwerben.
Nach den Vorarbeiten im NS-Dokumentationszentrum, unterstützt von anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Verwaltung und dank des Engagements der „Projektgruppe" konnten in den folgenden zwei Jahren die Grundlagen für ein angemessenes Denkmal gelegt werden.
Der Rat der Stadt Köln sprach sich schließlich am 13. November 2008 mehrheitlich gegen die Stimmen von pro Köln für einen Künstlerwettbewerb aus, um an einem zentralen Standort - dem Appellhofplatz - ein angemessenes Denkmal zu errichten. Er beschloss zugleich, die Mittel für das Denkmal von 50.000 auf 80.000 zu erhöhen, wovon 10.000 Euro durch Spenden aufzubringen waren.
Am 24. April 2009 konnte bereits die Jury tagen. Der Rat folgte am 30. Juni 2009 der Realisierungsempfehlung der Jury.
Soweit nicht anders ausgewiesen: Fotos: © NS-Dokumentationszentrum Köln
