Erfahrungsbericht der Schülerinnen und Schüler des Grundkurses Geschichte 13 des Goethe-Gymnasiums Ibbenbüren zur Exkursion zum NS-Dokumentationszentrum Köln am 12.11.2010
Am 12.11.2010 hatten wir, als 13-er Geschichtsgrundkurs des Goethe-Gymnasiums, die Chance mit unserer Fachlehrerin Frau Dr. Schilling und Herrn Deibert, der uns dieses Erlebnis ermöglichte, das NS-Dokumentationszentrum in Köln zu besuchen, das sich im „EL-DE-Haus" nicht weit vom Kölner Hauptbahnhof befindet. In eben diesem Gebäude befand sich ein Gestapo-Gefängnis, wodurch das Haus selbst ein beeindruckendes Stück Geschichte darstellt.
Im Zuge der Vorbereitung für diesen Ausflug bildete unser Kurs, bestehend aus 16 Schülern und Schülerinnen, folgende Themenschwerpunktgruppen: „Im Krieg", „Zwangsarbeit", „Jugend" und „Jüdisches Schicksal". Jede Gruppe konnte sich dabei individuell nach ihren Interessen für eines der Themen entscheiden, die wir mit Hilfe der Internetseite festgelegt hatten.
Die Gruppe „Im Krieg" hat dieses Thema gewählt, da es allgemein gehalten ist und nicht in eine spezielle Richtung verläuft. Zudem zeigt dieses Thema viele verschiedene Facetten auf. Des Weiteren war Köln vom Zweiten Weltkrieg stark betroffen, weil es durch Luftangriffe weitgehend zerstört wurde, wodurch sich das Thema sehr gut als Schwerpunkt eignete.
Die Schülerinnen und Schüler der Gruppe „Jugend" entschieden sich für diesen Themenbereich, da es einstimmig als interessantestes Thema empfunden wurde. Das Wissen hierzu war, im Gegensatz zu manch anderen Themen, noch nicht so ausgeprägt und das Recherchieren brachte somit interessante und vor allem neue Erkenntnisse. Ein besonderer Aspekt dieses Themenbereichs ist, dass wir als Kursteilnehmer etwa derselben Altersgruppe angehören wie die Jugendlichen im Nationalsozialismus. Dementsprechend fällt es möglicherweise leichter, sich in dieses Thema hineinzuversetzen und Interesse aufzubringen.
Den Aspekt des Neuen reizte auch die Gruppe „Zwangsarbeit", dieses Thema näher zu betrachten, da oftmals, wie später auch von der dortigen Mitarbeiterin bestätigt, das Schicksal dieser Opfer außer Acht gelassen wird.
Eine weitere Gruppe, die sich mit dem „jüdischen Schicksal" beschäftigte, empfand gerade dieses Thema als passend für sich, da sich die Arbeitsgemeinschaft dadurch ein Bild davon verschaffen wollte, wie sich der Antisemitismus nicht nur allgemein in Deutschland, sondern innerhalb einer einzelnen Stadt - in diesem Fall Köln - entwickelte. Des Weiteren hoffte die Gruppe darauf, durch die Darstellung von Einzelschicksalen einiger Juden aus Köln einen besseren Einblick in die Rolle der Opfer des Nationalsozialismus erlangen zu können.
Im Anschluss bereitete sich jede Gruppe vor, indem sie einen Kurzvortrag für den Unterricht (Thema im Allgemeinen), für den Besuch vor Ort (Thema im Speziellen), und eine Leitfrage formulierte.
Nach einer Zugfahrt von Ibbenbüren nach Köln erreichten wir um 12 Uhr das Dokumentationszentrum, wo uns bereits eine Mitarbeiterin erwartete, die unsere Führung leiten sollte. Bedauerlicherweise hatte die uns zugeteilte Mitarbeiterin nur eine gute Stunde Zeit für uns, wodurch es sich als schwierig erwies, in diesem zeitlichen Rahmen alle Vorträge, Informationen und Fragen zu hören. Auch wenn wir uns über mehr Zeit gefreut hätten, schaffte es jede Gruppe eine Antwort auf ihre Leitfrage zu finden.
So konnte die Gruppe „Im Krieg" ihre Leitfrage, inwiefern die Situation in Köln im Nationalsozialismus repräsentativ für Deutschland war, folgenderweise beantworten: Köln ist exemplarisch für den Nationalsozialismus in ganz Deutschland besonders in großen Städten. Auch in Köln kontrollierte das Nazi-Regime die Bevölkerung, indem es Vereine, Gruppierungen etc., die nicht von NSDAP-Mitgliedern geleitet wurden, verbot. Außerdem unterstützten viele Bewohner von Köln, wie auch in anderen Städten, das Nazi-Regime, sodass der Machtapparat gesichert war. Sie sendeten der Gestapo Briefe, in denen sie ihre Nachbarn in einer Strafsache verdächtigten, woraufhin diese Verdächtige im Gefängnis inhaftiert und befragt wurden. Jedoch wies der Wahlkreis Köln-Aachen auch Unterschiede zu anderen Städten auf. Bei den Reichstagswahlen am 05.03.1933 wählten 35,9% Zentrum und nur 30% NSDAP. In vielen anderen Wahlkreisen hatte die NSDAP eine deutlichere Mehrheit, wie z.B. mit 47,2% in Thüringen. Köln-Aachen war einer der zwei Wahlkreise, wo die NSDAP 1933 die Reichstagswahlen nicht gewann, sondern die Zentrumspartei, da in Köln viele Katholiken waren.
In der Vorbereitung entschied sich die Gruppe „Jugend", das EL-DE-Haus unter folgender Leitfrage zu besichtigen: „Wie änderte sich die Einstellung der Kölner Bevölkerung gegenüber den Nationalsozialisten vor, während, und nach dem Krieg?" Rückblickend kamen sie zur Erkenntnis, dass es nicht nur während des Krieges Widerstand gegen die Nationalsozialisten gab, sondern schon zuvor, wie z.B. die alternative Jugend. Allerdings war der Großteil der Bevölkerung Anhänger des Regimes. Dies änderte sich bei einigen Menschen auch nach dem Krieg nicht. Dazu gab es exemplarisch ein Interview einer Zeitzeugin im Themenbereich „Jugend", wo dies besonders deutlich wurde.
Unter Berücksichtigung der Leitfrage, inwieweit man sich nach Besuch der Gedenkstätte ein besseres Bild davon machen kann, unter welchen Bedingungen die Zwangsarbeiter im EL-De-Haus leben mussten, fand die Gruppe „Zwangsarbeit" zu diesem Thema folgende Antwort:
Im EL-DE-Haus kann der Besucher sich sowohl über das Leben der Zwangsarbeiter informieren, als auch einen genauen Einblick in die noch gut erhalten gebliebenen Gefängnisse bekommen, in denen die Zwangsarbeiter unter unmenschlichen Bedingungen hausen mussten. So saßen bis zu 30 Personen gleichzeitig in einer Zelle, in der sie teilweise Jahre ausharren mussten. Es gab weder Betten noch Sanitäranlagen in den Zellen, einzig ein Eimer und eine Decke wurden gegebenenfalls zur Verfügung gestellt. Geschlafen wurde auf dem Boden sitzend, den Kopf auf die Schulter des Vordermanns gelegt. Trotz der Enge und gezwungenen Intimität der Gefangenen kannten sie sich untereinander kaum, das lag vor allem auch an der Sprachbarriere. Viele Gefangenen kamen aus Polen, der Ukraine oder Russland und sprachen kein Wort Deutsch. Morgens durften sich die Gefangenen unseren Informationen zufolge waschen, jedoch bekamen sie keine Kleidung zum wechseln und sie bekamen dreimal täglich etwas zu essen - meistens Suppe und Brot, manchmal auch ein kleines „Festessen": Nudeln. Einige Inschriften in den Gefängnissen verdeutlichten noch einmal die katastrophalen Verhältnisse und schlimmen Schicksale der Gefangen
Die Gruppe „Jüdisches Schicksal" konnte des Weiteren auch ihre offenen Fragen beantworten und durch zahlreiche Einzelschicksale besser verstehen, welche Rolle die Opfer des Nationalsozialismus in Köln spielten - wie etwa mit einem Foto des jüdischen Photogeschäfts Brenner, das Rafael Brenner zunächst noch als Besitzer seines angesehenen Geschäfts im Hintergrund zeigt und direkt daneben eine Annonce, die nur wenige Jahre nach dem Foto veröffentlicht wurde und die Arisierung dieses Geschäftes zeigt. Insgesamt lässt sich festhalten, dass das NS-Dokumentations-zentrum mit der Art und Weise der Ausstellung im Bereich „Jüdisches Schicksal" nicht nur einfache Fakten aufzeigt, sondern der Gruppe auch sehr intensiv - anders als viele Geschichtsbücher - bewusst gemacht hat, wie real der Antisemitismus und der Judenhass waren, da sie direkt in diesem Haus oder nur ein paar Straßen weiter stattgefunden haben. Dieses Bewusstsein stärkte das Interesse, durch den Besuch des ehemaligen Gestapo-Gefängnisses eine Antwort auf die Leitfrage zu finden, inwieweit die Aktivitäten der Gestapo von den im Umfeld lebenden Menschen wahrgenommen wurden und wie sie darauf reagiert haben. Schon als die Gruppe das EL-DE-Haus zum ersten Mal gesehen hat, stand fest, dass die grausamen Taten nicht alle geheim durchgeführt werden konnten: Das Haus steht mitten in der Stadt, einige hundert Meter vom Dom entfernt und der Hinterhof, in dem damals viele Menschen hingerichtet wurden, war auch damals schon von mehreren Häusern eingeschlossen. So erfuhr man später, dass es für manche Nachbarn theoretisch möglich war, gegen Ende des Krieges aus dem Fenster Hinrichtungen zu beobachten. Für die Gruppe, die sich intensiv mit dem Thema „Jüdisches Schicksal" auseinandergesetzt hatte, war es außerdem noch von Bedeutung, in Erfahrung zu bringen, wie die Bevölkerung in Köln auf den Antisemitismus und die daraus folgenden Arisierungen reagiert hat. Auch wenn dieses Thema nicht als Schwerpunkt im NS-Dokumentationszentrum gilt, konnten uns Ausstellung und Zusatzerklärungen eine Antwort liefern. Viele Kölner Einwohner ließen die Aktivitäten der Nationalsozialisten nicht nur weitgehend widerstandslos geschehen, sie unterstützten den Boykott und die anschließende Arisierung der jüdischen Geschäfte darüber hinaus auch noch.
Die zentrale Lage des ehemaligen Gefängnisses hatte außerdem noch einen anderen Effekt. Die vorbeigehenden Menschen konnten zwar nicht sehen, in welch erschreckendem Zustand die Gefangenen im Keller lebten, doch drang der Geruch der hygienischen Bedingungen durch die kleinen Kellerfenster bis auf die Straße. So erklärte die Frau, die die Lerngruppe durch die Ausstellung führte, dass viele Beschwerden über den unangenehmen Geruch bei der Geheimen Staatspolizei eingegangen seien. Dass die Menschen in dieser Weise auf den „Gestank" reagierten, machte der Gruppe deutlich, dass das Gestapo-Gefängnis für viele Menschen einfach zum Alltag gehörte.
Im Anschluss an unsere kurze Führung hatten wir dann eine kurze Pause, in der wir erste Eindrücke sammelten. Es war leicht zu erkennen, dass jedem von uns das Thema nahe ging und ein jeder von uns sehr beeindruckt war von der Authentizität des Ortes. So äußerte eine Person zum Beispiel, wie erschreckend es sei, dass bis heute viele Beteiligte, ob nun Opfer oder Täter, nicht über das Gewesene und das Erlebte sprechen können bzw. sich kritisch damit auseinandersetzen können. Besonders erschreckend empfanden auch einige Mitschüler den Anblick des ehemaligen Hinrichtungsplatzes, der zentral gelegen für viele Nachbarn zugängig und sichtbar gewesen sei. Ein Teilnehmer der Gruppe äußerte - überspitzt, aber sehr treffend dargestellt -, dass man „beim Bügeln den Hinrichtungen im Hof zugucken konnte." Darüber hinaus spürten wir alle ein sehr bedrückendes Gefühl in den originalen Gefängnissen im Keller. Die vielen Kritzeleien, die der Gestapo unverständlicherweise egal waren, gingen uns dabei besonders nah, da sie sehr deutlich zeigen, was für eine Folter die Haft gewesen sein muss.
Insgesamt lässt sich sagen, dass NS-Dokumentationszentren wie das EL-DE-Haus in Köln für die Gegenwart von ungeheurer Wichtigkeit sind, da sie uns Menschen daran erinnern sollen, was für schlimme Verbrechen an Menschen in der NS-Zeit verübt wurden, sodass so etwas Schreckliches nicht noch einmal zugelassen wird. Zudem sollen uns NS-Gedenkstätten dazu bewegen, unsere Politik so zu bestimmen, dass so etwas nie wieder passiert.
Alles in allem konnten wir mit vielen neuen Erkenntnissen unseren Weg nach Hause antreten und können dankbar sein, dass wir eine solche Möglichkeit hatten, um über den Schulstoff hinaus Fragen zu beantworten.
Der Grundkurs Geschichte 13 (Ge-GK2) des Goethe-Gymnasiums Ibbenbüren
Das NS-Dokumentationszentrum ist vielfältig aktiv. Das gilt für unterschiedliche Themen und Zielgruppen, für differierende Bearbeitungsarten und Präsentationsformen, für verschiedene Medien und Kunstformen und vieles mehr.
Hier bieten wir Ihnen einen Überblick über diese vielfältigen Projekte.
Soweit nicht anders ausgewiesen: Fotos: © NS-Dokumentationszentrum Köln
