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Klassisches im Ernst

Bild der 36. Woche - 8. bis 15. September 2003

Max Ernst - Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen: André Breton, Paul Éluard und dem Maler, 1926, © VG Bild-Kunst, Bonn 1998
Die Unterzeichnung zeigt wie bei Michelangelo eine nach unten abgewinkelte Hand
Computersimulation einer Collage zum Gemälde von Max Ernst
Computersimulation einer Collage zum Gemälde von Max Ernst
Jacopo Tintoretto, Ariadne, Venus und Bacchus

Auch vor den Geisteswissenschaften macht der Fortschritt der Technik nicht halt. Kunsthistorische Erkenntnisse zu dem Gemälde Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen von Max Ernst konnten so mit Hilfe der Bildverarbeitung im Computer überprüft und sichtbar gemacht werden. Kunsthistorische Erkenntnisse Die Collage, d. h. das Zusammenstellen von Drucken oder Photographien zu neuen Werken mit eigener Aussage, läßt sich im Schaffen von Max Ernst häufig finden. Bei der näheren Betrachtung des oben genannten Gemäldes stieß einer der Autoren (Krischel) auf die verblüffende Ähnlichkeit der Hauptfiguren mit Vorbildern aus Gemälden von Michelangelo und Tintoretto. Die Figur der Maria besitzt eine fast identische Haltung wie eine der Rahmenfiguren von Michelangelo aus dem Deckenfresko der Sixtinischen Kapelle in Rom (Bild Michelangelo.gif). Der Jesusknabe entspricht - wenn auch gespiegelt - der Venus aus einem Gemälde Tintorettos im Dogenpalast in Venedig (Bild Tintoretto.gif). Die Möglichkeiten der digitalen Bildverarbeitung sollten diese Vermutung belegen helfen. Erkenntnisse durch Bildverarbeitung Ist das Bild eines Kunstwerks mit Hilfe der Digitalisierung in einem Computer verfügbar ("eingescannt"), so ist prinzipiell jede Art von Manipulation möglich. Vor allem die populären Bildbearbeitungsprogramme haben Funktionen, mit denen man digitale Bilder jeder Art verformen, farblich verändern oder übermalen kann. Vieles ist hier denkbar - aber nur weniges zumindest im Bereich der Kunst bzw. Kunstgeschichte sinnvoll. Eine besondere Technik der digitalen Bildbearbeitung kam der Untersuchung des Werkes von Max Ernst entgegen: die Möglichkeit, verschiedene Bilder in Ebenen übereinander zu legen und je nach Bedürfnis transparent zu machen. Da man digitale Reproduktionen auch in ihrer Größe verändern, "skalieren" kann, konnte die These, daß dem Gemälde von Max Ernst eine Art Collage von Michelangelo- und Tintoretto-Motiven zugrunde liegt, sichtbar gemacht und so überprüft werden. Neue Erkenntnisse Bei der Untersuchung im Computer wurden nicht nur die im Bild sichtbaren Formen berücksichtigt, sondern auch die im Infrarotlicht unter der Ölfarbe nachweisbare Vorzeichnung und die Korrekturen, welche Max Ernst an seiner ursprünglichen Vorzeichnung vornahm. Die Übereinstimmung zwischen der Linienführung im Bild und derjenigen in den italienischen Vorlagen war so groß, daß die These als nachgewiesen gelten kann und man die begründete Vermutung äußern darf, daß Max Ernst selbst sein Gemälde mit Hilfe von durchgepausten Abbildungen der italienischen Gemälde zusammengebaut hat.

R. Krischel