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Marienbilder

Bild der 11. Woche - 13. bis 19. März 2006

Links: Max Ernst, Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen, 1926. Öl auf Leinwand, 196 x 130 cm. Köln, Museum Ludwig, Inv. Nr. 10056. Rechts: Julius Schnorr von Carolsfeld, Maria mit dem Kind, 1820. Öl auf Leinwand, 74 x 62 cm. Köln, Wallraf-Richartz-Museum –Fondation Corboud, Inv. Nr. WRM 1112

Anläßlich des Jubliäums 2006 – 30 Jahre Museum Ludwig, 20 Jahre Neubau am Rhein, 5 Jahre Neubau am Rathausplatz – entleihen die beiden Museen (Wallraf-Richartz-Museum – Fondation Corboud und Museum Ludwig) für eine Dauer von jeweils drei Monaten vier Mal Hauptwerke ihrer Sammlugen, um diese gegenüberzustellen (s. BdW 03/2006). Es werden neue unerwartete Blicke möglich. Bis zum 26. 03. 2006 treffen so ein Gemälde von Schnorr von Carolsfeld und ein Werk von Max Ernst (im Museum Ludwig) aufeinander. Nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs machten insbesondere Intellektuelle, Künstler und Schriftsteller die Säulen der alten Gesellschaftsordnung – Monarchie und Kirche – für das grauenhafte Desaster verantwortlich und äußerten sich, zumeist satirisch, in Kunstwerken und Schriften antiklerikal. Auch die Künstlergruppe der Dadaisten - 1916 im neutralen Zürich durch Kriegsflüchtlinge wie Hans Arp gegründet, nach Kriegsende 1918 durch Dada- Max (Ernst) in Köln und durch Tristan Tzara, Paul Éluard und André Breton in Paris weitere Anhänger gewinnend und sich ab 1924 unter Bretons Führerschaft zum Surrealismus bekennend – zeigte in ihren Reihen mehr oder minder kirchenkritisch ausgeprägte Tendenzen. Max Ernst, der seit 1922 zu der Pariser Dadaistengruppe gehört, wovon im Museum Ludwig sein Bild „Au rendezvous des amis“ zeugt, nimmt diese Ideologie einiger seiner Künstlerkollegen gelassener. Man erkennt dieses in jener, der „pittura metafisica“ Giorgio de Chriricos formal nahe kommenden religiösen Szene von 1926, die zwar die traditionelle christliche Ikonografie, wie sie in Deutschland die Romantiker verherrlichten, aufs Korn nimmt, die aber trotz ihrer humorvollen Heiterkeit seinerzeit von Dogmatikern der „anderen Seite“ unnötig ernst genommen wurde (s. hierzu auch BdW 36/2003) . Beobachtet nämlich Max Ernst in seinem Bilde von 1926, „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind“ mit zwei weiteren „Zeugen“: André Breton und Paul Éluard, die pädagogische Handlung einer raffaelischen Madonna mit dadaistischer Ironie, so ahmte der „nazarenisch“ orientierte Julius Schnorr von Carolsfeld hundert Jahre vorher, 1820, die Madonnen der italienischen Renaissance in romantischreligiöser Verklärung nach. Strebten die Nazarener durch Rückorientierung an das Mittelalter und an die Raffael- und Dürerzeit eine Erneuerung der deutschen Kunst und darüber hinaus indirekt eine Art Renaissance der (präprotestantischen) christlichen Religion und schwärmerische Erstarkung des Kaisertums an, so will die Kunst des Dadaismus und Surrealismus, zumindest in ihren frühen polemischen Tagen, diese gesellschaftlichen Komponenten gerade schwächen. Dieser weltanschauliche Unterschied spiegelt sich sehr deutlich in dem von beiden Künstlern gewählten populären Sujet einer Madonna. Hier ergreift die Gottesmutter wirklichkeitsbezogene erzieherische Maßnahmen, dort erscheint sie dem Gläubigen in einem Fenster als anbetungswürdiges Sinnbild liebreizender Mutterliebe. Dem Kontrast gemeinsam ist der Dialog mit der vereinenden Kunstgeschichte.

G. Kolberg