MIR IST SCHLECHT

 

Ich ziehe das Bild samt Rahmen aus dem Regal der artothek und finde es sofort richtig stark. Figürlich, morbide, eine Prise unterschwelliger Humor und dazu noch eine Radierung – alles ganz nach meinem Geschmack. Endlich mal nicht das ewige Einerlei von hipper Abstraktion, die jede wichtige Kunstmesse dekoriert und dominiert. Einen Haken gibt es allerdings: Georg Baselitz steckt dahinter. Eine meiner zahlreichen Hasslieben. Ohne Frage ein genialer Maler, wäre da nicht das nervige Altherrengeschwätz von „Malweibern“ und „Frauen, die ohnehin nicht so gut malen“ können. Als Beweis dient der Kunstmarkt, der lügt schließlich nicht. Ha, ganz sicher nicht. Das schwingt bei der Bildbetrachtung mit. Aber hier geht es doch schließlich um die Arbeit?

Dies möchte nun meine Aufmerksamkeit und berührt mich.

KunsthistorikerInnen würden dieses Werk wahrscheinlich als expressiv oder surreal beschreiben und vielleicht auf das Spannungsverhältnis zwischen abstrakter Darstellungsweise und zeichenhaft figürlicher Komposition verweisen.

Ich dagegen werde unverzüglich durch die ungewöhnliche Betrachterperspektive in den Bildraum reingesogen. Mit kraftvollen und instinkthaft sicheren Strichen sammeln sich diese teils doch recht amorphen Kerlchen um mich herum. Von oben werde ich abgeschätzt, belächelt und unterziehe mich aufschauend ihrem Urteil.

Je länger sie neben meinem Schlafplatz verweilen, desto verstörender, beengender und intimer wird unsere Beziehung. Unweigerlich kommen Assoziationen zu Grosz und Goya hoch. Deformiert und grobschlächtig versuchen sie ein Schlupfloch zu erspähen. Schrecken und Grauen dargestellt zwischen Strichen, heftigem Gekritzel und Ätzung. Alle kunsthistorischen Referenzen sind mir schnuppe und inzwischen finde ich auch keinen humorvollen Unterton mehr.

Nun schaffen es die Köpfe, dass jeder Morgen in Frage gestellt wird.

Mir ist schlecht.

Das Bild dazu finden Sie unter

https://artothek.kulturelles-erbe-koeln.de/documents/obj/40000110