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Radclubs "Jumbo" und "Wambo"

Die Vorfälle um die - nach Angaben der Hitlerjugend - als Radclubs "Jumbo" und "Wambo" getarnten illegalen „Navajo“-Gruppen sind ein deutlicher Beleg dafür, wie seitens der HJ versucht wird, unliebsame Konkurrenz für die eigene Organisation durch Anschuldigungen und das Heraufbeschwören vorgeblicher staatsfeindlicher, bündischer und/oder unsittlicher Handlungen auszuschalten.

Am 31. August 1936 erstattet der Ortsgruppenleiter der NSDAP-Ortsgruppe Köln-Zollstock, Josef K., Anzeige gegen Heinrich S. wegen des "Verdachts staatsfeindlicher Umtriebe": "In den letzten Tagen ist mir [...] mitgeteilt worden, dass die Vgg. S., Köln-Zollstock, Vorgebirgstr., und H., Köln-Zollstock, Herthastr., Listen über Mitglieder der Navajos (Radfahrklubs Jumbo und Wambo) verfügen sollen. Es besteht Gefahr, dass diese Listen dem Zugriff der Polizei bis morgen entzogen werden." Der Kriminal-Sekretär Th. erhofft sich von einer Durchsuchung "Aufschluss über die nächsten Unternehmungen der Javagos gegen die HJ". Am selben Abend findet eine Hausdurchsuchung bei Heinrich S. und Mathias H. statt, bei der jedoch nichts gefunden wird. Die Durchsuchung führen die Revier-Oberwachtmeister K. und Sch. und der Kriminal-Sekretär M. durch.

Seit 1934/35 macht Heinrich S. zusammen mit seiner Ehefrau, seinen beiden Kindern im Alter von 15 und 16 Jahren und Jungen und Mädchen aus der Nachbarschaft Radausflüge. Zum Teil gehören die Jugendlichen der HJ und dem BDM an. 1936 führt S. die Radtouren fort. In der Regel nehmen daran 10 bis 20 Personen teil. Bei Abfahrt und Ankunft des Clubs wird laut "Jumbo Heil" gerufen. Ein vereinsmäßiger Charakter entstand durch einen monatlichen Beitrag von 40 Pfennig, womit einmal im Jahr ein größerer Ausflug finanziert werden soll. Einige Male zelten die Jugendlichen gemeinsam. Dabei werden sie von dem Ehepaar S. beaufsichtigt. Die Jugendlichen tragen bei ihren Touren teilweise Kluft, unter anderem karierte Hemden, die die Polizei als "Navajohemden" bezeichnet. Nachdem der HJ-Streifendienst dies beanstandet hat, verbot S. den Jugendlichen das Tragen solcher Hemden.

S. ist bis Juni 1936 Mitglied der HJ gewesen, dann aber ausgeschlossen worden. Es scheint zu Unstimmigkeiten gekommen zu sein, da die HJ maßgeblich an den Beschuldigungen gegen S. und den Radfahrclub beteiligt ist. Sie unterstellt den Unternehmungen des Radfahrclubs "Jumbo" einen "erotischen Unterton" und S. "Hetze und Zersetzungstätigkeit" innerhalb der HJ. Ein solches Verhalten sei als "typisch marxistisch anzusehen". Auf den Vorwurf, es seien unsittliche Fotografien gemacht worden, gesteht das "Jumbo"-Mitglied L. im Gestapo-Verhör: "Wir Jungens [sind] einmal von S. in einem gebückten Zustande mit hochgezogenen Hemde von hinten photographiert worden [...]. Ich möchte mich dahin berichtigen, dass die Aufnahme von Heinz S. jr. gemacht worden ist. Das bestreitet Heinrich S. jedoch vehement.

Im Zusammenhang mit S. stünden auch so genannte 5er Gruppen, die aus fünf Jungen bestünden, von denen immer einer der Anführer sei. Diese Gruppen werden nicht genauer beschrieben, es wird lediglich betont, dass die Jungen keine Mitglieder der HJ seien. Es sei darüber hinaus Ziel von S., der HJ Mitglieder abzuwerben. Die HJ reicht mehrere Berichte ein, die S. und die Jugendlichen beschuldigen. Unter anderem sollen sie HJ-Mitglieder beschimpft haben und die Absicht haben, den HJ-Streifendienst zu stören.

Die HJ sieht in diesem Radclub einen Konkurrenzverein und zudem in S. einen persönlichen Rivalen. Aus den Akten wird deutlich, dass die HJ S. vorwirft, ihr Mitglieder abzuwerben: "S. gründete nun unter dem Namen "Jumbo" [...] einen wilden und illegalen Radfahrklub und verstand zu veranlassen, dass der größte Teil der ihm anvertraut gewesenen Spielschar der HJ diesem Klub beitrat. Es kann unter keinen Umständen geduldet werden, dass S. [...] tatsächlich veranlasst aus der HJ auszutreten und die er dann in seinen Klub lockt." Aus den Berichten der HJ, die schon seit Sommer 1936 erstellt wurden, geht hervor, dass sie die Treffen des Radclubs "Jumbo" beobachtet hat. In diesen Berichten werden schwere Beschuldigungen angebracht wie etwa Beleidigungen und Gewaltandrohungen gegen die HJ, aber auch sexuelle Anschuldigungen: "S. hatte gebadet, als er aus dem Wasser kam setzte er sich zwischen die Jungens und Mädels, zog seine Schwimmhose aus und befand sich im völlig entblößtem Zustande." Bei ihren Radtouren hätten die Jungen und Mädchen zusammen übernachtet und ohne Kleider gebadet. Zusätzlich sollte S. auch politische Äußerungen gemacht haben wie etwa: "Ich habe mich früher dem Stahlhelm verschworen und später der SPD und davon werde ich nicht abgehen." Ein Nachbar namens Hermann M. weiß von den angeblichen Treffen des "Jumbo" zu berichten: "Vor jeder Tour fand in der Wohnung des S. eine Zusammenkunft statt und ich habe beobachtet, dass innerhalb einer Stunde ein Hitler-Junge 7 bis 8 mal in der Gastwirtschaft Zigaretten holte. Die Unterhaltung in der Wohnung des S. war mehr als lebhaft." S. habe anonyme Briefe geschrieben und sei auch gegen einen HJ-Führer tätlich geworden. S. meint dazu: "Mit dem Zeugen M. lebe ich in einem großen Streit und dieser hat seine Angaben nur aus Gehässigkeit gegen mich gemacht." Er legt überdies Beschwerde über Mitglieder der Zollstocker HJ an den Reichsjugendführer Baldur von Schirach ein.

Der Radclub "Wambo" oder "Wampo", der von der HJ öfters als zweiter Verein angeführt wird, besteht offensichtlich nur aus Mathias H., seinem Bruder Hans H. und einigen anderen Jugendlichen, unter anderem aus Nippes und Ehrenfeld. Die Brüder H. waren ursprünglich Mitglieder von "Jumbo", hatten diesen aber wegen Streitigkeiten mit S. verlassen oder waren ausgeschlossen worden. Laut Angabe der HJ treffen sich die Brüder H. am 31. August 1936 mit Jugendlichen des Radclubs "Jumbo" und Jugendlichen von der Gruppe "An der Eiche".

Eine Beobachtung der Wohnung des S. durch die Gestapo im September 1936 zeigt, dass hinter den Vorwürfen gegen "Jumbo" vornehmlich persönliche Auseinandersetzungen innerhalb der Zollstocker HJ stehen. Der Gestapo-Beamte kann nichts Außergewöhnliches feststellen: "Es wurde festgestellt, dass an den verschiedenen Tagen des Abends in der Nähe der Wohnung des S. junge Burschen mit und ohne Fahrräder zusammenstanden, sich kurze Zeit unterhielten und sich mit dem "Deutschen Gruss" verabschiedeten. [...] Die Jungens trugen stets Zivil und war ihr Auftreten keinesfalls zu beanstanden."

Ein Zeuge, der HJ-Gefolgschaftsführer der Nachrichtengefolgschaft Hubert B. entlastet S. mit seiner Aussage ebenfalls: "S. [hat] sich sehr für die Belange der H.J. in Köln-Zollstock eingesetzt [...]. Ich glaube sagen zu können, dass S. politisch einwandfrei ist. [...] Ich halte es für ausgeschlossen, dass S. einen Klub mit marxistischen Gedankengängen aufzieht, auch nicht eine kath. Jugendorganisation, da derselbe dissitent ist. Auch glaube ich nicht annehmen zu können, dass er einen getarnten "Nerotherbund" aufbauen will [...]. Auf Vorhalt erkläre ich, dass ich S. nicht zutraue, dass er Angehörige aus der H.J. dazu bewegt, zu Gehorsamverweigerung bzw. zum Austritt."

Im September 1936 stellt die Oberstaatsanwaltschaft das Verfahren ein: "Nach dem Ergebnis der Ermittlungen kann den Beschuldigten, insbesondere dem Beschuldigten Heinrich S., eine strafbare Handlung nicht nachgewiesen werden. Es haben sich keinerlei Anhaltspunkte dafür erbringen lassen, dass der Beschuldigte S. in der Hitlerjugend zersetzend gewirkt habe. Es trifft zwar zu, dass S. längere Zeit hindurch mit mehreren Jungen und Mädchen Radausflüge gemacht habe. Es hat sich aber nicht feststellen lassen, dass er die Absicht habe, eine verbotene Jugendorganisation zu gründen." Die Ausflüge seien auch nicht "zum Zwecke der Annäherung der Geschlechter vorgenommen" worden. Während die Polizei einen Verstoß gegen das "Verbot gemeinschaftlichen Wandern u. Zelten von Jugendlichen beiderlei Geschlechts" sieht, kann der Oberstaatsanwalt dieses Vergehen nicht feststellen.

S. wird aufgefordert, die Wanderungen mit HJ-Angehörigen in Zukunft zu unterlassen. Eine Verwarnung wird nicht erteilt.


Im Zuge der Ermittlungen gegen den Radklub "Jumbo" erstellt HJ-Scharführer Karl Sch. am 31. August 1936 einen Bericht über eine Zusammenkunft von Jugendlichen. Darunter befinden sich Heinrich S., Anführer des Radklubs "Jumbo" und einige Mitglieder dieses Klubs. Sie tragen weiße und bunte Hemden, schwarze kurze Hosen mit Reißverschlüssen und weiße Socken mit Pommeln.

Zu einer anderen Gruppe von etwa 30 Jugendlichen gehört Mathias H. und sein Bruder Hans H., die angeblich den Radklub "Wambo" gegründet hätten. Sie tragen ebenso Kluft. Auch Jugendliche von der Gruppe "An der Eiche" befinden sich darunter. Mathias H. wurde von der HJ als "der Kopf der ganzen unsauberen Gesellschaft" bezeichnet.

Die Zusammenkunft beschreibt die HJ folgendermaßen: "Das Benehmen dieser Kerle spottet jeder Beschreibung. Auf dem Schützenplatz wurden Ringkämpfe aufgeführt, an denen besonders Hans H. beteiligt war. Als Mathias H. sich beobachtet fühlte, unterband er die Sache sofort."



 

4. August 1936: Gestapo berichtet von Überfällen auf HJ-Angehörige
31. August 1936: Ermittlungen gegen die Radclubs "Jumbo" und "Wambo" aus Zollstock

Personen
Heinrich S.
Margarete D.
Josef G.
Matthias H.
Franz K.
Josefine K.
Jakob L.
Peter R.
Hans V.
Josef V.

Topografie
Treffpunkt: Köln, Vorgebirgsstraße 136

Lexikon
Hitlerjugend (HJ)
Nerother Wandervogel
Schirach, Baldur von
Stahlhelm
Bund Deutscher Mädel (BDM)
HJ-Streifendienst (SRD)
Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP)
Navajo
Spielscharen (HJ)