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Großes Navajo-Treffen auf Kirmes in Rösrath

Kölner "Navajos" um 1937

Am 4. September 1937 teilt der Bannführer Schnütgen von der HJ-Gebietsführung Mittelrhein der Gestapo telefonisch mit, "daß er zuverlässig in Erfahrung gebracht habe, daß am Sonntag, den 5. September, etwa 100 Navajos nach Rösrath zu dem dortselbst stattfindenden Schützenfest (Kirmes) fahren würden". Da hierbei mit Konflikten mit HJ-Streifen gerechnet werde, hätten die Jugendlichen vereinbart, "sich mit Messern zu versehen". Nach den Angaben, die dem Bannführer zugegangen waren, sollen sich an diesem Treffen insbesondere die Navajo-Gruppen vom Appellhofplatz, vom Apostelnkloster und vom Heumarkt beteiligen.

Derartig alarmiert setzt sich der bei der Kölner Gestapo in Fragen "bündischer Umtriebe" stark engagierte Beamte Sch. mit einem V-Mann der Gestapo in Verbindung, "der in den Kreisen der sogenannten Navajos verkehrt". Von dessen Seite wird die Meldung bestätigt und dahingehend präzisiert, "daß ein gewisser 'Sepp' (35-40 Jahre alt), der Mitglied der NSDAP sei, am Freitag, den 3.9.37, mit dem Fahrrade die einzelnen als Treffpunkte der Navajos bekannten Straßenecken in Köln abgefahren sei und zur Fahrt nach Rösrath aufgefordert habe". Auch der V-Mann, so Sch. in seinem Bericht vom 6. September 1937, habe betont, "daß mit Zusammenstößen mit der HJ zu rechnen sei, daher Fahrtenmesser mitgeführt werden sollten".

"Um das Treiben der Navajos dort zu beobachten", vereinbart der Gestapobeamte für den 5. September eine gemeinsame "unauffällige" Fahrradtour mit dem V-Mann nach Rösrath und Overath. Schon auf der Fahrt dorthin, so schildert Sch. seine Eindrücke, seien ihnen "zahlreiche Kolonnen dieser buntbehemdeten Jugendlichen" begegnet, worunter sich aus Navajos aus Düsseldorf befunden hätten. Außerdem seien in diesen Kolonnen, die eine Stärke von bis zu zehn Personen nie überschritten hätten, auch zahlreiche Mädchen gewesen. "Die weiblichen Teilnehmer waren in einigen Fällen mit Kleidern gleicher Art wie die männlichen versehen, und zwar buntkarrierte Blusen und Überjacken, schwarze enganliegende Manchesterröcke mit Reißverschluss und halbhohe Stiefel."

Insgesamt, schätzt Sch., habe er 150 bis 200 derartig gekleidete Jugendliche beobachtet, wobei bei einem Teil der Jungen "aus einem seitlichen Hosenschlitz das Fahrtenmesser" herausgeragt habe. "Fast alle Gruppen waren miteinander bekannt, was aus den gegenseitigen Zurufen hervorging. Mehr wie kurze Gespräche wechselten die einzelnen sich begegnenden Gruppen jedoch nicht." Sie hätten sich zumeist mit dem Ausruf "Ahoi" gegrüßt und dabei "die Hände ähnlich wie zum Deutschen Gruß" erhoben. Selbst "Heil Hitler" habe man vereinzelt vernehmen können, wie ohnehin der gesamte Sonntag bei Weitem nicht so spektakulär verläuft, wie das nach der Vorwarnung des HJ-Bannführers zu erwarten und vom ermittelnden Gestapobeamten vielleicht auch erhofft war.

Sch. und sein V-Mann fahren offenbar das Rösrather Strandbad "Ammerländchen" an, das als beliebter Treffpunkt für Kölner Navajos gilt. Hier haben sich etwa zehn solcher Kleingruppen bis zu zehn Personen aufgehalten, die jedoch "für sich" geblieben seien. "Irgendwelche staats- oder HJ-feindlichen Gespräche können nicht abgehört werden, auch von einer allgemeinen Verabredung, auf dem Rummelplatz Zusammenstöße mit der HJ zu provozieren, ist nichts zu bemerken."

Während es somit augenscheinlich nicht zu den erwarteten Auseinandersetzungen in Rösrath kommt, macht Sch. im Restaurant "Haus Steeg" in der Nähe Rösraths eine in seinen Augen "beachtliche" Entdeckung, die Monate später für einige der beteiligten unangenehme Folgen haben wird. Im "Haus Steeg" hat sich eine etwa zehnköpfige Gruppe zusammengefunden, die sich nach den Beobachtungen des Gestapobeamten hauptsächlich aus ehemaligen Ringpfadfindern zusammen setzte. Die Jugendlichen haben sich über "frühere Fahrten in das Ausland" und der "Teilnahme an internationalen Zusammenkünften" gesprochen und außerdem "gemeinsame Lieder mit Gitarrenbegleitung angestimmt". "Hierbei waren auch einige Lieder, die nach russischer Art und Tonmotiven gesungen wurden."

Als gemeinsame Grundlage dient den Jugendlichen dabei ein kleines Heft, in dem die Lieder abgedruckt waren. Dieses Liederbuch, so konnte Sch. ermitteln, sei vor kurzem in einer Auflage von etwa 30 Exemplaren gedruckt und ausschließlich an einen "bestimmten Kreis" verteilt worden. "Es gelang mir, dieses sorgfältig aufbewahrte Heft in die Hand zu bekommen. Das grüne etwa 10x12 [cm] große Heft war auf der Titelseite lediglich mit einem kleinen grünen Kreis versehen, in dem ein 'S' verzeichnet war." Auf der Umschlaginnenseite war zu lesen: "Den Kameraden und Kameradinnen des Singkreises gewidmet von Hermann Sch., Köln". Als besonders auffällig empfand es Sch., dass die im "Haus Steeg" anwesenden Navajos darauf geachtet haben, "daß kein Außenstehender das Heft in die Hand bekam".

"Bei den Liedern handelte es sich um ältere Fahrtenlieder, wie sie von den Pfadfindern und der bündischen Jugend gesungen wurden." Am Heftende sind freie Seiten zum Eintragen neuer Lieder vorgesehen. Außerdem ist das Heft so produziert, dass stets auch neue Seiten hinzugefügt werden können. Bei aller von ihm unterstellten Brisanz seiner Beobachtung muss der Gestapomann jedoch auch in diesem Fall einräumen, dass "auch in dieser Gruppe staats- und HJ-feindliche Reden nicht geführt" werden. "Wohl war davon die Rede, daß man auch in Zukunft an ausländischen Treffen der Pfadfinder teilnehmen wollte."

So endet der Sonntag für Sch. wohl eher enttäuschend, zumal es ihm auch auf der Rückfahrt nicht gelang, "besondere Beobachtungen" hinsichtlich des Verhaltens der Navajos zu machen. Diese verhalten sich stattdessen auffällig ordnungsgemäß und gingen wie sie gekommen waren: "gruppenweise getrennt".

Es sollte fast drei Monate dauern, bis die Gestapo die Beobachtungen im "Haus Steeg" wieder aufgreift und kurz vor Weihnachten 1937 zu einem eigenen Ermittlungsverfahren ausbaut.



 
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