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Navajos (Rheinwerft)

Kölner Navajos um 1936/37


August L. führt in seiner Vernehmung vor der Gestapo vom 15. September 1937 aus, er habe durch seinen Freund Heinrich S. Kontakt zur „Navajo“-Gruppe an der Rheinwerft bekommen:

"Dieser kam mit mehreren Kalker Navajos nach Köln, wo er sich am Rhein an der Landebrücke der Reederei Schweers aufhielt. Fast jeden Abend kamen dort nun Jugendliche aus Kalk zusammen. Die Kölner hielten sich meist etwa 200m weiter an der Hängebrücke auf. Es wurden auch gemeinsame Fahrten unternommen, an denen ich mich jedoch nie beteiligte."

Von der Gestapo nach dem Ziel dieser Gruppe befragt, antwortet L.: "Ich hatte das Gefühl, dass diese Zusammenrottungen Jugendlicher den Zweck hatten, sich gegen die HJ zusammenzuschliessen. Aus den Gesprächen war nichts anderes zu entnehmen, als dass sie der HJ aus irgendwelchen Gründen ablehnend gegenüberstunden. Die Gründe der HJ-Gegnerschaft dürften verschiedene gewesen sein. Es waren viele darunter, die aus der HJ aus irgendwelchen Gründen ausgeschlossen waren und die wohl trachteten irgendeinen anderen HJ-gegnerischen Zusammenhalt zu schaffen." Verschiedene „Navajos“ hätten Gelegenheiten gesucht, HJ-Angehörigen, mit denen sie Streit hatten, "eins auszuwischen". Es sei auch schon zu Überfällen auf die HJ gekommen, die zuvor am Rheinufer besprochen worden seien.

Wenn auch nicht allgemein kommunistische Strömungen unter den „Navajos“ bestünden, seien diese doch vereinzelt bei der Gruppe an der Rheinwerft festzustellen. In diesem Zusammenhang belastet L. den Kalker Jugendlichen Theodor S. schwer. Der habe ihm selbst gesagt, dass er den HJ-Kasten in Kalk in Brand gesetzt habe, weil dieser Bilder von „Navajos“ gezeigt hätte. S.s kommunistische Einstellung gehe auch aus dessen Äußerungen hervor. So habe er erzählt, dass viele seiner Verwandten wegen kommunistischer Betätigung verhaftet worden seien und dass es in Russland tausendmal besser sei als in Deutschland. Aber auch L. selber habe Gespräche über Kommunismus geführt, das Foto von ihm in der kommunistischen Jugendorganisation gezeigt und die Internationale gesungen.

Zu der "Organisation der Navajos" befragt, gibt L, zu Protokoll, dass er nicht wisse, woher der Name „Navajos“ komme. Alle Gruppen der verschiedenen Treffpunkte haben sich selbst gerne als „Navajos“ bezeichnet. Von einer irgendwie festgelegten oder anerkannten Führerschaft der einzelnen Gruppen könne zwar keine Rede sein, jedoch hätte jede Gruppe ein oder zwei Mitglieder, die entweder auf Grund ihrer Körperkraft oder "ihrer grossen Klappe" sich mit ihrer Meinung durchsetzten.

Zu dem Liedgut der „Navajo“-Gruppe an der Rheinwerft merkte L. an, dass meist Fahrtenlieder gesungen würden, die harmlos seien und von früheren Pfadfindern stammen. Außerdem hätten sie ein Lied der Kittelbachpiraten gesungen mit dem Refrain "Schwingt den Spaten der Kittelbach-Piraten, schlagt die Bündische Jugend bald frei." Hier und da komme jemand mit einem neuen Lied, von dem er dann einige Strophen vorsinge. Einzelne frühere Pfadfinder würden diese Lieder wieder ausgraben und sie den anderen vermitteln.

Auch zu den Erkennungszeichen der „Navajos“ äußert sich L.. Die meisten „Navajos“ begrüßen sich mit "Ahoi", andere grüßen mit "Horrido". Beim Händereichen schieben die Partner ihre kleinen Finger ineinander, was von allen Gruppen praktiziert werde. Die typische Navajokleidung habe L. erstmalig bei einem Italiener gesehen, der der Gruppe an der Rheinbrücke angehöre. Seit kurzem würden Neuhinzugekommene dazu veranlasst, sich die Hosen kürzer zu schneiden, Reißverschlüsse anzubringen und bunte Hemden zu tragen, weil eine einheitliche Kleidung im Gegensatz zur HJ getragen werden solle.

Theodor S. bekommt ebenfalls über Heinrich S., den er durch seinen Schulkameraden Ernst S. im August 1937 kennen gelernt hat, Kontakt zur Gruppe an der Rheinwerft. Bei S. hätten sie sich öfter mit einigen Jungen getroffen, um dort "ihre Spaziergänge nach Köln" zu besprechen und Lieder zu singen. S. habe auch Liedertexte in das Notizbuch des S. geschrieben. Eines Abends seien sie mit ihm gemeinsam zur Rheinwerft - ca. 100 Meter von der Bastei entfernt - gegangen, um dort im offenen Rhein zu schwimmen und Lieder zu singen: "Mir ist auch bekannt, dass andere Gruppen der Navajos diese Lieder - insbesondere das Lied der Sonne von Mexiko - sangen."

Auf die Bezeichnung "Navajo" befragt, sagt S., dass diese durch S. oder S. eingeführt worden sei: "Der Heinrich O. von der HJ sagte uns auf Befragen, Navajos seien Indianer gewesen. Die Bezeichnung "KN" - Kalker Navajos - kenne ich auch. Diese Bezeichnung hat m. W. der Peter M. eingeführt, der auch die Buchstaben besorgte, die entweder an der Mütze oder am Rockaufschlag getragen wurden. Ich hatte auch Buchstaben, mein Vater hat sie mir aber abgenommen. [...]“ Die „Kalker Navajos“ begrüßen sich mit "Guten Abend" und Handschlag, wobei sie die kleinen Finger ineinander verhaken. Verschiedene haben auch "Heil Horrido" oder "Ahoi" gesagt. Wohl habe er einen Armriemen mit dem Totenkopf gehabt, das er von einem Mädchen geschenkt bekommen habe. Auf den Armriemen habe sie "Heil Horrido" geschrieben. S. sei einmal bei einer Fahrt der „Navajos“ nach Rösrath zum Ammerländchen dabei gewesen. Sie wären allerdings vom Streifendienst in Königsforst angehalten und der Polizei vorgeführt worden, weil sie "zum größten Teil kurze Hosen, zum Teil auch kurzkarierte Hemden" trugen.

Einig seien sich die „Kalker Navajos“ darin, dass sie "nicht laufen gingen, wenn die HJ-Streife" komme. Ansonsten sei über die HJ nicht gesprochen worden. Auch streitet S. jede Betätigung bei der Fortführung der bündischen Jugend ab. Die Jugendgruppe sei lediglich eine lose Vereinigung jünger Leute, die nichts mit der bündischen Jugend zu tun gehabt wolle.

Auch bei einer zweiten Vernehmung bleibt S. bei seinen Ausführungen vom Vortag. Er gibt aber zu, dass er am 10. Juli 1937 den HJ-Kasten in Kalk angezündet hat.


Im Sommer 1937, so Heinrich S. in einer Vernehmung vor der Gestapo am 22. Oktober 1937, habe er "öfter am Rhein verkehrt": "Hier fanden sich immer mehr Burschen ein, die Klampfen mit sich führten und Lieder sangen. Sie trugen alle die bekannte Kluft der Navajos." Allerdings habe er damals noch nicht gewusst, "dass es sich hier um einen bestimmten Bund" handele, so S. weiter, wobei man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, als habe ihm der vernehmende Gestapobeamte einiges von dem, was der Verhaftete noch aussagen sollte, in den Mund gelegt. Erst nachdem er nach Kalk umgezogen sei und dort auf dem Rummelplatz Theodor S. und durch jenen "noch mehrere dieser Burschen" kennen gelernt habe, habe er erfahren, "um was es sich eigentlich bei diesen Navajos handelt".

In der Folgezeit seien S. und andere Kalker häufiger auf die andere Rheinseite gekommen, um dort "am Rhein" August L. und dessen Clique zu treffen. Während S. zugab, anlässlich solcher Treffen Fahrtenlieder wie beispielsweise "Wir lagen kurz vor Madagaskar" mitgesungen zu haben, bestreitet er zunächst, dabei gewesen zu sein, als August L, die "Internationale" gesungen habe. In einer zweiten Vernehmung am folgenden Tag räumt er dann allerdings seine Anwesenheit ein, wobei er jedoch betont, nicht nur nicht mitgesungen, sondern L. darauf aufmerksam gemacht zu haben, "daß er nicht weiter singen solle".

In seiner zweiten Vernehmung äußert sich S. nun auch recht offen "bezüglich der Abzeichen", wobei nicht völlig klar ist, ob er sich hier auf die „Navajo“-Gruppe "Am Rhein", jene in Kalk oder auf die „Navajos“ insgesamt bezieht. Er sagt aus, "daß für die sog. Navajos als Abzeichen der Kraftriemen mit Totenkopf, ein Edelweiß an der Mütze und ein fünfzackiger Stern" gelte. "Die Grüße 'Ahoi' oder 'Horrido' sind nicht ständig oder vorgeschrieben, sie werden nur gelegentlich gebraucht. Die Kluft hat allein nur den einen Zweck, einheitlich gekleidet zu erscheinen und nach außen hin zu zeigen, daß man dem Bunde der Navajos angehört. Es sind viele dabei, die aus den früheren aufgelösten bündischen Vereinigungen kommen und das Gedankengut der bündischen Jugend mitbringen und weiter pflegen. Es wurde immer darüber gesprochen, daß es sich um eine verbotene Organisation mit bündischen Zielen handele und daß man Verhaftungen erwarten müsse. Da diese aber nur vereinzelt durchgeführt wurden, wurden wir immer zuversichtlicher, was sich dann auch im Benehmen der einzelnen ausdrückte, die immer herausfordernder wurden."



 
Personen
August L.
Heinrich S.

Topografie
Ausflugsziel: "Königsforst", Königsforst
Treffpunkt: Köln, Rheinwerft

Lieder
Nerother Bummler
Die Sonne von Mexiko (Der Navajo)
Einst sind wir
Hohe Tannen weisen die Sterne
Ihr lieben Kameraden
In einem Städtchen (Die Räubersbraut)
Völker, hört die Signale
Wir lagen kurz vor Madagaskar
Wir saßen in Tonys (Johnnys) Schänke

Lexikon
Hitlerjugend (HJ)
Bündische Jugend
Gestapo
Pfadfinder
HJ-Streifendienst (SRD)
Kittelbach-Piraten
Navajo