Takeuchi Seihô, Tiger

Bild der 5. Woche - 26. Januar bis 2. Februar 1998

Takeuchi Seihô (1864-1942) - Tiger, Hängerolle, Farben auf Seide, 110,0 x 27,0 cm, Japan, ca. 1920, Museum für Ostasiatische Kunst, Köln, Inv.Nr. A 55,61

Der Tiger symbolisiert Macht, Leidenschaft und Mut. Nicht nur in China gilt er als furchteinflößend und gefährlich, in Japan sah die Kriegerklasse der Samurai den unerschrockenen Kämpfer gerne auf den Schiebetüren und Stellschirmen ihrer Paläste. Seine Lebhaftigkeit, seine Energie und Lust am Leben wirken besonders am 28. Januar beginnenden Jahr des Tigers geradezu ansteckend! Moment mal: wenn man den von Takeuchi Seihô 1912 porträtierten Gesellen genauer betrachtet, so scheint sich das chinesische Horoskop doch wohl getäuscht zu haben! Von wegen Dynamik, scharfe Krallen und eine ungebändigte Lust am Leben. Dieser gelangweilt den Kopf von uns wendende Kater soll gefährlich sein? Gar mit seinem Partner, dem Drachen, in China für Wind und Regen, elementaren Naturgewalten gesorgt haben? Trifft dann wohl eher zu, daß der Tiger tief in seinem Herzen ein Romantiker und durchaus sentimental ist? Daß er sich in seiner Großherzigkeit schon mal von chinesischen Richtern dazu überreden ließ, an Sohnes Statt für eine arme Alte zu sorgen? Doch täuscht nicht der erste Eindruck? Das flauschig-weiche Fell ist zwar mit den in Paris erworbenen Kenntnissen der Aquarellmalerei impressionistisch dargestellt. Dennoch scheint er leibhaftig vor uns zu liegen, was sicher an den im Zoo gemachten Naturstudien liegt. Katzenartig gespannt zuckt er mit den Schnurrbarthaaren. Durch das hohe, schmale Format und den ungewöhnlichen Bildausschnitt wirkt er monumental und realistisch. Der Tiger ist auf den zweiten Blick nun gar nicht mehr kätzchenhaft. Also Vorsicht, wenn er den Kopf wendet und brüllt! Zum Motiv des Tigers: Extremes Format, stark ausschnitthaft; der Kopf ruht auf den offensichtlich übereinandergeschlagenen Tatzen, wobei sich das Gesicht des Tigers gelangweilt vom Betrachter abwendet. Symbol des Tigers: Aus dem Westen wehender Wind, manchmal als Gegenpart zum Drachen, der ein Symbol des Ostens und des Regens ist. Tapferkeit, als solcher wurde er ab dem 17. Jh. vor goldenem Hintergrund häufig auf den Stellschirmen und Schiebetüren der Schlösser der japanischen Kriegerkaste dargestellt, als deren Symbol er ab dieser Zeit schlechthin gelten kann. Tierkreis: Der Tiger ist das dritte Zeichen des chinesischen Tierkreises. Ein Tigerbild auf dem Türpfosten schützt gegen Dämonen.

P. Rösch