Gleichgewicht in der Asymmetrie - Piet Mondrians Bild Tableau I

Bild der 32. Woche - 3. bis 10. August 1998

Piet Mondrian – Tableau I 1921 Öl auf Leinwand, 96,5 x 60,5 cm, Museum Ludwig, Köln, ML 76/3195, Erworben mit Unterstützung des Westdeutschen Rundfunks 1967
Von oben nach unten: Piet Mondrian - Der rote Baum, 1908, Öl auf Leinwand, 70 x 99 cm Gemeentemuseum, den Haag Piet Mondrian - Baum, 1911-12, Öl auf Leinwand 65 x 81 cm, Munson-Williams-Proctor Institut, Museum of Art, Utica, New York Piet Mondrian - Der graue Baum, 1912, Öl auf Leinwand, 78,5 x 107,5 cm Gemeentemuseum, den HaagPiet Mondrian - Blühender Apfelbaum, 1912, Öl auf Leinwand, 78 x 106 cm, Gemeentemuseum, Den Haag
Piet Mondrian - Vorstudie zu Tableau I, 1921, Kohle auf Zeichenkarton, 95,8 x 61,6 cm Privatbesitz, New York

Piet Mondrian wurde 1872 als Sohn eines Kunstmalers im holländischen Amersfoort geboren. Nach einer Ausbildung zum Zeichenlehrer führte ihn seine künstlerische Entwicklung ab 1892 über die Landschaftsmalerei, den Jugendstil und den Frühexpressionismus zum Kubismus. Das Motiv des Baumes, welches der Künstler stets bevorzugt behandelt hatte, verwandelte sich zunehmend zu einem abstrakten Liniengefüge (s. Beispiele aus den Jahren 1908 bis 1912). Die natürliche Form und Farbe überwindend, malte Mondrian ab 1917 völlig abstrakt. Zeit seines Lebens war Mondrian den "verlorengegangenen Gesetzen des Gleichklangs" auf der Spur, die er auch in dem Gemälde "Tableau I" von 1921 zu verwirklichen suchte. Sich den Regeln des rechten Winkels unterwerfend, schuf Mondrian seine abstrakte Komposition im "neoplastischen" Stil aus einem streng geometrischen Gefüge von Senkrechten und Waagerechten. Die sich daraus ergebenden Formelemente des schwarzen Liniengerüsts und der raumfüllenden farbigen Flächen bestechen, trotz der größenmäßig dominierenden Farbe Rot, durch eine kompositorisch perfekte Gleichgewichtsbeziehung. "Tableau I" ist auf den ersten Blick ein Werk fast technisch-präzis anmutender Malerei unter Ausschließung jeglicher persönlicher Handschrift; doch genauer betrachtet, sind es gerade die winzigen Unregelmäßigkeiten des ohne Zuhilfenahme eines Lineals geschaffenen Gemäldes, die dem Werk seine Lebendigkeit verleihen. Zu dem Gemälde ist eine nahezu gleich große Vorstudie auf Zeichenkarton erhalten die, wie das Ölbild ganz frei gezeichnet, die Farbangaben gr (grau), bl (blau) und j (jaune = gelb) trägt. Diese freigestaltete Skizze zeigt, daß Mondrian keinem festgelegten mathematischen Schema folgte, sondern intuitiv eine Komposition schuf die, Farbe und Fläche vollkommen ausbalancierend, Stille und reine Harmonie veranschaulicht. Die "Findung eines Gleichgewichts im Asymmetrischen" (E. Weiss) macht das revolutionär Neue und damit den Kunstwert aus, der dieses Werk Piet Mondrians im besonderen Maße auszeichnet. Mondrian starb 1944 in New York.

B. Herrmann