Porzellan nach chinesischem Vorbild

Bild der 21. Woche - 21. bis 28. Mai 1999

links: Teller, Famille-Rose-Dekor mit zwei Wollhandkrabben, Ansbach, um 1765/1770, Porzellan, Durchmesser 22,3 cm, Museum für Angewandte Kunst, Köln, E 3927 rechts: Teller, Famille-Rose-Dekor mit zwei Wollhandkrabben, China, um 1750, Porzellan, Durchmesser 32,2 cm, Museum für Angewandte Kunst, Köln, E 4058

Nachdem im Bild der Woche unter dem Stichwort Böttgersteinzeug bereits über die Anfängen der europäischen Porzellanherstellung geschrieben wurde, soll das Thema in dieser Folge mit einem weiteren Blick auf die Geschichte des Porzellans in Europa erneut zur Sprache kommen. Die vor allem von europäischen Herrschern geförderte intensive Suche nach dem Geheimnis der Porzellanherstellung war nicht nur durch die Wertschätzung und den materiellen Wert des ostasiatischen Vorbildes motiviert. Dem Porzellan wurde auch die Fähigkeit nachgesagt, zuverlässig Gift in den Speisen anzuzeigen, indem es durch den Einfluß des Giftes zerspringe, – eine Eigenschaft, die für das ränkevolle Hofleben des 17. Jahrhunderts von unschätzbarem Wert war. Da in China und Japan Tafelservice im europäischen Sinne unbekannt waren, hatte der Adel, bevor man selbst Porzellan herstellen konnte, über die ostindischen Handelskompanie in China und Japan Porzellane gemäß der barocken Eßbräuche in Auftrag gegeben. Was vorher als Majolika oder in Gold und Silber auf dem Tisch stand, ließ man im fernen Osten in Porzellan nachbauen. Die europäischen Käufer der ostasiatischen Keramik beeinflußten so die Formen dieser Importware. Als man nun die Fähigkeit erhielt, Porzellan selbst herzustellen, orientierten sich die Produkte zunächst an der ostasiatischen Ware, welche angepaßt an europäische Eßbräuche und versehen mit asiatischem Dekor auf dem Markt war. Es ist daher nicht weiter verwunderlich, daß sich die ersten Erzeugnisse aus europäischem Porzellan im Dekor stark an den ostasiatischen Vorbildern orientierten. Nicht nur das importierte Porzellan war teuer. Zunächst waren auch die Herstellungskosten des europäischen Porzellans noch sehr hoch. Nur der begüterte Adel, der am Importporzellan die ausgezeichneten Eigenschaften schätzen gelernt hatte, konnte das Porzellan finanzieren. So ist es verständlich, daß die ersten Porzellane Luxusgeschirr für feudale Hofhaltungen waren. Bald aber bemühte man sich, den Absatz auch an das Bürgertum zu ermöglichen und erweiterte die Produktion um in Form und Dekor weniger kostbare Teile. August der Starke, der 1710 die erste Porzellanmanufaktur in Meißen begründete, gab den Formgestalter seiner Manufaktur von Beginn an den Auftrag, entsprechende Service für den "mittleren Mann" zu entwickeln. Die in Dresden 1709 gefundene Technik, rotes und bald darauf auch weißes Porzellan herzustellen, blieb nicht lange geheim. Neben der ersten Manufaktur in Dresden bzw. Meißen kamen weitere Manufakturen in den folgenden Jahrzehnten hinzu, so zunächst 1718 in Wien mit dem Wissen eines aus Meißen geflohenen Mitarbeiters. Im Jahre 1735 gelang die Porzellanherstellung in Doccia (Italien) mit Hilfe eines Mitarbeiters aus Wien. Eine Vielzahl von Gründungen in Deutschland, Frankreich und England erfolgte dann in den Jahren 1747 bis 1758. Der linke, kleinere der beiden hier abgebildeten Teller des Museums für angewandte Kunst stammt aus der 1758 mit Unterstützung ehemaliger Mitarbeiter aus Meißen aufgebauten Manufaktur in Ansbach. Er wurde etwa 1765/1770 hergestellt. Sein Blumendekor zeigt ostasiatische Motive. Mit dem rechten, größeren Teller ist der seltenen Fall eingetreten, ein Exemplar des unmittelbaren chinesischen Vorbildes für den europäischen Teller zu besitzen. Ein Vergleich mit dem aus China stammende und um 1750 entstandene Porzellanteller macht deutlich, daß der Ansbacher Maler die Motive und ihre Plazierung seines Entwurfes wörtlich von dem chinesischen Vorbild übernahm - auch wenn er die Formen insgesamt strenger und weniger virtuos ausführte. Selbst die Farben stimmen weitgehend überein und, obwohl der chinesische Teller flacher und größer ist, reicht die Übereinstimmung bis zur Grundform der beiden Teller. Wird der kleine Teller mit dem großen Vorbild bereits den Tisch eines "mittleren Mannes" geziert haben? Die Serie wird fortgesetzt.

T. Nagel