Alter spielt keine Rolle

Bild der 25. Woche - 21. Juni bis 28. Juni 1999

Bartholomäus Bruyn der Ältere, Das Ehepaar Heinrich und Hilgin Salzburg, 1549, Eichenholz jeweils 82 x 55 cm, Wallraf-Richartz-Museum, Köln, WRM 253 und 252

Köln, 1549, der Maler liefert das Doppelporträt bei seinem Auftraggeber ab. Der promovierte Jurist Heinrich Salsburg nimmt es persönlich entgegen. Zunächst sieht er entzückt auf sein Porträt, das ihn in der Blüte seines Mannesalters zeigt - 27jährig, selbstbewußt, reich gekleidet, ein wichtiger Mann in der Stadt Köln. Nun wendet er sich dem nicht weniger prächtig gemalten Bild seiner Frau zu: Helena oder Hilgin, wie er sie nennt, ebenfalls kostbar gekleidet, die schönsten Stücke ihres Schmuckes angelegt. 52 Jahre war sie nun schon alt. Daß seine Frau knapp doppelt so alt ist wie er, stört ihn nicht, er hatte den Maler sogar angewiesen, dieses Alter auf dem Bild ebenso zu vermerken, wie das Jahr, in dem das Bild gemalt wurde. Schließlich galt Hilgin, nachdem ihr erster Mann, der Bannerherr der Faßbinder, Theis von Polhem, gestorben war, als Inbegriff einer tugendhaften Witwe. Damit ihre Frömmigkeit und in dieser Zeit der Glaubenswirren ihre Treue zum Papst allen deutlich wurde, hatte er die Darstellung seiner Frau mit Rosenkranz bestellt. Daß der Maler einen Teil der Falten im Gesicht übersehen hatte, die bei seiner Frau im Alter immer stärker hervorgetreten waren, entsprach der inneren Schönheit, die immer noch von ihr ausging. Während er auf die beiden mit geschweiftem Rahmen umfaßten Gemälde blickte, dachte Heinrich an seinen Reichtum und sein Ansehen. Er besaß dieses große Haus in der Großen Budengasse, vor dem er jetzt stand. Man nannte es "Zum Hoveltz". Er war Doktor der Rechte. Langsam schien auch der Makel, von Erzbischof Hermann von Wied zum Schöffe des Hochgerichtes bestimmt worden zu sein, im Gedächtnis der anderen Juristen zu verblassen. Ja, es war jener Erzbischof gewesen, der vor drei Jahre von Papst Paul III. exkommuniziert worden war, weil er offen zum lutherischen Bekenntnis übergetreten war. Die Frömmigkeit seiner Frau, die er im gleichen Jahr geheiratet hatte, hatte ihn von jedem Verdacht ebenfalls zur Gruppe der Häretiker zu gehören, reingewaschen. Der neue katholische Erzbischof Adolf III. von Schauenburg hatte ihn dann auch zu seinem wichtigsten Berater gewählt. Daß er auch als Scharfrichter tätig war, konnte er nicht als ehrenrührig ansehen. Schließlich sorgte er dafür, daß die Sünder ihre schwere Schuld noch hier auf Erden büßen konnten. Er, Heinrich Salsburg, konnte sich nun wieder erlauben, den besten Porträtmaler der Stadt, den von allen wichtigen Patriziern mit Aufträgen versehenen Bartholomäus Bruyn Vater, zu beauftragen. Man sagte zwar, der Sohn des Malers sei auch sehr begabt, aber er war eben noch nicht Meister, um einen solchen Auftrag erhalten zu können. Das Doppelporträt würde er im Speisesaal aufhängen lassen, um allen zu zeigen, wie stolz er auf das Erreichte war. Nachwort: Heinrich Salsburg starb am 16.6.1553 nach langem Siechtum, nachdem er krank von einer Italienreise zurückgekehrt war. Er wurde vor dem Wolfgangus-Altar in Groß-Sankt-Martin begraben. Vermutlich waren es die Erben des Heinrich Salsburg und seiner Frau, welche beide Bildern mit Lobgedichten auf das Ehepaar schmückten: Auf dem Rahmen bei Heinrich Salsburg umlaufend in lateinischer Sprache: Vor zweimal drei Jahrfünften weniger drei Jahren (27) wurde Salsburg von blühender Kraft geboren, die er dafür einsetzte, sich für die Sache der Kirche und die Gesetze größten Ruhm zu erwerben. Er war die einzigartige Hoffnung seiner Familie, deren Ruhm und Zierde. Das Vaterland forderte viel von ihm, denn er führte das Schöffenamt der Stadt, und zur Sühne die Waffen für die verzagten Angeklagten. Adolf, der höchste Repräsentant Kölns, ruft ihn zu sich zu Rat und Hilfe in schwierigen Fragen. Wenn sie auch seiner Jugend in ihrer ersten Blüte hohe Anerkennung zuteil werden lassen, ist es doch zu spät, daß er nach den Sternen strebt (übersetzung Westhoff-Krummacher). Auf dem Rahmen bei Helena Salsburg umlaufend in lateinischer Sprache: Dies sind die Namen der Tyndarius-Tochter, die die berühmte Lacena trägt, die nach einem keuschen Lebenswandel, nachdem sie drei mal drei Jahrfünfte und vier Jahre (neunundvierzig) Jahre alt geworden, dem Salsburg zur Frau gegeben; sie war wie eine zweite Lukretia, eine treue Gemahlin ihres Mannes, nach ihrer Treue eine zweite Porcia und dessen immerwährende Zier (übersetzung Westhoff-Krummacher).

T. Nagel