Flucht nach Shu

Bild der 33. Woche - 16. bis 22. August 2004

"Reisende auf dem Klammweg nach Shu", Yuan Yao (1740-1777), Malerei auf Seide, 407,5 x 163 cm, China, Qing-Dynastie, datiert 1741, Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. A 71,4
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n einer monumentalen, sich dramatisch auftürmenden Gebirgslandschaft entdeckt man inmitten der wilden Bergszenerie bei genauerer Betrachtung ein reges Leben und dörfliches Treiben. Mit Holzpfeilern abgestützte Wege führen an steilen Felswänden entlang, über die Reisende mit schwer beladenen Mauleseln ihre Ware transportieren. In einer Schenke sitzen zwei Männer zusammen und trinken Tee, andere versorgen und bewirten die eintreffenden Handelsreisenden und ihre Packtiere. Hier wird der Transport von Handelsgütern über gefährliche Bergpässe und in abgelegene Gebiete beschrieben. Ein alltäglicher Vorgang für die wohlhabenden Salzhändler Yangzhous, die zu den Hauptkunden des Berufsmalers Yuan Yao gehörten, und für deren Residenzen er überdimensionale Hängerollen wie diese als Dekoration malte. Nur die Berglandschaft und der Titel weisen auf ein tragisches, historisches Ereignis des 8. Jahrhunderts hin. Kaiser Xuanzong (reg. 712-756) hatte sich zum Ende seiner sehr erfolgreichen Regierungszeit „unsterblich“ in die atemberaubend schöne Konkubine Yang Guifei (719-756, s. Bild der Woche 32/2004) verliebt. Seine Regierungsgeschäfte vernachlässigend, entglitt ihm zunehmend die Macht über das blühende Tang Reich. Im Jahr 755 machte sich ein von Yang Guifei protegierter, turkstämmiger General zum Anführer einer Rebellion, welche die Tang Dynastie nachhaltig erschüttern sollte. Der Kaiser mußte aus der Hauptstadt Chang’an (heute Xi’an) fliehen und abdanken. Auf dem Weg nach Chengdu in Sichuan (auch Shu genannt) verstellten Rebellen der kaiserlichen Eskorte den Weg. Auf Forderung der kaiserlichen Truppen wurde Yang Guifei als die vermeintliche Verursacherin des Aufstandes stranguliert. Die Schönheit Yang Guifeis und die romantische Liebesgeschichte zwischen dem Kaiser und der Konkubine haben die chinesischen Dichter, Künstler und Schriftsteller seit jeher beschäftigt. Fast ein Jahrtausend später schrieb Hong Sheng im Jahr 1688 sein berühmtes Opernstück „Palast der Ewigen Jugend“, das zu Lebzeiten des Malers immer noch aktuell und populär war. Darin wird die romantische und unsterbliche Liebe zwischen Kaiser Xuanzong und seiner Konkubine Yang Guifei thematisiert. Im Gegensatz zur Geschichtsschreibung endet die Oper mit einem Happy End: Kaiser Xuanzong reist – einer alten Legende zufolge – zum Mond und trifft dort im Mondpalast nicht nur die Mondgöttin, sondern auch seine Geliebte Yang Guifei, mit der er sich in ewiger Jugend und Liebe vereint.

B. CleverC. v. Spee