Der teilnehmende Blick

Bild der 50. Woche - 11. bis 17. Dezember 2006

Joachim Brohm, Bochum 1983, C-Print, 50 x 60 cm, AP 1. Museum Ludwig, Köln, ML/ F 2006/54. Copyright: VG Bild-Kunst Bonn

Diese Fotografie nimmt alles in den Blick, gleichgültig ob es sich um grillende Menschen in Badeanzügen, mit oder ohne Campingstühlen, Zelte, parkende Autos mit den, für die 1970er Jahre so typischen bunten Farben handelt. Die Menschen haben sich in einer Landschaft eingerichtet, die überall Spuren ihrer Eingriffe zeigt. Ein Graben ist kürzlich gezogen, Erde aufgeworfen, neue Bäume an der Ruhr gepflanzt, die begradigt und in einem Betonbett gefaßt ist. Die Fotografie stammt aus einer Reihe von Aufnahmen, die Joachim Brohm (geb. 1955) in den frühen 1980er Jahren im Ruhrgebiet aufgenommen hat. 15 Jahre nach dem Zechensterben und dem Niedergang des Bergbaus wurde der Strukturwandel auch der Ruhrlandschaft ablesbar, die nun nicht mehr industriell, sondern gleichsam als Freizeitpark genutzt wurde. Brohm, der in Essen und an der Ohio State University in Columbus, USA, Fotografie studierte, markiert mit seinen Fotografien eine Zäsur zu der gerade in Essen prägenden fotografischen Tradition der „Subjektiven Fotografie“, die Otto Steinert in den 1950er Jahren begründete, und die für eine rein bildgestalterische Fotografie stand. Wie seine strenge dokumentarische Haltung und seine Entscheidung für die Farbfotografie vielmehr zeigen, ließ sich Brohm durch Steven Shore und die neue amerikanische Landschaftsfotografie inspirieren, die erstmals in der Gruppenausstellung „New Topographics“ 1975 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Steven Shore zeigte dort seine Aufnahmen amerikanischer Stadtlandschaften, die alltägliche Situationen von Fastfood, Autos, Kreuzungen und Privaträumen aus überraschenden Perspektiven bildwürdig machen. Anders aber als in viele Stadtlandschaften, die Shore aufnahm, ist der Mensch in Brohms Fotografien immer präsent, auch wenn er sich nahezu in den weiten Landschaften verliert. Er und seine Lebensgewohnheiten, deren Auswirkungen auf den Landschaftsraum, das Zusammenwachsen von Stadtraum und ländlicher Umgebung stehen im Mittelpunkt. Der vermeintlich objektivierte Blick auf die menschlichen Lebensgewohnheiten, denn immer ist die Kamera auf einem erhöhten Standort positioniert, ist tatsächlich kein distanzierter, sondern ein teilnehmender, der die Welt uns als eine zeigt, die immer im Wandel begriffen ist. Das letzte Bild der Woche in diesem Jahr wir ebenfalls ein Werk Joachim Brohms zeigen.

B. Engelbach