Winterlandschaft

Bild der 52. Woche - 29. Dezember bis 4. Januar 2007

Joachim Brohm (geb. 1955), Essen 1982, C-Print, 50 x 60 cm, Ed. 1/8, Museum Ludwig, Köln, ML/ F 2006/59, Copyright: VG Bild-Kunst Bonn
Pieter Bruegel der Ältere, Die Vogelfalle, 1565, Wiltshire, Wilton House

Diese Winterlandschaft ist beschaulich. Schlittschuhfahrer haben sich auf dem zugefrorenen Eis versammelt und genießen den kalten Wintertag. Klein stehen sie in zufälliger Anordnung in der weiten Landschaft. Der erhöhte Betrachterstandort lässt sie so miniaturhaft erscheinen. – Diese Bildbeschreibung trifft auf Joachim Brohms Winterlandschaft von 1982 (s. Bild der Woche 50/2006) gleichermaßen zu wie auch Gemälde von Pieter Bruegel d. Ä., der im 16. Jahrhundert immer wieder biblische und allegorische Themen zum Anlass nahm, um dörfliche Winterlandschaften zu zeigen. Zwar hatte Brohm nicht Bruegel im Sinn, als er seine Ruhrlandschaften fotografierte, aber weil seine Fotografien im Grunde wie Bruegels Bildtafeln – nur in einem anderen Medium - Landschaftsmalerei und Sittengemälde verbinden, kann ein Bildvergleich den Blick dafür schärfen, was das Besondere an Brohms Fotografien ist (s. Bild rechts). Die Menschen, die in Bruegels Gemälden die zugefrorenen Seen zum Spielen, Schlittschuhlaufen aber auch als Abkürzung nutzen, sind in ein klares Gefüge von Natur- und Gesellschaftsordnung gestellt. Dazu gehört, daß der See den Mittelpunkt der Dörfer und Bauernhöfe bildet und die abgebildeten Menschen buchstäblich eingebettet sind. Dagegen wirken die Schlittschuhfahrer auf Brohms Fotografie vereinzelt, ja verworfen, zieht man darüber hinaus in Betracht, dass der Künstler Anfang der 1980er die Ruhrlandschaften zu einem Zeitpunkt fotografierte, als die meisten Zechen geschlossen wurden und die zurückgebliebene Landschaft nun von den Hinterlassenschaften des Bergbaus, von Bergehalden, künstlichen Seen von großflächiger Kiesgewinnung aber auch von traditioneller Landwirtschaft gekennzeichnet ist. Auf der vorliegenden Fotografie ist der Blick von Essen aus auf die Ruhrtalbrücke am Horizont gerichtet. Der Teich im Vordergrund scheint sich in einem Zwischenstadium von Natur und Kultur zu befinden, wie auch in einem Niemandsland zwischen den mehr und mehr zusammenwachsenden Städten. Das was die Soziologen und Städteplaner unter dem Begriff der Suburbanisierung fassen, ein Prozess der seit den 1970er Jahren bis heute anhält und zu einer Zersiedelung der Landschaft geführt hat, so daß Zentrum und Peripherie nicht mehr zu unterscheiden sind, ist auch Brohms Ruhrlandschaften abzulesen. Es ist der durch die menschliche Nutzung sich verändernde Landschaftsraum, der erst im Zuge des großen Projektes Emscher Park von 1989 bis1999 zur Kulturlandschaft durchgestaltet werden wird. Sah Bruegel den Menschen als Teil eines wohl geordneten Universums, in dem er sich in seinen Platz zu fügen hat, so ist dieser Glaube im 20. Jahrhundert verloren, der Mensch muss nun seinen Ort immer wieder neu überprüfen und bestimmen. Gerade weil Brohm in seinen Ruhrlandschaften diese Möglichkeit des steten Wandels ins Bild setzt, kann die Fotografie „Essen 1982“ auch anders als eine verworfene, gestaltlose Landschaft gedeutet werden. Denn die Gegend wird vom Menschen wieder als Naturraum in Anspruch genommen. Der zugefrorene See mit den Schlittschuhläufern zeigt für einen Moment die Gelassenheit eines nicht durch ökonomischen Sinn und Zweck überformten Ortes. In diesem Sinne befindet sich auch Brohms Winterlandschaft bei Essen in einem eigentümlich paradiesischen Zustand.

B. Engelbach