museenkoeln.de | Bild der Woche: Aus der Hacqueney’schen Hauskapelle

Aus der Hacqueney’schen Hauskapelle

Bild der 6. Woche - 5. bis 11. Februar 2007

Joos van Cleve d. Ä. Der Tod Mariens mit Stiftern, um 1515, Öl auf Eichenholz; Mitteltafel 65 x 125,5 cm, linker u. rechter Flügel je 66,8 x 59 cm, Sammlung Wallraf; Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, WRM 0430
Linker Flügel des Altares, Innenseite, mit den Stiftern Georg und Nicasius Hacqueney
Recher Flügel des Altares, Innenseite, mit den Stifterninnen Christina Hardenrath und Sibilla? van Merle

Vom Hacqueney’schen Hof am Neumarkt (s. Bild der Woche XX) hat sich praktisch nichts erhalten – mit Ausnahme eines der wichtigsten Altäre Kölns. Nicasius Hacqueney hatte für seine Hauskapelle einen Altar in Auftrag gegeben, der dort bis 1809 verblieb. Dann wurde er von den Erben an die Brüder Boisserée verkauft. Schon 1802 hatte Ferdinand Franz Wallraf einen ebenfalls von der Familie Hacqueney gestifteten Marientod aus der ehemaligen Stiftskirche St. Maria im Kapitol erhalten. Die Brüder Boisserée schätzen ihr eigenes Bild für weniger wertvoll, hielten es für eine Studie zum erst zehn Jahre später vollendeten „Hauptwerk“ und tätigten 1810 mit Wallraf ein Tauschgeschäft – er erhielt die frühere, kleinere Version sowie 19 weitere Gemälde. Das heute noch in Köln befindliche Werk ist monogrammiert und mit dem Wappen der Antwerpener Lukasgilde versehen. Früher war er mit „1515“ datiert. Joos van der Beke, genannt Joos van Cleve (d. Ä.) ist1511–1540 in Antwerpen nachweisbar. Die Komposition des Todes Mariens auf der Mitteltafel geht auf eine Vorlage nach Hugo van der Goes zurück. Das Sterbebett ist von Aposteln umgeben, die kurz vor dem Tod Mariens auf wundersame Weise zu ihr gebracht wurden. Der weinende Johannes hilft der Sterbenden, die Sterbekerze zu halten, Petrus im Messgewand leitet die Sterbezeremonie. Der Rosenkranz im Vordergrund weist auf die Gebete hin, die vor dem (Privat-)Altar zu sprechen sind. Das Motiv des Marientodes soll dem Betrachter Trost beim Gedanken an den eigenen Tod spenden. Die Details im Hintergrund – Fenster, gläserne Gefäße, Waschutensilien – symbolisieren Reinheit und Jungfräulichkeit. Zugleich gibt die ganze Zimmerausstattung aber auch einen Eindruck davon, wie es in den Räumen eines reichen Kölners zu Beginn des 16. Jahrhunderts ausgesehen haben mag. Und reich war die Stifterfamilie, die sich auf den Seitenflügeln hat verewigen lassen. Seit Mitte des 14. Jahrhunderts sind die Hacqueneys in Köln nachweisbar. Sie stammen vielleicht aus den Niederlanden, wo „hackeney“ Klepperpferd bedeutet. Das Wappen der Familie zeigt ein weißes Pferd auf rotem Grund. Die Familie kam im Goldschmiedegewerbe zu Vermögen, besonders der ältere Casyn, der mit der Goldschmiedstochter Cathringin Burchgreve verheiratet war und fünf Kinder hatte. Er war Ratsherr, Hansekaufmann, Mitglied der Goldschmiedegaffel und Eligiusbruderschaft am Dom und betätigte sich auch als Bankier. 1483 fiel er einem Raubmord zum Opfer. Auf dem linken Flügel (s. Bild rechts) erscheinen seine Söhne Georg und Nicasius mit ihren Namenspatronen. Der älteste Sohn, Casyn, Casio bzw. Nicasius, hatte an der Kölner Universität die freien Künste studiert und den Magistertitel erworben. Er wurde ein Bankier ersten Ranges und betrieb seine Geldgeschäfte mit benachbarten Fürsten bis hin zu Kaiser Maximilian I. Er wurde zur Ritterwürde erhoben, war kaiserlicher Rat, Hof- und Rechenmeister der königlichen Majestät sowie Generalzahlmeister für die burgundischen Truppen in den Niederlanden und nicht zuletzt Kreditgeber seines kaiserlichen Gönners. Nicasius heiratete um 1500 in erster Ehe Gutgin van Merle, die vermögende Witwe des Jasper Voisjeger, die vermutlich 1502 der Pest zum Opfer fiel, in zweiter Ehe 1507 deren Stiefmutter Christina Hardenradt, Witwe des Johann van Merle. Beide Ehen blieben kinderlos. Daher bestimmte er seinen jüngeren Bruder Georg zum Erben (die übrigen drei Geschwister hatten die geistliche Laufbahn gewählt und wurden mit Geldgeschenken abgefunden). Georg verwaltetet die Geschäfte seines Bruders in Köln. Auch er wurde zum Ritter, kaiserlichen Rat und Hofmeister ernannt. Verheiratet war mit Sibilla van Merle, der Halbschwester seiner ersten und Tochter seiner zweiten Schwägerin aus deren erster Ehe; er hatte drei Töchter: Catharina, Sibilla und Elisabeth, die alle in alte Kölner Familien einheirateten. Auf dem rechten Flügel (s. Bild rechts)erscheinen zwei Stifterinnen mit den Wappen Hardenradt und Merle sowie den Heiligen Christina und Gudula. Somit handelt es sich bei der linken Stifterin um Nicasius 2. Ehefrau Christina Hardenradt, die zweite wird traditionell als deren Tochter (und Schwägerin) Sibilla bezeichnet. Die Namenspatronin legt aber nahe, in ihr Nicasius‘ erste Frau Gutgin van Merle zu sehen. Möglicherweise wurde aber auch dessen Stieftochter (und Schwägerin) Sibilla porträtiert – Gutgin war immerhin schon mehr als 10 Jahre tot – und dieser in Erinnerung an Nicasius‘ verstorbene Frau und Halbschwester Sibillas deren Namenspatronin Gudula beigegeben? Die Mitteltafel des Altars aus St. Maria im Kapitol weicht in ihrer Komposition ab, die Außenflügel mit den Stiftern hingegen wurden wiederholt. Die Familie Hacqueney fiel aber auch durch weitere Stiftungen auf. Für St. Maria im Kapitol, einer Kirche, der besonders die Familie Hardenradt eng verbunden war, wurde der heute noch bestehende Renaissance-Lettner in Auftrag gegeben – auch er ein südniederländisches Werk. Wohl für die Dominikanerklause St. Achatius stifteten sie den Altar der Hl. Sippe (heute WRM 165). Zudem ließen Nicasius und seine zweite Frau die Neue Sakristei in der Kölner Kartause St. Barbara errichten. Hier erscheinen erstmals in Köln Renaissanceputten mit Beiwerk.

R. Wagner