Markant, aber ruhig

Bild der 23. Woche - 4. bis 10. Juni 2007

Wassily Kandinsky, Scharfruhiges Rosa, 1924, Öl auf Pappe, 63,6 x 48,2 cm. Museum Ludwig, ML 76/02881

"Scharfruhiges Rosa": Die klar gegliederte Komposition dieses Gemäldes von Wassiyl Kandinsky (Moskau 1866 – 1944 Neuilly-sur-Seine) wird bestimmt von Elementare geometrische Formen vor einem dunklem Grund. Der strenge Bildaufbau und die ausgewogenen Farbabstufungen strahlen Ruhe aus, während diagonale Linienführungen und strahlenartige Formen dynamische Prinzipien verkörpern. Namensgebend ist die spitz zulaufende rosa Dreiecksform, die in der Mitte des Bildes die unterschiedlichen Elemente und Ebenen des Bildes miteinander verschränkt. Obwohl ausschließlich abstrakte Formen, Linien und Flächen zu erkennen sind, entsteht eine räumliche Tiefe, die gegenständliche Assoziationen an Landschaften oder kosmische Darstellungen weckt. Die Komposition verkörpert den Ausgleich von Gegensätzen: von Ruhe und Bewegung, Fläche und Raum, strenger Geometrie und poetischer Bedeutung. Sie gehört gewissermaßen noch in die Übergangszeit Kandinskys von ehemals verspielt-organischen Formen zu geometrisch-strengeren Formationen und erinnert noch an das suprematistische Formenvokabular des Künstlers. Anders als in den lyrischen Impressionen aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg bestimmten nach der Rückkehr aus Russland und den Kontakten zur russischen Avantgarde geometrische Formen und strenge Konstruktionsprinzipien seine abstrakten Kompositionen. Die Farbklänge sind gedämpfter, die Formen streben nicht mehr auseinander, sondern haben trotz aller Linearität eine nach innen gerichtete Tendenz. Das Werk steht in Zusammenhang mit kunsttheoretischen überlegungen Kandinskys während seiner 1922 begonnenen Lehrtätigkeit am Bauhaus. Das Ergebnis veröffentlichte er 1926 in der Publikation „Beitrag zur Analyse der malerischen Elemente, Punkt und Linie zu Fläche“.

Ch. Eschenfelder