170 Jahre Klingelpütz" /> museenkoeln.de | Bild der Woche: "Liebchen, halte durch!"<br>170 Jahre Klingelpütz

"Liebchen, halte durch!"
170 Jahre Klingelpütz

Bild der 41. Woche - 13. bis 19. Oktober 2008

Blick auf "Klingelpütz" und Umgebung (Rahmen), 12. April 1961 Fotografie von AERO Müller 17,8 x 23,5 cm Köln, Kölnisches Stadtmuseum, Graphische Sammlung
Grunrißplan des Gefängnisses Klingelpütz Holzstich, um 1845 Köln, Kölnisches Stadtmuseum, Graphische Sammlung
K. Fingerhut Frauenflügel des Gefängnises Klingelpütz, 1944 Köln, Kölnisches Stadtmuseum, Inv.-Nr. 72/242

Klingelpütz" – ein Name, aus der Gefängniswelt ähnlich bekannt wie Santa Fu oder Sing Sing und dabei doch mit der Aura des Anheimelnden. Ein Name, den der Volksmund nach dem Umzug des Gebäudes aus der Altstadt nach Köln-Ossendorf auf die neue Haftanstalt übertrug. Dabei war dieses Gefängnis alles andere als ein idyllischer Ort gewesen. Dräuend hatte er die nordwestliche Altstadt beherrscht. Und als zentrale Hinrichtungsstätte der Rheinprovinz mit der Guillotine im Hof taugte er auch nie zur Idyllisierung. Auf dem Gelände, auf dem ab 1834 das "Arrest- und Correctionshaus zu Cöln" errichtet wurde, hatte sich zwischen 1426 und 1787 das Kloster der Augustiner-Chorherren "Herrenleichnam" befunden. Die benachbarte Straße "Am Klingelpütz", die dem ganzen Komplex zu seinem Namen verhalf, war nach dem Pütz (von Lateinisch: puteus für Brunnen) des Herrn Clingilman benannt. Das Rheinische Zentralgefängnis war der erste Gefängnisneubau in der preußischen Rheinprovinz und man setzte neueste Erkenntnisse zur Sicherheit und Hygiene um (so erhielt jeder Gefangene eine eigene Bettstelle und niemand wurde mehr in Ketten gelegt). Entworfen hatte ihn der Kölner Regierungsbaumeister Matthias Biercher. Das ganze Areal war ringsum von hohen Mauern umgeben. In der Mitte befand sich ein achteckiges Zentralgebäude für Verwaltung, Schule, Bibliothek usw., von dem aus vier Flügel abgingen. Zwischen den Flügeln gab es nochmals Mauern, um die Höfe abzutrennen. Innerhalb der Ringmauern befanden sich zudem Lazarett, Kirche (für beide christlichen Konfessionen), Koch- und Waschküchengebäude usw. Alle Gebäude waren in Ziegelrohbau in einfachster Form ausgeführt. Während der ersten Bauphase 1834–1838 wurden zunächst nur drei dreigeschossige Flügel errichtet, mit durchgehenden, gewölbten Korridoren. Am 15. Oktober 1838, also vor 170 Jahren, wurde das Gefängnis in Betrieb genommen. 1843–1845 wurde die Anlage um den vierten, viergeschossigen Flügel erweitert, er war für Isolierhaft ausgelegt. Neu war hier eine durch alle Stockwerke reichende Mittelhalle mit umlaufenden Galerien, wodurch die Aufsichtsführung wesentlich erleichtert und Personal eingespart wurde. "Grobe Verbrecher, criminell Verurteilte im Rückfalle und disziplinarbestrafte Gefangene" – an ihnen sollte ein neues amerikanisches Modell erprobt werden: Jede der 160 Zellen hatte ein kleines, sehr hoch angebrachtes und stark vergittertes Fenster aus undurchsichtigem Glas. "Der Gefangene bleibt stets allein und daher lediglich mit sich selbst beschäftigt." Mit Fertigstellung dieses südlichen Flügels zogen dort die "Schwerverbrecher" und Isolationsgefangenen ein. Nur ein einziges Gebäude stieß an die Straße: das Pförtnerhaus. Von dort gelangte man in einen Hof mit Häusern für den Direktor und die Beamten mit ihren Familien. Das Gefängnis war für "300 Zwangs-Arbeitsstraffällige und 500 Correktionäre" ausgelegt. Hier verbüßten Verurteilte aus der ganzen Rheinprovinz ihre Strafen. Im Laufe der Jahre erwies sich das Gebäude als zu klein. 1892–1896 wurde der Komplex erweitert. Im größten, am Gereonswall gelegenen Innenhof wurde ein viergeschossiges Hafthaus für weitere 204 männliche Strafgefangene errichtet. Als Ersatz für die dort befindliche Kapelle wurde das Obergeschoss des Oktagons umgestaltet. Mittlerweile gab es auch einen als Synagoge genutzten Raum (und daher wurden alle jüdischen Gefangenen der Rheinprovinz nach Köln überstellt). Der östliche Flügel, das Frauenhaus, wurde ebenfalls aufgestockt und erweitert. Nach der NS-Machtübernahme wurden im Klingelpütz (wieder – z. B. war 1884 im Zuge des Kulturkampfes Kardinal Melchers als Untersuchungshäftling inhaftiert) zahlreiche politische Gefangene untergebracht; seit 1942 beanspruchte die Gestapo einen Gefängnisflügel allein für sich. Intern wurde dieser Bereich als "Bau des Schweigens" bezeichnet, da von den Gefangenen nicht einmal die Namen bekannt werden durften. Im Klingelpütz waren während der NS-Zeit bis zu 1700 Häftlinge, darunter 300 Frauen, zusammengepfercht. Neben der Funktion als Haftanstalt wurde der Klingelpütz – wie schon erwähnt - zur zentralen Hinrichtungsstätte für zahlreiche Sondergerichte. Insgesamt wurden 1933–1945 hier schätzungsweise 1000 Menschen umgebracht. Wie die übrige Altstadt blieb auch der Klingelpütz nicht von Bomben verschont. Als erstes wurde das Oktagon zerstört. Bis 1952 wurde das zu 60–70 Prozent zerstörte Gefängnis wieder aufgebaut, jedoch nicht komplett, wie man auf dieser Luftaufnahme von 1961 sehen kann. Schon damals wurden von Seiten der Stadtverwaltung erste Wünsche laut, die Haftanstalt zu verlegen. 1960 gelangte der Klingelpütz ein letztes Mal mit negativen Schlagzeilen in die Presse, nachdem Misshandlungen der Häftlinge durch Prügelkommandos der Wärter bekannt wurden. Darüber hinaus gelang es Insassen immer häufiger, aus dem Gefängnis zu fliehen. Als drei Häftlinge die hohen Mauern überkletterten und in Gefängniskleidung Straßenbahn und Bus fuhren, fand sich keiner, der sie verpfiffen hätte. So ein "fideles Gefängnis" passte ins kölsche Weltbild besser als die Wahrheit, die der nordrhein-westfälische Justizminister mit "Dr. Mabuses Gruselkabinett" verglich. 1968 wurde das Gefängnis schließlich geschlossen und die Insassen wurden nach Ossendorf verlegt, der Komplex 1969 gesprengt. An seiner Stelle befindet sich heute der Klingelpütz-Park. Der kleine Hügel deckt die Trümmer zu. Die Anwohner waren glücklich. Endlich raubte ihnen niemand mehr die Nachtruhe mit so trostreichen Rufen wie "Liebchen, halte durch!", "Tünn, saach nix, ich saach auch nix!" oder "Egon, ich bin nicht fremd gegangen, glaub es mir doch!" Vorbei die Zeiten, da Schnapsflaschen und Kassiber, an Schnüren baumelnd, ins Zellenfenster geschmuggelt wurden. Vorbei das Vermieten von Mansardenfenstern und Dachluken, von denen aus Liebesgrüße und Winksignale zum Zellentrakt hinübergingen.

R. Wagner

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