Der sich waschende Europäer

Bild der 6. Woche - 9. bis 15. Februar 2009

Hochzeitaufnahme der späteren Museumsgründer Adolf und Frieda Fischer im März 1897

Das Jahr 2009 stellt für das Museum für Ostasiatische Kunst in Köln ein besonderes Datum dar: 100 Jahre ist es her, seitdem das Ehepaar Adolf und Frieda Fischer als Frucht langer Jahre des Reisens und Zusammentragens der Stadt ihre Sammlung übergaben und damit das erste eigenständige Museum für ostasiatische Kunst in Deutschland gründeten. Von seinem zweijährigen Japanaufenthalt (1895-96) berichtete Adolf Fischer folgende Episode: Der sich waschende Europäer Froh war ich, als die Nacht zu Ende ging. Mein Dolmetsch kam und bat mich, auf die Veranda zu gehen und mich dort zu waschen, denn hier im Zimmer, das mit so schönen Tatamis (Matten) bedeckt sei, gehe das nicht an. Mir war das ganz einerlei, und wenn mein Hauswirt gewünscht hätte, daß ich mich auf dem Dache waschen solle, so hätte ich es auch ohne Säumen gethan. Man brachte auf die Veranda ein kleines Bambusgestell mit einer Messingschüssel; auf dringendes Verlagen bekam ich auch ein Glas und ein Handtuch, das die Größe eines Taschentuches hatte. Diese Vorbereitungen hatten die Aufmerksamkeit der Gäste auf sich gezogen. Alle Schiebethüren öffneten sich nach der Veranda zu, und es herrschte eine Spannung und Aufregung, als ob einer gehenkt werden sollte. Die Gäste, meist Familien, die nach Zenkoji pilgerten, einem der berühmtesten unter den zahllosen Wallfahrtsorten Japans, konnten mein Erscheinen kaum erwarten; sie hatten bereits den Abend vorher ihr Bad genommen, und schienen, da sie früh abreisten, ihre Morgenreinigung nur auf das Allernotwendigste beschränkt zu haben. Reinen Gewissens trat ich auf die Veranda zur goldig blinkenden Waschschüssel, füllte mein Glas mit Wasser, gewöhnte meinen Schwamm von neuem an das feuchte Element, als ich mich auf einmal von einer Schar von Zuschauern umringt sah, die mich neugierig, aber gutmütig anglotzte. Wider Willen fand ich mich in die Situation versetzt, eine Vorstellung zu geben, und mich vor dem verehrten Publikum verbeugend, verkündete ich laut: „Der sich waschende Europäer, Schwank mit Schwamm in einem Akte.“ Der Vorhang hob sich, das heißt, mein Hemd senkte sich. Die Aufnahme der Novität gestaltete sich folgendermaßen: Die Gesichtswaschszene hatte mäßigen Beifall, die Handwaschungsszene fiel so ziemlich ab, hingegen die Zahnputzszene mit obligater Kalodontausquetschung auf die Zahnbürste fand einen zündenden, durchschlagenden Erfolg. Lautes Beifallsgemurmel lief durch die Reihen der verehrten Zuschauer, ja, es fehlte nicht viel, und ich hätte ganz so, wie in der italienischen Oper, wo ganze Scenen wiederholt werden, meine Zähne da capo geputzt. Nun glaube man ja nicht in der lieben Heimat, daß dem von europäischer Kultur noch unbeleckten Japaner die Kunst des Zähneputzens gleich fremd sei wie unseren trefflichen Bauern. Der Japaner gebraucht statt der Zahnbürste das Stäbchen eines Weidenbaumes, dessen Ende, durch zahlreiche Einschritte gefasert, gleichsam einen Pinsel bildet, und statt der Zahnpasta nimmt er etwas Salz, das stets in einem Gefäß beim Brunnen steht. Nach eingenommenem „Morgenreis“ fuhr ich, da ich für meine Tour nach Tokimata, wo die Stromschnellen des Tenryugawa beginnen, in Karuiyawa keine Pferde auftreiben konnte, mit der Bahn 1 ¼ Stunde weiter nach Tanaka, von wo aus ich sogar noch einen Tag früher mein Ziel erreichen konnte. Museum für ostasiatische Kunst