Badefreuden eines Europäers

Bild der 26. Woche - 29. Juni bis 5. Juli 2009

Franz Hohenberger. Bad Morosan (Buchillustration für "Bilder aus Japan"), 1896. Tusche und leichte Farben auf Papier, 25,2 x 18,5 cm. Museum für Ostasiatische Kunst Köln, Inv. Nr. Ad 41

Das Jahr 2009 stellt für das Museum für Ostasiatische Kunst in Köln ein besonderes Datum dar: 100 Jahre ist es her, seitdem das Ehepaar Adolf und Frieda Fischer als Frucht langer Jahre des Reisens und Zusammentragens der Stadt ihre Sammlung übergaben und damit das erste eigenständige Museum für ostasiatische Kunst in Deutschland gründeten. Von seinem zweijährigen Japanaufenthalt (1895-96) berichtete Adolf Fischer folgende Episode (Auszug aus: Adolf Fischer: „Bilder aus Japan“, Berlin 1897, S. 313 f.): Zwei Tage, nachdem ich das Ainodorf Piratori verlassen hatte, begrüßte ich wieder das an der grünen lieblichen Vulkanbay gelegene Mororan. Noch in derselben Nacht gedachte ich mit dem Dampfer wieder nach Hakodate zurück zu fahren, doch vorerst fühlte ich, um mich von dem Staub und dem Schmutz der Landstraße zu reinigen, ein mächtiges Sehnen nach einem Bad. Leider durfte ich, da die Herberge von Japanern überfüllt war, an das sonst übliche Vorrecht der Benutzung nicht denken. Den großen Baderaum betretend, fand ich in voller Wascherei begriffen vier Herren und eine Dame in paradiesischem Kostüm, und da ich glaubte, es sei eine Familie, deren Mitglieder sich nur untereinander nicht genierten, so drückte ich mich schleunigst, um draußen zu warten. Die Luft wurde bald rein; ich ließ mich sofort in der großen, kistenartigen Wanne, allmählich schon an japanische Temperatur gewöhnt, abbrühen, sollte mich aber des Alleinseins nicht lange erfreuen. Die Schiebethür ging auf, und zwei Damen, die eine von ungefähr 17, die andere von etwa 35 Jahren, warfen beim Eintreten die Kimonos ab und fingen an sich abzuwaschen. „Die sehen dich gewiß nicht in der dampfenden Wanne sitzen“, sagte ich mir und versuchte durch Räuspern ihnen meine Anwesenheit auf zarte Weise zu verkünden, was aber zu meinem größten Erstaunen gar keinen Eindruck machte. Die Schönen setzten ruhig ihre Waschungen fort, kamen dann stracks auf meine Wanne zu und begannen sich mit Schöpfeimern an langen Stielen heißes Wasser überzugießen. Ich galt als Luft; japanischen Damen gegenüber legt sich des Europäers Mannesstolz. Was thun? Zum Glück fiel mir die Lehre meines alten Erziehers ein: „Junge, siehst du in einer besetzen Pferdebahn oder sonstwo Damen, die keinen Platz haben, so stehst du auf und bietest ihnen höflichst den deinen an.“ Ich erweiterte diese Maxime, sprang mit einem kühnen Satz aus der heißen Brühe und lud mit eleganter Handbewegung die Damen ein, Platz zu nehmen, was sie denn auch mit artigem Lächeln und Kopfnicken thaten. Als ich noch mit dem Abtrocknen beschäftigt war, erschien ein älterer Japaner, wahrscheinlich der Gatte und Vater. Es entspann sich zwischen den Damen und dem Neueingetretenen ein Gespräch. Man sprach vom „Idjinsan“ (dem fremden Herrn) und vom „Furo“ (dem Bad), worauf der Alte auf mich zutrat und einen Schwall freundlicher Redensarten unter vielen Bücklingen losließ. Gerührt schüttelte ich die Rechte des Wackeren, beteuernd, es sei mir ein Vergnügen gewesen, ihn und besonders seine geschätzte Familie wenn auch nur flüchtig, so doch von der vorteilhaftesten Seite kennen zu lernen. Museum für Ostasiatische Kunst