Das unbehagliche Gefühl, bekleidet zu sein

Bild der 34. Woche - 24. bis 30. August 2009

Kinbei Kusakabe (1841–1934) Die Hauptstraße von Shimosuwa mit Teehaus und Feuerglocke Albumindruck, koloriert, 1880er Jahre Museum für Ostasiatische Kunst, Inv. Nr. P 49

Das Jahr 2009 stellt für das Museum für Ostasiatische Kunst in Köln ein besonderes Datum dar: 100 Jahre ist es her, seitdem das Ehepaar Adolf und Frieda Fischer als Frucht langer Jahre des Reisens und Zusammentragens der Stadt ihre Sammlung übergaben und damit das erste eigenständige Museum für ostasiatische Kunst in Deutschland gründeten. Von seinem zweijährigen Japanaufenthalt (1895-96) berichtete Adolf Fischer folgende Episode (Auszug aus: Adolf Fischer: "Bilder aus Japan", Berlin 1897, S. 14 ff.): Bei strömenden Regen fuhren wir in der Dunkelheit durch die bergigen Straßen Shimo-no-suwas, wo ich in der besten Yadoya sehr zeremoniell empfangen wurde. Meine Kulis, durchnäßt und kotbespritzt, wurden gleich beschmutzten Wagenrädern an der Schwelle des Hauses fein säuberlich abgewaschen; erst dann durften sie die sauberen mattenbedeckten Räume betreten. Neugierige fanden sich alsbald genug ein und reckten ihre Hälse nach mir aus, denn meine Ankunft hatte sich im Städtchen wie ein Lauffeuer verbreitet. Shimo-no-suwa, ein bei den Japanern beliebter Badeort, liegt in einem Gebirgskessel, der größtenteils vom fischreichen Suwasee ausgefüllt ist, auch giebt es hier zwei heiße Quellen von 33° und 35° Celsius. Gerne würde ich vielen europäischen Familienvätern, die über den übertriebenen, schwer erschwinglichen Toilettenluxus der in den fashionablen Badeorten Europas herrscht, klagen, dies Bad wegen seiner Billigkeit und der Schlichtheit seiner Sitten empfehlen, müßte ich nicht fürchten, daß die dort übliche allzu große Ungeniertheit zum Steine des Anstoßes würde. Der Regen hatte sich gelegt, und so studierte ich denn das Badeleben Shimo-no-suwas, das sich nur des Abends abspielen kann, denn tagsüber beschäftigten sich die Badegäste mit Reisessen und anderen nützlichen Dingen. Kurtaxen, Kurmusik und dergleichen unliebsame Einrichtungen belästigen den dortigen Kurgast nicht, auch sieht man auf der dortigen Promenade des Abends, wo Herren und Damen vom und zum Bade gehen, wenig Toilettenluxus. Die elegantesten Herren, die "Badegigerln", sind bloß mit Sandalen bekleidet, den Kimono tragen sie anstatt eines Paletots stutzerhaft über die Schulter geworfen; die Damen hingegen haben nach dem Bade ihren Kimono um die Hüften geschlungen, so den Unterkörper teilweise bedeckend, und führen ihre splitternackten Kinder an der Hand. Die Badehäuser selbst sind sehr einfache Holzbaracken; die Herren- und die Damenabteilung haben einen gemeinschaftlichen Eingang, doch sind beide Abteilungen durch einen etwa 4 Fuß hohen sehr lückenhaften Holzzaun voneinander getrennt. Thüren giebt es im Innern nicht, auch keine Badewäsche, und zu gemütlichem Plausch kommen beide Geschlechter, den Holzzaun ignorierend, zusammen, um die interessantesten Erlebnisse des Tages zu besprechen. Als ich das Bad verließ, kam ein "Basha", ein japanischer Omnibus angefahren, dessen Außenseite schon jedem Europäer Freudenthränen entlockt haben würde. Aber erst der Inhalt! Drinnen saßen, zusammengepfercht wie gepökelte Heringe in der Tonne, Männlein und Weiblein, die sittsam ihren Kimono auf dem Schoße vor sich liegen und - gar nichts an hatten; hingegen war der Postillon, der den Herrschaften aus der engen Wagenthüre heraushalf, mit einem sehr abgenutzten Posthorne, das einst, weiß Gott wo, in Europa geblasen worden war, bekleidet. Die Omnibuspassagiere sahen mich scharf an; mich überkam auf einmal unter all diesen eleganten Badegästen ein Gefühl der Scham, ich kam mir gar so bekleidet vor, und von diesen unangenehmen Empfindungen gedrückt, schlich ich still zu meinem Vogelhaus, - Hotel wollte ich sagen.

Museum für Ostasiatische Kunst